Faible für raffinierte Gewürze

Anja Ender hat ein Faible für raffinierte Gewürzmischungen. Mit Geschmacksverstärkern und anderen chemischen Zusätzen hat die gelernte Köchin allerdings nichts am Hut. Seit 2011 stellt sie ihre eigenen Gewürzmischungen her und exportiert sie inzwischen von Schlins aus in alle Welt.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, PRIVAT, INGIMAGE

Anjas Gewürzeshop  ist nicht einfach zu finden. Das Einfamilienhaus, in dem der kleine Laden eingerichtet wurde, liegt zwar mitten im Schlinser Zentrum, aber nicht unbedingt an den Durchzugsrouten. Doch steht man erst einmal vor den hölzernen Regalen, fällt die Auswahl schwer. Mehr als 300 Gewürze und Gewürz­mischungen, Öle und andere Spezialitäten werden sorgsam in aromadichten Gläsern, Flaschen und Nudeltüten präsentiert. Die Auswahl reicht von einfachem Kräutersalz über Klassiker wie Kümmel oder Basilikum bis hin zur exotischen Tonkabohne, zu Lupiniennudeln, aromatischem Essig, goldenem Kurkuma-Honig, Chili-Öl, Grappa-Senf und Whisky-Pfeffer. Auch ener­getische Wassersteine, Salzlampen und Teelichter hat Anja Ender im Sortiment.

Besonders beliebt sind aber Anjas Gewürzmischungen sowie Dips, die nur noch mit Joghurt oder Sauerrahm angerührt werden müssen. Diese bildeten auch den Ursprung für die Geschäftsidee der Schlinser Familie.

„Ich liebe fertige Gewürzmischungen”, gesteht Anja Ender. Sie prüfte sorgsam Geschmack und Inhaltsstoffe von herkömmlichem Fleischgewürz, Garam Masala, Salatkräutern & Co. Doch kaum ein Produkt entsprach ihren Vorstellungen. Die vielen E-Nummern, Glutamat und viel zu viel Salz stießen der gelernten Köchin unangenehm auf. Außerdem fand sie heraus, dass etwa Paprika oft mit Zucker, Knoblauch mit Salz gestreckt wird. Viele der getesteten Gewürze rauchten innerhalb kürzester Zeit aus und verloren ihren Geschmack, weil sie nur unzureichend verpackt waren. Anja Ender begann deshalb, für ihren privaten Gebrauch eigene Mischungen herzustellen. 

Dies blieb Freunden und Verwandten nicht verborgen. Bald sorgten Anjas Gewürz-Kreationen auch in deren Küchen für das gewisse Etwas. Es war aber ihr Mann Armin, der befand, dass Verwandtschaft meist die kritischste Kundschaft sei. Er war überzeugt davon, dass Anjas Gewürze auch bei anderen Feinschmeckern ankommen würden. „Anfangs sind wir mit rund zwanzig Produkten auf verschiedene Märkte gegangen”, erzählen die beiden. Doch bald war klar, dass es viele Gleichgesinnte gibt, die Gewürzmischungen aus biologischen Zutaten ohne Aromastoffe, Hefe, Glutamat und andere Geschmacksverstärker zu schätzen wissen. In der ehemaligen Garage wurde also eine Gewürzküche eingerichtet, das 500 Jahre alte Haus umgebaut, ein ansprechender Laden eingerichtet, der Dienstag bis Freitag regen Zulauf erfährt. Trotzdem sind die Firmenchefs und ihr Team immer noch viel unterwegs. „Übers Jahr kommen wir zusammen auf 300 Markttage”, schätzen die beiden den direkten Kontakt zu ihren Kunden. 

Alle Gewürze werden von Hand gemischt und in aromasichere Gläser mit Schraubdeckel abgepackt.

Zum zweitwichtigsten Standbein ist inzwischen aber das Internet geworden. „Ich habe immer gesagt, kein Mensch kauft Lebensmittel online”, kann Anja Ender es kaum fassen, dass sie aktuell rund 200 Pakete pro Woche in die verschiedensten Länder der Erde verschickt. Armin, ein gelernter Elektriker und Veranstaltungstechniker, hat ihr eine einfache Homepage eingerichtet, auf der sie ihr Angebot nun weltweit präsentiert. Auch Armins Idee, „Gewürzpartys” anzubieten, hat sich als Renner entpuppt. Acht freiberufliche Mitarbeiter wurden inzwischen bestens geschult, damit sie alle Fragen der Feinschmecker beantworten können, wenn sie ihnen das vielseitige Sortiment in deren Zuhause zum Riechen und Schmecken präsentieren.

Die drei Töchter des Paares sind ebenfalls wahre Gewürz-Expertinnen. Während die 18-jährige Laura den Kunden am Marktstand kompetent Auskunft gibt, hilft die neunjährige Valentina lieber im Geschäft, räumt die Regale ein und versieht die Gläser mit den passenden Etiketten. „Und die zehnjährige Amelie weiß mehr Rezepturen auswendig als ich”, freut sich Anja Ender über das Interesse ihrer Töchter. Auch die Freundin, die Tante und der Bruder packen im Familienbetrieb mit an.

Obwohl Anja Ender ihren Beruf als Köchin vor fünf Jahren aufgegeben hat und ihr Mann Armin inzwischen den Ruhestand genießt, wird Unterstützung in Anjas Gewürzeshop dringend gebraucht. Schließlich ist nicht nur das Sortiment der Enders um ein Vielfaches gewachsen. Anja verarbeitet aktuell pro Jahr rund 2,5 Tonnen Knoblauch und 1,5 Tonnen Petersilie, um nur zwei der vielen Zutaten ihrer Würz-Mischungen zu nennen.

 

Das ist allein schon ein logistischer Aufwand, zumal Anja Ender bei ihren Lieferanten strenge Qualitätskriterien ansetzt und nicht einfach alle Zutaten bei einem Händler bestellt. Anfangs hat sie die meisten Kräuter noch frisch gekauft und selbst getrocknet. Diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Die meisten Kräuter ordert sie bereits in getrocknetem Zustand von Produzenten im deutschsprachigen Raum. Hochwertiges Leinöl bezieht sie von einer kleinen Mühle in Langen bei Bregenz, Lupinien-Nudeln werden nach Anjas Rezept von einer Frau in Deutschland hergestellt. 

Aber auch bei den Exoten in ihrem Angebot setzt Familie Ender auf einen möglichst direkten Draht ins Herkunftsland. 

So verarbeitet Anja Ender ausschließlich zertifiziertes Ursalz, welches ein Freund aus Pakistan bei seinen Reisen in die Heimat einkauft. Eine Vorarlbergerin, die seit vielen Jahren in Indien lebt, ist für die Lieferung von Kurkuma, Kreuzkümmel und Co verantwortlich. Curry ist übrigens die einzige Mischung in ihrem Laden, welche Anja Ender nicht selbst zusammenstellt. Sie gibt offen zu, dass ihre Versuche in dieser Hinsicht nicht an die Köstlichkeiten herankamen, welche sie direkt aus den Herkunftsländern importieren kann. 

Aber selbstverständlich prüft sie auch bei diesem Produkt alle Inhaltsstoffe und deren Qualität genau. Dazu ordert sie von einem neuen Lieferanten anfangs nur kleine Mengen und verlässt sich nicht nur auf die eigene Nase. Immer wieder lässt sie Proben analysieren. Wenn das Ergebnis passt, darf der Curry beispielsweise in ihren Currydip, der aus genau dosierten Mengen an Curry, Petersilie und Chili besteht. 

Ziemlich aufwendig ist die Herstellung von Anjas natürlichem Zitronensalz. Dazu wird das Ursalz aus Pakistan mehrfach mit frischen Bio-Zitronen angesetzt, damit es die Aromen bestmöglich aufnimmt. Erst kurz vor dem Abfüllen kommt zusätzlich noch getrocknete Zitronenschale dazu. 

Armin Ender hat die Produktpalette vor einiger Zeit um verschiedene Senfe erweitert. „Ich hatte mich anfangs geweigert, weil Lustenauer Senf einfach so gut ist”, gesteht seine Frau. Doch inzwischen hat auch sie Geschmack an immer neuen Senf­kreationen gefunden.          

Weil in Anjas Gewürzküche noch immer alles händisch gemischt wird, kann sie zudem auf Sonderwünsche eingehen. Manch einer hat irgendwann ein Lieblingsgewürz erstanden und weiß nicht mehr, wo er genau diese Mischung wieder ordern kann. Dann steckt Anja Ender ihre geschulte Nase in die Gewürztüte und findet meist rasch eine Mixtur, die genau richtig schmeckt.  

Gerne nimmt sie auch auf Allergien oder geschmackliche Vorlieben ihrer Kunden Rücksicht. Auf Wunsch gibt es dann etwa ihre Würzmischungen für Meeresfrüchte, Gemüse­pfannen oder Hackfleischgerichte eben ohne Knoblauch, das Wild- oder das Knödelgewürz ohne Pfeffer. Wer auf eine salzarme Ernährung schwört, findet in Anjas Gewürzeshop 80 Würz-Mixturen ohne jegliches Salz. Auch ein altes Heilmittel aus Großmutters Zeiten hat sie auf Kundenwunsch bereits zubereitet. Als Dreigewürz sollen Muskat, Koriander und Piment im richtigen Mischungsverhältnis gut für die Knochen sein und Rheuma sowie Gicht vorbeugen, hat sie beim Plausch am Marktstand erfahren. „Ich habe viel von meinen Kunden gelernt”, sieht Anja Ender diese Gespräche als Inspiration für ihre geschmacklichen Experimente.

Damit ihr genau für solche Sonderwünsche Zeit bleibt und sie sich nicht von Großkunden abhängig macht, hat Anja Ender die Anfragen von Supermarktketten, die ihre Produkte ins Sortiment aufnehmen wollten, immer abgelehnt. Sie setzt weiterhin auf den Direktvertrieb und ihr Online-Business. Nur in ein paar kleinen Geschäften in Vorarlberg – etwa im Gnuss-Lada im Frastanzer Saminapark – sind einige Produkte aus ihrem Sortiment erhältlich. 

Anja Ender hofft, dass sie mit ihren Produkten dazu beitragen kann, dass die Menschen Spaß am Kochen haben und sich mit Genuss gesund ernähren. „Der Trend geht in diese Richtung”, ist sie überzeugt. Gerade in der Vorweihnachtszeit hat sie immer wieder Zwölf- bis 15-Jährige beraten, die für ihre Mama nicht nur irgendein Geschenk kaufen wollten. „Die Jugendlichen haben ganz genau nachgefragt”, berichtet Anja Ender. „Das zeigt doch, dass auch bei den Jungen Inter­esse da ist.”

Leckere Rezepte von Anja Ender zum Ausdrucken gibt’s hier: https://allerhand-magazin.at/wp-content/uploads/2020/03/Rezepte.pdf

Anjas Gewürzeshop am Winkelweg 8 in Schlins ist
am Dienstag und Mittwoch jeweils von 9 bis 12 und 14 bis 18 Uhr,
am Donnerstag von 9 bis 18 Uhr und
am Freitag von 14 bis 20 Uhr geöffnet. 

Online findet man ihn unter www.anjas-gewuerzeshop.jimdo.com