Die Zukunft unserer Kinder

Sie sind zur Mitarbeit verpflichtet, bauen Möbel für die Schule, kochen, nähen, helfen bei Veranstaltungen,…. und müssen auch noch Kindergartenbeitrag beziehungsweise Schulgeld zahlen. Vor 15 Jahren haben engagierte Eltern aus der Region in Nenzing einen privaten Kindergarten und fünf Jahre später in Ludesch eine private Volksschule gegründet. Wozu?

Wir sind in Ludesch in der glücklichen Lage, dass wir unter mehreren guten Bildungseinrichtungen aussuchen können”, erklärt Daniela Gmeiner – und hat sich für ihre Kinder Lea (9) und Felix (7) trotzdem für die Einrichtungen im Montessori Zentrum Oberland entschieden. „Denn hier weiß ich, dass die pädagogischen Grundsätze auch bei einem Personalwechsel bestehen bleiben.” Sie hat vor Jahren bei einer Freundin beobachtet, wie respektvoll diese mit ihren Kindern umging. „Nicht gleich berechtigt, aber gleich würdig. Das hat mich total beeindruckt. Das mach ich auch einmal so”, nahm sie sich damals vor. Die Freundin hieß Silvia Burtscher, war ausgebildete Kindergartenpädagogin und begeistert von den Lehren Maria Montessoris. Sie gehörte damals zu jenen Eltern, die ihre beiden Mädchen im Montessori-Kindergarten (damals noch in Nenzing) anmeldeten und sich intensiv für eine Mon­tessori-Schule im Walgau einsetzten. „Unser Traum war eine Schule, in der unsere Kinder ihre Persönlichkeit entdecken und ihre Potenziale voll entfalten können”, erklärt Silvia Burtscher. Ihre Kinder sollten auch nach dem Kindergarten in einer anregenden Umgebung ihre Welt möglichst selbstständig erforschen dürfen. „Unser Vereins­lokal war anfangs bei mir zuhause im Wintergarten”, erinnert sie sich an unzählige Sitzungen und Diskussionen – manchmal zwei, drei Mal in der Woche bis spät in die Nacht. Wo stehen geeignete Räume leer, welche Richtlinien und rechtlichen Voraussetzungen sind zu beachten, wie ist die Schule zu finanzieren, welche Materialien müssen beschafft werden? Die Eltern widmeten diesen Fragen all ihre Kraft.

Der damalige Ludescher Bürgermeister hatte ein offenes Ohr für die Eltern. Mit seiner Unterstützung fanden sich im Gebäude der ehemaligen Baufirma Wucher die gesuchten Räumlichkeiten. Diese mussten aber noch mit großem Aufwand adaptiert und zu Schulklassen, Bewegungsraum, zur Schulküche, zu Garderoben,… umgebaut werden. Die Eltern haben auch dies in Eigenregie erledigt, Materialien selbst gebastelt, unzählige Stunden in „ihre” Schule investiert.
Im Herbst 2007 war es geschafft: Die anfangs 13 Kinder mussten von ihren Eltern zum „häuslichen Unterricht” angemeldet werden. „Es war damals ein gewaltiger Aufwand”, erinnert sich die Geschäftsführerin des Montessori Zentrums, Mag. Heike Hartmann. Die Schule musste ihr pädagogisches Konzept jedes Jahr aufs Neue vor der Schulbehörde unter Beweis stellen, jeder Schüler vor den Sommerferien bei einer Externistenprüfung bestehen. Erst nach fünf Jahren erhielt die „Lernwerkstatt” das „Öffentlichkeitsrecht”. Zeugnisse der privaten Volksschule des MZO sind seither allgemein gültig. Finanziell wurde es einfacher, als 2013 der Schulträgerverein Marienberg Verantwortung für die private Volksschule übernahm. Die Eröffnung der Kleinkindbetreuung 2015 war ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung des Montessori Zentrums. Erfahrene Pädagoginnen legen dort schon ab einem Alter von einem Jahr den Grundstein für Forscherlust, Selbstständigkeit und respektvollen Umgang.

Mit Schulleiterin Simone Steeb-Vonblon hatten die Schulgründer von Anfang an eine erfahrene Pädagogin zur Seite, welche die Montessori-Grundsätze auf hohem Niveau im Schulalltag umsetzte. „Heike Hartmann: „Wir wollten schulisch ernst genommen werden, nicht nur in irgendwelchen Räumen Unterricht abhalten.” Die Eltern waren in dieser Phase eine wichtige Unterstützung – und sind es bis heute. In verschiedenen Gremien, bei Workshops und in regelmäßigen Elterngesprächen setzen sich die Mütter und Väter der MZO-Kinder zudem mit pädagogischen Fragen intensiv auseinander.
Die Leitlinien sind klar. Die 1870 geborene Reformpädagogin Maria Montessori ging davon aus, dass jedes Kind mit einem natürlichen Forscher­drang geboren wird, den es durch entsprechende Reize in der Umgebung zu erhalten gilt. Sie entwickelte jede Menge Materialien, mit denen der Lernstoff buchstäblich „begreifbar” werden sollte. Silvia Burtscher erinnert sich noch gut daran, wie sie im Rahmen ihrer Montessori-Ausbildung – sie ist inzwischen eine der Lehrpersonen der „Lernwerkstatt” – die Binomische Formel (a+b)2 = a2 + 2ab + b2 mit Montessori-Material erarbeitete. „Da war ich 22 oder 23 Jahre alt und habe das zum ersten Mal verstanden. Hätte man mir das früher so erklärt, wäre Mathe für mich logisch gewesen.”

Martin Falger und seiner Lebensgefährtin Maya Kleber ist die kosmische Erziehung besonders wichtig, aus der alle anderen Bereiche der Montessori-Pädagogik abgeleitet werden. Die italienische Reformpädagogin forderte von „ihren” Kindern nämlich von klein auf besonderen Respekt für alle Lebewesen. Die „kosmischen Erzählungen”, welche die Entstehung der Erde bis hin zum Menschen erklären, begleiten die Schüler am Montessori Zentrum Oberland durch die Jahre. In unzähligen Exkursionen und Projekten sollen die Kindergartenkinder und Schüler die Welt um sie herum intensiv kennenlernen.
Martin Falger war anfangs trotzdem dagegen, dass seine drei Kinder Maximilian (6), Matteo (5) und irgendwann auch die kleine Marla (neun Monate) im Montessori Zentrum angemeldet werden. Die finanziellen Belastungen und auch die Eltern­arbeit haben ihn abgeschreckt. Er gab nur seiner Lebensgefährtin zuliebe und „mit Widerwillen” nach. Maya Kleber ist selbst Waldorfschülerin, für sie war klar, dass ihre Kinder keinen Frontalunterricht erleben sollten. – Auch wenn dies bedeutet, dass die Kinder jeden Morgen aus dem Großen Walsertal nach Ludesch gefahren werden müssen.
Martin Falger ist inzwischen „bekehrt”. Er beobachtet mit Stolz, dass seine beiden – ganz unterschiedlichen – Buben mit Freude lernen, sich gerne in der Natur aufhalten und offen sind für unterschiedlichste Gedanken. „Es motiviert mich auch selbst, wenn ich sehe, wie engagiert die Pädagogen sind,” sieht er sich inzwischen als Teil der Schule. „Und irgendwie bringt man das mit dem Geld immer her.”
Martin Falger legt viel Wert darauf, dass seine Kinder im Tal nicht zu Sonderlingen abgestempelt werden, dass sie über Vereine, Fußball und Schifahren mit den Nachbarskindern in Kontakt bleiben. Da er beruflich mit Umwelttechnik zu tun hat, kümmert er sich im Rahmen seiner Elternarbeit darum, dass die „Umweltschule” weiterhin alle Kriterien für diese Zertifizierung erfüllt und sich in dieser Hinsicht weiterentwickelt. Im Mai letzten Jahres hat das Lebensministerium nämlich diese höchste Auszeichnung für gelebten Umweltschutz an die „Lernwerkstatt” vergeben. Pädagogen, Schüler und Eltern hatten sich eineinhalb Jahre lang vorbereitet. Voraussetzung für dieses Zertifikat ist, dass mindestens 51 Prozent der strengen Kriterien erfüllt sind. Die private Volksschule des Montessori Zentrums erreichte auf Anhieb einen Wert von 82 Prozent. Auch dies hängt mit der Philosophie des Hauses zusammen. Biologische Jause, ökologische Reinigungsmittel, Energiesparen, Abfallvermeidung,… gehören ganz selbstverständlich zum Alltag.  „Das meiste musste eigentlich nur noch dokumentiert werden”, bestätigt Martin Falgers Vorgänger in der Funktion des Umweltzeichen-Verantwortlichen, Markus Heimgartner.
Seine Frau und er haben im Sommer „ausgeschult”. Auch die jüngere der beiden Töchter besucht nun das Gymnasium in Bludenz. Beide Mädchen haben den Umstieg recht gut weggesteckt. Vor allem bei der Älteren – Lea ist inzwischen in der Oberstufe – waren die Eltern doch etwas nervös, wie das Mädchen mit Tests und Notendruck zurecht kommt. „Die Umstellung ist auch nicht schlimmer als bei Kindern aus der Regelschule”, ist sich Markus Heimgartner inzwischen sicher. „Kinder brauchen keine Noten, um ihre Leistungen einschätzen zu können.” Auch Silvia Burtscher ist zufrieden, dass ihre ältere Tochter Emma nach den Jahren an der Musikmittelschule Thüringen nun auch an der HTL für Holzbau in Imst gut zurecht kommt. Die Mittlere besucht ebenfalls die Musikmittelschule, während der siebenjährige Linus in der „Lernwerkstatt” noch in Mamas Nähe lernt.

Markus Heimgartner und Silvia Burtscher sind froh, dass ihre Kinder den Lernstoff in ihrem eigenen Rhythmus erarbeiten konnten. – „Natürlich auch mit klaren Regeln und sanfter Führung.” Denn gerade wenn jedes Kind in einer Klasse mit einer anderen Aufgabe beschäftigt ist, braucht es ein Regelwerk, das alle respektieren.” „Diese Klarheit gibt den Kindern Sicherheit”, ist auch Daniela Gmeiner überzeugt. Sie hofft, dass in den nächsten Jahren eine Montessori-Mittelstufe gegründet wird. Eine Gruppe von Eltern beschäftigt sich bereits mit diesem Thema.
Alle „MZO-Eltern” schätzen es aber ganz besonders, dass „soziales Lernen” im Mon­tessori Zentrum viel Raum einnimmt. Dies führt natürlich auch dazu, dass die Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. „Die Diskussionen und Konfrontationen muss man zuhause dann halt aushalten”, hat Markus Heimgartner erfahren. „Doch ich muss als Papa nicht immer recht behalten.”
Sein Umfeld reagierte anfangs zurückhaltend, als klar wurde, dass er seine Kinder in eine private Volksschule schickt. „Doch wenn man es den Leuten erklärt, taugt es ihnen schon.” Nach insgesamt acht Jahren als „MZO-Vater” lautet sein Fazit: „Es ist eine spannende Schulgemeinschaft. Wenn man sich darauf einlässt, kann man auch viel für sich selber mitnehmen. Ich habe im Montessori Zentrum Oberland Freunde fürs Leben gewonnen.”

Begeisterte Eltern der Montessori-Kinder

 

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Fotos: Christa Engstler, TM-Hechenberger, Privat, VS Ludesch


Ausgezeichnete Ludescher Volksschule

Schüler, Eltern und Lehrer fuhren zur Preisverleihung nach Wien.
Schüler, Eltern und Lehrer fuhren zur Preisverleihung nach Wien.

Auch in der Ludescher Volksschule setzen die Pädagogen auf moderne Lernmethoden. Für ihre „innovativen Lernsettings” wurde die Schule mit dem 2. Platz des Österreichischen Schulpreises ausgezeichnet. Am 5. Oktober reisten Schüler, Eltern und Lehrer nach Wien, um die Auszeichnung entgegenzunehmen. Der Österreichische Schulpreis wird seit 2008 an Schulen vergeben, die sich mit ihrer pädagogischen Arbeit in insgesamt sechs Qualitätsbereichen besonders hervortun. 2016 haben sich 98 Schulen aus allen Bundesländern um die mit 2000 Euro dotierte Auszeichnung beworben. Es handelt sich um die höchste Auszeichnung, die das Bildungsministerium vergibt. Unter dem Motto „individualisiertes Lehren und Lernen” gibt es an der Ludescher Volksschule keine Jahrgangsklassen mehr. Kinder unterschiedlichen Alters lernen gemeinsam. Dies ermöglicht Hochbegabten, mit den Älteren mitzuziehen, während schwächere Schüler besser gefördert werden. Durch „Teamteaching” haben die Pädagogen mehr Zeit, sich mit einem einzelnen Kind oder einer kleineren Gruppe gezielt zu beschäftigen. „Selbstständigkeit und Selbstverantwortung der Schüler werden dabei genauso gefördert wie soziales Lernen” sind die Pädagogen überzeugt.