Bedrohtes Zeugnis der Zeiten

Die St. Anna-Kapelle steht im Ortsteil Schlins-Frommengärsch. Diese uralte Straßensiedlung lag früher am Schnittpunkt zweier wichtiger Wege. Der südseitige Walgauweg und die Verbindung nach Nenzing-Beschling, die über Jahrhunderte durch eine Furt über die verschiedenen Ill-Arme führte, waren schon in vorchristlicher Zeit von Bedeutung. Nach der Renovierung soll in der Kapelle wieder regelmäßig einmal in der Woche ein Gottesdienst stattfinden.

Seit mehreren hundert Jahren trotzt die St. Anna-Kapelle in Schlins-Frommengärsch der Witterung. Mehrere Hochwasser haben den alten Mauern gewaltig zugesetzt. Seit 2015 bemüht sich deshalb ein Freundeskreis um Renovierung und Erhalt der Kirche und der wertvollen Kunstgegenstände. 

Der Vorstand des Freundeskreises der St. Anna-Kapelle (v.l.): Margit Hartmann, Pfr. Theo Fritsch, Margit Altstätter, Pfr. Rudi Siegl, Rosmarie Bernhart, Dr. Dieter Petras, Werner Sonderegger, Josef Mähr, Obmann Kurt Gerstgrasser.
Der Vorstand des Freundeskreises der St. Anna-Kapelle (v.l.): Margit Hartmann, Pfr. Theo Fritsch, Margit Altstätter, Pfr. Rudi Siegl, Rosmarie Bernhart, Dr. Dieter Petras, Werner Sonderegger, Josef Mähr, Obmann Kurt Gerstgrasser.

„Es ist schon viel geschehen”, berichten Gemeindearchivar Dr. Dieter Petras und Pfarrkirchenrat Herbert Jussel. Die Kirchenmauern waren nach dem letzten Hochwasser 1910 nie mehr ganz getrocknet. Es bestand deshalb akute Gefahr, dass die Kirche langsam aber sicher in sich zusammenfällt. Damit würde aber nicht nur ein Stück Schlinser Geschichte verloren gehen. Denn die St. Anna-Kapelle beherbergt auch jede Menge wertvoller Kunstschätze – und sie gibt den Historikern immer noch einige Rätsel auf. Nun besteht Hoffnung, dass auch in dieser Hinsicht Licht ins Dunkel gelangt.

Auf Initiative von Werner Sonderegger hat sich 2015 der Freundeskreis der St. Anna-Kapelle zusammengefunden, dem inzwischen 188 Frauen und Männer angehören. Mit ihrem Mitgliedsbeitrag (20 Euro/Jahr), viel Engagement und Eigenleistung haben sie den Pfarrkirchenrat unterstützt, sodass er die wichtigsten Arbeiten in Auftrag geben konnte.

Die Entfeuchtung der Mauern ist inzwischen abgeschlossen. Dafür mussten rund um die Kirche Drainagen verlegt werden, elektrisch zu steuernde Fensterkipper sorgen nun außerdem für eine bessere Durchlüftung. Durch Begasung des Dachstuhls und der Altäre wurde dem Holzwurm Einhalt geboten. Die Glocken sowie der Aufbau des Geläuts wurden wieder in Schuss gebracht, der Dachstuhl ist ausgebessert. Im Inneren der kleinen Kirche wurde der Putz abgeschlagen. Die Hoffnung, dass darunter kunstvolle Fresken zum Vorschein kommen, hat sich zwar nicht erfüllt. Immerhin entdeckten die Sanierer aber im Altarraum aufgemalte Apostelkreuze und „Handwerkergraffitis”. So haben sich die am Bau Beteiligten anno dazumal „verewigt”. Sie wussten ja, dass ihre Schmierereien nach Abschluss der Bauarbeiten unter der Farbe verschwinden würden. Schadhafte Stellen an den Fenstern und an den Kirchenbänken sind nun ebenfalls geflickt. „Die gesamte Renovierung wird mindestens 250.000 Euro kosten”, rechnet der Obmann des Freundeskreises, Kurt Gerstgrasser. Bundesdenkmalamt, Katholische Kirche, Gemeinde sowie verschiedenste Sponsoren unterstützen das Anliegen der Kirchen-Sanierer, die weitere Mittel außerdem mit Veranstaltungen erarbeiten. So organisieren sie etwa Vorträge und jedes Jahr im Frühjahr eine Kilbi. Einmal im Monat laden sie zum Jass-Kaffee ins Pfarrheim. Die Erlöse fließen jeweils in die Renovierung.
Mit den in Auftrag gegebenen Arbeiten wird allerdings nur der Status Quo erhalten. „Das Gebäude ist dann in so einem Zustand, dass man sich hundert Jahre nicht mehr darum υ kümmern muss”, erklärt Gemeindearchivar Dr. Dieter Petras. Die Verantwortlichen des Bundesdenkmalamts hätten es gerne gesehen, dass auch die Ölbilder im Kreuzgang renoviert werden. Diese stammen aus dem 18. Jahrhundert, sind aber in so schlechtem Zustand, dass die Restaurierung jedes einzelnen Bildes rund 3500 Euro verschlingen würde. Dies zu stemmen, sieht sich der Freundeskreis außerstande. „Wir können nicht endlos viel Geld investieren. Da muss sich dann die nächste Generation darum kümmern.”

Diebstahlsicherung ist allerdings ein Thema, über das man sich im Freundeskreis sehr wohl den Kopf zerbricht. Denn die St. Anna-Kapelle soll auch nach der Renovierung weiterhin frei zugänglich sein. So ist etwa eine Glasfaltwand, welche den Blick auf die Kunstwerke offen lässt, im Gespräch. Beschlossene Sache ist die Installation einer von Dieter Petras geplanten Beleuchtungsplattform, die im Kirchenschiff von der Decke abgehängt wird. Mehrere Spots werden die wertvollen Gemälde und Statuen künftig gezielt in Szene setzen.

Kunsthistorisches Kleinod

Der Dreikönigs­altar (Detail) ist der kostbarste Schatz der St. Anna-Kapelle.
Der Dreikönigs­altar (Detail) ist der kostbarste Schatz der St. Anna-Kapelle.

Derer gibt es schließlich genug. Nicht umsonst wird das Kirchlein von Fachleuten als „kunsthistorisches Kleinod” gesehen. Der Dreikönigsaltar etwa wurde 1481 von unbekannten Handwerkern mit besonderer Liebe zum Detail geschnitzt und kunstvoll bemalt.
Der Hochaltar und die Statue der Heiligen Anna aus dem frühen 16. Jahrhundert gehören ebenso zu den Kunstschätzen mit überregionaler Bedeutung wie das Epitaph der Familie Altmannshausen, welches über der Eingangstür hängt. Diese hölzerne Gedenktafel erinnert an die Verstorbenen der Familie Altmannshausen. Achilles von Altmannshausen war kaiserlicher Hubmeister und Pfand­inhaber der Herrschaft Jagdberg. Er brach am 29. Mai 1560 zu einer Wallfahrt nach Jerusalem auf, besuchte dort die heiligen Stätten, erkrankte dann aber auf der Heimfahrt und verstarb am 11. Oktober auf hoher See. Das Gemälde auf der linken Seite der Tafel wurde von einer der führenden Künstlerpersönlichkeiten des 16. Jahrhunderts in der Region ausgeführt. Moritz Frosch aus Feldkirch schuf eine Fantasiedarstellung von Jerusalem, in der etwa die Berge im Hintergrund heimatlich anmuten, und stellte darin Szenen aus dem Leben Jesu dar. Im unteren Bereich des Epitaphs kniet der Verstorbene, ihm gegenüber seine Frau Amalia von Raitenau in Witwentracht. Auch die Kinder der beiden sind im Gemälde verewigt. Der rechte Teil der Tafel erinnert an den gemeinsamen Sohn Josef und seine aus schwäbischem Adelsgeschlecht stammende Frau Klara Eva von Blumenegg. Lange Zeit war nicht klar, was für ein Gebäude links unten neben der Kirche dargestellt ist. Inzwischen sind sich die Experten einig, dass es sich um die heutige Bezirkshauptmannschaft handelt. In diesem Gebäude war damals das Hub- und Rentamt – und damit der Amtssitz des Achilles von Altmannshausen – untergebracht. Die Kirche daneben ist wohl der Feldkircher Dom.

Bodenradar soll ein altes Rätsel lösen

Im Zuge der Renovierung möchten die Freunde von St. Anna aber noch ein weiteres Rätsel lösen. Denn in Urkunden aus dem Jahre 821 finden sich Hinweise darauf, dass es in Schlins schon zu jener Zeit zwei Kirchen gab. Wo diese allerdings standen, liegt völlig im Dunkeln. In den nächsten Monaten wird sich entscheiden, ob eine Zusammenarbeit mit dem Ludwig Boltzmann-Institut zustande kommt. Im Rahmen eines Forschungsprojektes könnten die Archäologen nämlich den Untergrund der St. Anna-Kapelle mittels Bodenradar durchleuchten. Möglicherweise finden sich dann Fundamente einer älteren Kirche, die an dieser Stelle gestanden ist. Dann wäre zumindest der Standort eines der beiden Gotteshäuser geklärt.

Die Entstehung der St. Anna-Kapelle selbst birgt ebenfalls Geheimnisse. Sie wurde nämlich im Jahre 1512 geweiht. Dendrochronologische Untersuchungen haben aber ergeben, dass der Altarraum hundert Jahre älter ist. Der gotische Chor wurde 1413/14 errichtet und an das vorher bestehende Langhaus angebaut. Es ist aber sehr ungewöhnlich, dass eine Kapelle erst so viele Jahre nach der Fertigstellung eingeweiht wird. Eine mögliche Erklärung ist, dass sie ursprünglich dem Heiligen Jodok geweiht war – dies würde auch die Figuren im Altarraum erklären.

Gemeindearchivar Dr. Petras: „Auch Heilige kommen aus der Mode. Vielleicht hat man die Kapelle einfach später der Anna Selbdritt geweiht. Was in diesen hundert Jahren wirklich geschehen ist, werden wir aber wohl nie erfahren…”


Wer weitere Informationen zur St. Anna-Kapelle oder zum Freundeskreis wünscht, kann sich gerne an den Schlinser Gemeindearchivar Dr. Dieter Petras wenden: Tel: 0664 1875758, E-Mail: dieter.petras@aon.at 
Der Freundeskreis der St. Anna-Kapelle würde sich über weitere Unterstützer freuen. Der Mitgliedsbeitrag liegt bei 20 Euro pro Jahr. Mitglieder erhalten jedes Jahr einen Rechenschaftsbericht sowie Einladungen zu kleineren kulturellen Veranstaltungen. Spenden zugunsten des Renovierungsprojektes können steuerlich abgesetzt werden. IBAN: AT83 3745 8000 0244 2762, Freundeskreis St. Anna-Kapelle


FOTOS: Dr. Dieter Petras