Eine Welt : Eine Handvoll Menschen kann Großes bewegen

„Man muss den Menschen in ihrer Heimat Perspektiven eröffnen.” Diese Forderung wird gerade angesichts der vielen Menschen, die nach Europa fliehen, immer wieder laut. Eine Handvoll Engagierter aus Schlins, Röns und darüber hinaus macht schon seit Jahren vor, wie dies funktionieren könnte. 

FOTOS: Dr. Dieter Petras

Der harte Kern der Eine-Welt-Gruppe Schlins | Röns: Assunta Rauch, Gertrud Rauch, Norbert Plattner, Franz Rauch, Marianne Rauch, Mirjam Begle, Kathrin Mathies, Christl Mähr, Cornelia Caldonazzi, Brigitta Tomaselli, nicht auf dem Bild: Dieter Petras, Judith Dreymann, Jürgen Hartmann und Michael Amann.

Tansania ist das fünftgrößte Land Afrikas mit einer Bevölkerungszahl, die fast dem Siebenfachen von Österreich entspricht. Vor allem in den abgelegenen Hochebenen leben die Menschen in bitterster Not. Franz Rauch und sein Bruder Johannes waren schon in den 1970ern als Entwicklungshelfer in Afrika. Beide haben mit ihren Familien mehrere Jahre in Kamerun und Sambia gelebt. Für ihr neuerliches Engagement suchten sie eine ländliche Region, in der sie etwas bewirken konnten, die nicht schon von anderen Hilfsorganisationen unterstützt war. Entstanden ist die Eine-Welt-Gruppe Schlins | Röns aus dem Missions­kreis der Pfarre Schlins, die schon über Jahre vor allem Priesterstudenten aus Tansania unterstützt hatte. Einer dieser Studenten machte die Gruppe auf eine „lost and forgotten region” aufmerksam – ein abgelegenes Gebiet in einer Hochebene von Tansania, das dicht besiedelt ist. Die rund 40.000 Menschen in den zwanzig Dörfern von Mdabulo leben in bitterster Armut. Sie bauen das Nötigste, das sie zum Überleben brauchen, selbst an. Das Trinkwasser wird aus Bächen und Tümpeln in den Talsenken geschöpft. Frauen und Kinder tragen es oft über mehrere Kilometer in die Dörfer auf den Anhöhen. Der Prozentsatz an Aids-Waisen liegt an manchen Volksschulen bei 45 Prozent. 1999 haben Mitglieder der Eine-Welt-Gruppe die Region erstmals besucht. Was sie seither alles erreicht haben, ist kaum zu glauben. 


Dank der Eine-Welt-Gruppe – einer losen Gemeinschaft, die erst seit 2017 als offizieller Verein geführt wird – haben viele Familien Zugang zu sauberem Trinkwasser. Sie haben gelernt, wie man Quellen fassen kann, und insgesamt 120 Kilometer Wasserrohre verlegt. Jeweils rund zwanzig Familien teilen sich einen Brunnen, der von einem Verantwortlichen gewartet wird. Je nach Einkommen entrichten sie eine Wasserbezugsgebühr. Denn die Helfer aus Vorarlberg wollen keine Abhängigkeiten schaffen und

„was nichts kostet, ist auch nichts wert”.
Franz und Luzia Rauch fahren jedes Jahr für mehrere Wochen nach Tansania – im Gepäck haben sie viel organisatorisches, handwerkliches und landwirtschaftliches Wissen sowie jede Menge Hoffnung.

Initiator und „Hauptmotor” des Projektes, DI Franz Rauch, ist studierter Landwirt. Er hat an der Universität für Bodenkultur in Wien und an der Technischen Hochschule in Berlin gelernt, wie man Böden auch in tropischen Gefilden nachhaltig bewirtschaftet. Noch während dieser Ausbildung hat er ein Jahr lang an einem Entwicklungshilfe-Projekt in Kamerun mitgearbeitet und dort von 1979 bis 1986 ein landwirtschaftliches Beratungsprojekt aufgebaut und geleitet. In diesen Jahren lebte er mit seiner Familie in Afrika, seine zweite Tochter ist dort geboren. Zurück in der Heimat übernahm er die Landwirtschaft seiner Mutter in Schlins, baute sie zu einem der ersten Biobetriebe im Land um und unterrichtete an der Landwirtschaftlichen Fachschule in Hohenems. Er wusste also, was zu tun ist, damit die Menschen in Mdabulo nicht mehr hinnehmen müssen, dass die fruchtbare Humusschicht ihrer Felder während der Regenzeit talwärts geschwemmt wird. Die Helfer aus Vorarlberg zeigten den Einheimischen, wie man Terrassenkulturen anlegt und mittels Kompostierung dem Boden immer wieder neue Nährstoffe zuführt.

Die Region hat auch keinerlei Zugang zu Strom.

Die EineWelt-Gruppe ist deshalb im Begriff, ein Kompetenzzentrum für Erneuerbare Energien aufzubauen. Langfristig sollen die Menschen lernen, Wind- und Sonnenenergie zu nutzen und kleine Wasserkraftwerke zu bauen. Solarlampen sollen die teuren und gesundheitsschädlichen Petroleumlampen ersetzen. 

An manchen Volksschulen in Mdabulo sind 45 Prozent der Schüler Aids-Waisen. Für sie werden keine Waisenhäuser gebaut, sondern direkt im Ort Betreuungspersonen gesucht. „Das stärkt die Dorfstrukturen und die Solidarität”, sind die Walgauer Helfer überzeugt.

Ein weiteres Problem sind die vielen Aids-Waisen, die in anderen Gegenden Tansanias in Waisenhäuser abgeschoben und mit 14 Jahren völlig unvorbereitet in die Selbstständigkeit verabschiedet werden – ohne Chance auf eine Rückkehr ins Heimatdorf, weil sich dort Verwandte das Elternhaus meist schon unter den Nagel gerissen haben. „Diese Jugendlichen landen oft in den Städten auf der Straße”, haben die Walgauer Helfer erfahren. Sie unterstützen deshalb verantwortungsbewusste Erwachsene direkt im Ort, damit sich diese um die Waisen kümmern. Mehr als tausend Kindern haben sie so ermöglicht, in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben, die Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu machen. 

Im Laufe von mehr als zwanzig Jahren Engagement der
Eine-Welt-Gruppe wurden in der Region Mdabulo 150 Häuser für Waisenfamilien renoviert sowie mehrere Kindergärten, Ausbildungswerkstätten und Berufsschulen errichtet.

In der Eine-Welt-Gruppe setzt sich jeder ehrenamtlich nach seinen Fähigkeiten ein. Johannes Rauch etwa hat nicht nur die Hochschule für Angewandte Kunst absolviert, er ist auch ein vielseitig talentierter Handwerker, der die Bearbeitung von Metall und Holz bestens beherrscht. Er organisierte Werkzeug und Maschinen, leitet Projekte und baute gemeinsam mit den Männern im Ort Ausbildungswerkstätten auf. Außerdem wurden die Frauen im Nähen unterwiesen, sie lernten, die Herde in ihren Häusern so zu verbessern, dass sie nicht länger dem Rauch ausgesetzt ihre Gesundheit riskieren, wenn sie die Mahlzeiten für ihre Familien zubereiten. IT-Techniker Gebhard Jenny aus Raggal entwickelt zurzeit in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Dornbirn eine App, mit der  – auch ohne ständig verfügbares WLAN – der Wasserverbrauch, der Einsatz der Spendengelder oder die Verteilung der Hilfsgüter einfach und transparent verwaltet werden können. 

In den Berufschulen werden derzeit rund 200 Jugendliche ausgebildet.

All dies und noch viel mehr verordnet die Eine-Welt-Gruppe aber nicht „von oben herab”. Stattdessen wurde mit der Rural Developement Organisation (RDO) eine Partnerorganisation direkt vor Ort aufgebaut, in welche die regionale Landesbehörde, die Distriktverwaltung sowie andere NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) und Sponsoren eingebunden sind. „Bevor wir ein Projekt in Angriff nehmen, wird mit den Dorf­ältesten und den RDO-Verantwortlichen abgeklärt, ob sie das überhaupt wollen”, erklärt DI Franz Rauch ein wichtiges Prinzip. „Das ist oft mühsam, aber die einzige Chance, dass die Hilfe nachhaltig wirkt.”  

Wer die Aktivitäten der Eine-Welt-Gruppe Schlins | Röns mit einer Spende unterstützen möchte: IBAN: AT03 3745 8000 0243 4793, BIC: RVVGAT2B458

Interessierte erhalten unter www.eineweltgruppe.at detaillierte Infos zu allen Projekten.

Catherine Ngalali

Halbwaise Catherine Ngalali ist Wasserbauingenieurin. Dank ihres Paten aus Schlins konnte die junge Tansanierin studieren. Dr. Dieter Petras hat im vergangenen Jahr in Mdabulo ein Fotostudio aufgebaut, um die Menschen dort „in ihrer Schönheit, nicht in ihrer Not” zu fotografieren. Viele von ihnen besaßen bisher nicht einmal einen Spiegel. Die Begeisterung, vor der Kamera posieren zu dürfen, war entsprechend groß. Wenn Dr. Petras heuer wieder nach Mdabulo reist, wird er zwei oder drei Fotobegeisterte ausbilden und seine Ausrüstung dort zurücklassen. „Die Fotografie ist auch ein Handwerk, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdienen kann.”

Das Wasserbauprojekt in Mdabulo wurde 2013 mit dem Neptunpreis des Österreichischen Umweltministeriums ausgezeichnet.
Luzia Rauch war vor ihrer Pensionierung Chemie-Lehrerin am BORG in Feldkirch. Sie unterweist die Menschen in Mdabulo, wie sie die Qualität ihres Trinkwassers überprüfen können.
Obwohl der Boden in Mdabulo fruchtbar ist und die Temperatur ganzjährig um die 20 Grad beträgt, ringen ihm die Menschen dort nur das Nötigste zum Überleben ab. Die Rural Developement Organisation (RDO), welche die Eine-Welt-Gruppe Schlins | Röns vor Ort aufgebaut hat, zeigt ihnen neue Möglichkeiten auf.