Am Abend gehen die Lichter an

Wenn sie oberhalb von Nenzing die Lichter in Reih und Glied erstrahlen sehen, freuen sich viele Walgauer: Die Pisten auf Tschardun stehen bereit. Familie Kreiner ermöglicht dort seit vielen Jahren nächtliches Schivergnügen.

FOTOS: CHRISTA ENGSTLER, TM-HECHENBERGER, PRIVAT

Auf Tschardun ist man gerüstet für die Wintersaison. Der Lift hat allen technischen Überprüfungen standgehalten, die Scheinwerfer sind montiert. Bis der Schnee kommt, wird auch der Innenausbau der Liftstube abgeschlossen sein. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn als am 22. Februar 2019 der alte Dieselmotor streikte, fuhr dieser Schreck den Liftbetreibern ordentlich in die Knochen. „Nur drei Wochen davor hatte ich mit meinem Bruder Walter darauf angestoßen, dass der Kredit, den wir vor sieben Jahren aufgenommen haben, um den Lift wieder zu aktivieren, endlich abbezahlt ist”, erzählt Andreas Kreiner. Umso mehr bedauerten die beiden, als sich rasch herausstellte, dass der 25 Jahre alte Motor nicht mehr zu retten war. Andererseits war der 22. Februar auch Auslöser für eine Welle der Hilfsbereitschaft, welche das Projekt Tschardun bis heute trägt.

Nur wenige Tage, nachdem dieses Bild entstand, streikte der Motor der Liftanlage.

„Schon zwei Tage später war die Jugendfeuerwehr da und hat uns geholfen, die Liftbügel einzuholen”, berichtet Andreas Kreiner. Christoph Ammann heißt ein weiterer seiner Helden. Der Göfner war davor nur ein paar Mal zum Schifahren auf Tschardun. Doch als er davon hörte, dass der Motor den Geist aufgegeben hatte, war er sofort zur Stelle und packte an, wo immer er konnte. „Christoph hat seither 140 Stunden bei uns mitgearbeitet”, freut sich Andreas Kreiner über die spontane und großzügige Unterstützung, welche das Tschardun-Team seit diesem Tag erfahren hat. Ein gebrauchter Motor lag im Schigebiet Sonntag-Stein noch in den Lagern. Dank des technischen Verständnisses und der geschickten Hände der Tschardun-Fans war der rasch einsatzfähig. Zahlreiche Firmen in der Region und die Marktgemeinde Nenzing griffen den Liftbetreibern ebenfalls unbürokratisch und hilfsbereit unter die Arme. Über Facebook wurde sogar eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

Das alles war ein klarer Auftrag für die Familie Kreiner, die gesamte Anlage wieder einmal von Grund auf zu überholen und auf Stand zu bringen. Und wieder halfen alle mit: Zimmermann Adrian Maister etwa opferte viele Stunden seiner Freizeit, um bei der Sanierung des Liftstübles mit anzupacken. Weil tragende Balken morsch waren, musste die gesamte Schihütte vorsichtig angehoben und abgestützt werden, sodass neue Balken eingesetzt werden konnten. „Unsere Währung hier oben sind Liftkarten und Bier”, zeigt sich Andreas Kreiner für die Hilfe gerne erkenntlich. 

Breite Unterstützung

Auch die Grundbesitzer sind den Liftbetreibern gut gesonnen. „Uns gehört kein Quadratmeter Boden rund um die Hütte.” Akribisch achten die Kreiner-Brüder deshalb darauf, dass sich das Gelände nach der Schisaison rasch wieder erholen kann. 

Als es darum ging, nach fünf Jahren Pause wieder eine Betriebsgenehmigung zu erhalten, wurden die Kreiners auch von den Verantwortlichen der Bezirkshauptmannschaft sehr unterstützt. Die Liftanlage muss sicherheitstechnisch natürlich alle Auflagen erfüllen, die auch in großen Schigebieten gelten. So wird etwa jeder Zentimeter des Tragseils alle vier Jahre akribisch geröntgt, um sicherzustellen, dass es der Belastung standhält. Doch, wenn es um Kleinigkeiten geht, ist allen bewusst: Es geht nur miteinander. „In einer Höhe von knapp 850 Metern Seehöhe ist ein Schilift in unserer Region nichts anderes als ein teures Familienhobby”, ist sich Andreas Kreiner bewusst.

Ein Familienhobby, das aber sichtlich Spaß macht und lange Tradition hat. Denn erbaut wurde der Lift auf Tschardun 1967 zwar von Ignaz Rothmeyer, der in der Folge auch weitere Schilifte in Gurtis errichtete. Andreas Kreiners Onkel Josef Maurer eröffnete aber schon damals parallel dazu den kleinen Gastbetrieb. Von Anfang an erwies sich die Flutlichtanlage als besonderer Magnet. 1985 übernahmen Maria und Walter Kreiner das Gasthaus, vier Jahre später kauften sie den Lift. Weil sich seine Schwester vor sieben Jahren nicht in der Lage sah, soviel Zeit auf Tschardun zu verbringen, übernahmen Andreas Kreiner und seine Frau Manuela 2012 die Gastwirtschaft. In den mehr als 50 Bestandsjahren war der Lift nur fünf Jahre geschlossen. Seit der Wiedereröffnung schaukeln Walter und Andreas Kreiner – tatkräftig unterstützt von ihren Familien – den Betrieb. 

Die Brüder haben dafür die Rollen getauscht: Walter, der als gelernter Koch tagsüber die Senioren im Nenzinger Pflegeheim versorgt, wartet die Liftanlage und kümmert sich mit seinem Pistenbully um gute Verhältnisse am Hang. Abends und an den Wochenenden gibt er die Liftkarten aus, während sich Andreas – ein gelernter Maschinenmechaniker – als Gastwirt in der Schihütte verausgabt.

Kulinarisch sind die Tschardun-Fans allerdings nicht übertrieben anspruchsvoll. „Bei mir gibt es Hauswurst, Wienerle oder Gulaschsuppe”, lacht Andreas Kreiner. „Als Menü Vier auch einmal Gulaschsuppe mit Wienerle”. Viel wichtiger ist seinen Gästen nämlich das gemütliche Ambiente. Man muss zusammenrücken in der kleinen Hütte. Auf den Eckbänken finden bis zu 30 Personen Platz. An jedem der vier Tische animieren Jasskarten und Schreibzeug zu einem zünftigen Kartenspiel. „Hier sind schon viele Freundschaften entstanden.” Hüttenwirt Andreas ist stolz darauf, dass die Gesellschaft in seiner Gaststube sich aus unterschiedlichsten Menschen zusammensetzt. Außerdem zählen die Nenzinger Ortsvereine zu seinen treuesten Stammgästen. Wintersportverein und Schiclub Beschling tragen auf Tschardun ihre Rennen aus, wenn es die Schneelage zulässt. Viele Familien genießen es, dass die Erwachsenen auf den Liegestühlen in der Sonne oder am Lagerfeuer entspannt zuschauen können, wenn der Nachwuchs einfach nicht genug davon bekommt, die Piste herunterzuwedeln.

Musik gehört immer dazu. Denn die ist Walter Kreiners Stecken­pferd. Als DJ ist er der Herr der kraftvollen Soundanlage, welche die gesamte Piste beschallt. „An einem guten Tag laufen dann auch einmal „Böhse Onkelz” und „Rammstein”, warnt sein Bruder die Besitzer empfindsamer Ohren vor.  

Auf dem Gelände von Tschardun haben bereits mehrere Generationen von Nenzingern Schifahren gelernt. Tschardun war und ist vor allem ein Treff der Jugend und der Familien. „Die Eltern genießen es, dass sie mit den Kindern nicht weit fahren müssen”, erzählt Andreas Kreiner. Schließlich haben die Kleinen manchmal schon nach kurzer Zeit genug. Wieder andere flitzen unermüdlich über die Piste und finden kein Ende. Die Eltern sitzen dann gemütlich auf der Terrasse und instruieren ihre Jüngsten, dass sie beim dritten Liftmasten aussteigen und von dort aus abfahren sollen. So haben sie sie immer im Blick. „Dort ist unsere Halbstation”, lacht Andreas Kreiner. Es ist alles etwas improvisiert auf Tschardun, aber gerade deshalb besonders gemütlich. Weil Kinder bis zum Alter von acht Jahren den Lift gratis benutzen können und die Preise auch sonst sehr moderat sind, ist das Schifahren auf Tschardun ein erschwingliches Vergnügen.

„In unserer Hütte auf Tschardun treffen sich ganz unterschiedliche Menschen. Hier sind schon viele Freundschaften entstanden.”
Andreas Kreiner

Zwar bietet die Piste dem geübten Schifahrer tagsüber keine besonderen Herausforderungen, doch nachts strahlt sie etwas Geheimnisvolles aus. Wenn dann gar noch der Vollmond das Seine zur Beleuchtung beiträgt, ist der Blick auf die Lichter des Walgaus atemberaubend. 

Allerdings muss man die Gelegenheit beim Schopf packen, wenn die Schneelage passt. Denn im Normalfall dauert die Schisaison auf Tschardun nur von Jänner bis Mitte März. 2018 etwa konnte der Lift gar nicht geöffnet werden. Es gibt aber auch eingefleischte Fans: Trotz kurzer Saison kennt Andreas Kreiner Familien, die in einem Winter 35 Mal zum Schifahren auf Tschardun waren. 

Eines können sich alle Walgauer jedenfalls sicher sein: Sobald die Schneelage es erlaubt, gehen auf Tschardun auch in diesem Winter wieder pünktlich um halb sieben Uhr die Lichter an. 

ÖFFNUNGSZEITEN BEI ENTSPRECHENDER SCHNEELAGE:

Di bis Fr 19 bis 22, in den Ferien 10 bis 22 Uhr
Samstag 10 bis 16 und 19 bis 22 Uhr
Sonntag 10 bis 16 Uhr