„Das Riedmiller ist ein Wirtshaus, eine Beiz”

„Früher haben die Männer jeden Feierabend in der Gastwirtschaft verbracht. Es wäre keinem in den Sinn gekommen, angeln zu gehen oder Rad zu fahren,” erinnert sich der Wirt des Gasthaus Riedmiller in Bludenz, Hannes Spescha. Seine Frau Rita und er haben die Zügel Anfang des Jahres an Tochter Michaela Tschanun-Spescha übergeben. Doch die ist froh, dass ihre Eltern auch nach 38 Jahren vom „Wirten” nicht genug haben.

„Ich koche für mein Leben gern”, strahlt Rita Spescha. Sie kennt Hannes schon von Kindesbeinen an, mit 16 hat es dann „gefunkt”. Nach der Büro-Lehre bei der Fohrenburg arbeitete sie im Hotel Alpenrose in Schruns. „Das waren 14- bis 16-Stundentage mit einem freien Tag in der ganzen Saison.” Trotzdem erinnert sie sich gerne an diese Zeit. „Ich habe da sehr viel gelernt.” Das Kochen liegt Rita Spescha im Blut. Die Mama war Köchin, der Bruder Koch.

Sie war 22 Jahre alt, als sie mit dem zwei Jahre älteren Hannes die Verantwortung im „Riedmiller” übernahm. Zwar beschränkt sich die Speisekarte des Riedmiller auf Suppen, Toasts, Lumpensalat, Gulasch und „Würstle mit Saft”.

Doch was es gibt, ist von bester Qualität. „Wir machen den Wurstsalat noch original aus Schüblingen, wie es sich gehört.” Wenn die Stammgäste allerdings etwas zu feiern haben oder sich im Fasching zum weitaus berühmten Kaffeekränzle einfinden, biegen sich die Tische. Dann kommt Rita nämlich so richtig in Fahrt. „Ich möchte bei meiner Geburtstagsfeier dein Weihnachtsmenü”, hat kürzlich eine Bludenzerin gebeten. Rita ließ sich nicht lange bitten, zauberte Rindsvögel, Spätzle, Sprossenkohl, Blaukraut und viele andere Genüsse.

„Auf Bestellung mache ich fast alles.” Wenn dann der Hausherr gar noch am Keyboard in die Tasten haut und voller Inbrunst „Oldies, but Goldies” zum Besten gibt, ist die Stimmung wieder einmal „echt Riedmiller”.

Das Gasthaus Riedmiller ist jeden Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag jeweils von 10 bis 13 Uhr sowie von 16 bis 24 Uhr geöffnet.
Das Gasthaus Riedmiller ist jeden Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag jeweils von 10 bis 13 Uhr sowie von 16 bis 24 Uhr geöffnet.

Das Riedmiller wird nun schon in sechster Generation von der Familie Spescha geführt. „Ich weiß ja nicht, was Michaela langfristig vor hat, aber für Rita und mich war das Riedmiller immer ein Wirtshaus, eine Beiz”, wollte Hannes Spescha nie in die Riege der „In-Lokale” oder Restaurants vordringen. „Früher war das ganz klar geregelt”, erinnert er sich, als noch der Großvater und der Vater das Sagen hatten. „Wer in Bludenz ein Bier wollte, kam zu uns. Den Kaffee haben sie im `Fritzle`oder im `Fenkart`bestellt.” Dies hing auch damit zusammen, dass es im Riedmiller keine Kaffeemaschine und in den Cafés eben keine Schankanlagen und Kühlungen für ein wirklich gutes Bier gab.

Das ist aber nicht das Einzige, was sich in den vielen Jahren in der Gastronomie verändert hat. Irgendwann hatten die Frauen genug von den Machos, die den Lohn vertranken und die Kinder kaum aufwachsen sahen, da sie sich bis spät abends in Gastlokalen herumtrieben. „Ich kann mich erinnern, dass es im Lokal mucksmäuschenstill wurde, wenn eine Frau zur Tür hereinkam. Meist eh, weil sie ihren Mann nach Hause holen wollte.” Hannes Spescha war damals  noch ein kleiner Bub. „Aber auch in unserer Zeit ist es oft rau hergegangen.” Nicht nur einmal mussten seine Frau und er angetrunkenen Gästen mit sanfter Gewalt die Tür zeigen. „Wir sind zwar beide nicht groß, aber mit so einem besoffenen Lackel haben wir es schon aufgenommen.”

Er ist nicht unglücklich, dass diese Zeiten vorbei sind. „Das Arbeiten ist angenehmer geworden.”

Zwar stehen Rita und er immer noch jeden Tag in der Küche und an der Theke. „Doch das gehört zu unserem Leben dazu.” Sie könnten sich nicht vorstellen, nun plötzlich die Gaststube zu meiden. „Dann hätten wir unseren Gästen doch ein Leben lang etwas vorgegaukelt”, kommt die Gastfreundschaft von Herzen.

Im „Riedmiller” kann man sich nicht verstecken. Es ist dort Sitte, dass man sich zu einer Runde dazusetzt und ins Gespräch kommt. Die meisten Gäste kommen ohnehin regelmäßig. Den Rekord halten die „Watter”, die sich schon seit 1961 jede Woche zum Kartenspielen treffen. „Den Watter-Club hat mein Vater gegründet,” erklärt Hannes Spescha. Tiroler, die in Vorarlberg beim Bau der Eisenbahn beschäftigt waren, haben ihren Nationalsport im „Riedmiller” eingeführt. Der 1. Bludenzer Sparverein legt seit 1981 im Riedmiller Groschen, Schilling, Cent und Euro zur Seite, um dann ein soziales Projekt zu unterstützen.

Die Sängerrunde trifft sich auf ein Bier nach der Probe oder zum Anprobieren der neuen Konzert-Hosen jeweils am Dienstag. An den Nebentischen sitzen dann meist eine Abordnung des Tischtennisclubs, eine Jass­runde und ein Frauen-Stammtisch.

Jeden Montag ab 16 Uhr wird im Nebenzimmer gestrickt. Traudl Auer zeigt den Frauen ihre Tricks, wie man für die ganze Verwandtschaft individuelle Trachtenjäckchen, Socken oder Pullover fertigt. Klar, dass Wirtin Rita Spescha da auch die Nadeln zur Hand nimmt. „Zu unserer Strickrunde kann jeder kommen”, freut man sich jederzeit über neue Strickbegeisterte. Und am Freitag marschiert die Stadtmusik auf. „Man geht ins Gasthaus, weil man diesen oder jenen trifft”, freut sich Hannes Spescha über die Treue der Bludenzer Vereine.

Die Faschingsveranstaltungen im Riedmiller sind ohnehin Legende. Hartnäckig hält sich im Städtle das Gerücht, dass man an einem Faschingssamstag nur mit „Losungswort” Einlass findet. „Es gab Zeiten, da waren wir dem Ansturm einfach nicht mehr gewachsen”, lacht die neue Wirtin Michaela. Sie will es mit diesen Traditionen so halten wie ihre Eltern, nicht großartig etwas verändern. „Es gibt ja nicht mehr viel in der Art, ein Restaurant hat nicht den gleichen Flair.” Dabei hätte Michaela durchaus das Rüstzeug, um das „Riedmiller” in eine andere „Gastro-Liga” zu führen. Ihr war immer klar, dass sie in den Familienbetrieb einsteigen würde. Sie hat die Hotelfachschule absolviert, ist dann aber schneller als gedacht wieder in Bludenz gelandet. Mit ihrem Mann, dem vierjährigen Sohn und der zweijährigen Tochter bewohnt sie eine Wohnung im Obergeschoss des Riedmiller. Auch ihre Schwester Sabrina wohnt mit ihrer Familie unter dem gleichen Dach im Elternhaus. „Wenn Not am Mann ist, helfen alle aus”, ist man in der Großfamilie Spescha in der Wirtsstube, bei der Kinderbetreuung und auch in der Freizeit füreinander da.

Das Riedmiller wurde vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts sozusagen als „Filiale” des Gasthof Hirschen gegründet. Ein Teil des Gebäudes war als Bäckerei und „Melblerei” (Mehl-Handlung) verpachtet. Den Namen erhielt das „Riedmiller” erst 1904, als die Geschwister Neyer in Erinnerung an ihren Vorfahren, den schmucken Hauptmann Riedmiller”, das Denkmal am Platz errichteten. „Die Spescha haben dann bei den Neyers eingeheiratet.” Hannes Spescha gräbt gerne in alten Erinnerungen. Eine große Liebe zum „Wirten” zieht sich wie ein roter Faden durch die Familiengeschichte.


Fotos: Christa Engstler, Privat