kultur10vorne

Drei Nähmaschinen, zwei Bügeleisen, ein wasserfestes Zeltdach und eine kleine, flexible Bühne standen auf dem Wunschzettel des Vereins kultur10vorne in Frastanz. Rund zwanzig Walgauerinnen und Walgauer setzen sich für die multikulturelle Begegnungsstätte ein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Asylsuchende zu unterstützen.
Drei Nähmaschinen, zwei Bügeleisen, ein wasserfestes Zeltdach und eine kleine, flexible Bühne standen auf dem Wunschzettel des Vereins kultur10vorne in Frastanz. Rund zwanzig Walgauerinnen und Walgauer setzen sich für die multikulturelle Begegnungsstätte ein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Asylsuchende zu unterstützen.

Als Jugendliche war ich immer gern im Graf Hugo. Später habe ich mir dann so einen Ort für Erwachsene gewünscht, wo man ganz unkompliziert Menschen verschiedenster Herkunft begegnen kann.” Gedacht getan. 2011 kaufte Barbara Facchin den ehemaligen Gasthof Frohe Aussicht in Frastanz, wo inzwischen das Vereinslokal des Vereins Kultur10vorne eingerichtet ist.

Das Haus war baufällig und darum günstig zu haben. Die gelernte Tischlerin und ihr Lebensgefährte, Installateur Dietmar Bertschler, steckten aber – unterstützt von einer Handvoll Gleichgesinnter – viel Arbeit und Fachwissen in das Gebäude. Das Obergeschoss ist inzwischen vermietet, das Erdgeschoss seit vier Jahren Schauplatz unkomplizierter Treffen,Veranstaltungen und immer wieder unterschiedlicher Projekte.

Der Verein engagiert sich für die kulturelle Vielfalt. Schon vor der sogenannten „Flüchtlingskrise” wurden im Vereinslokal Lerncafés eingerichtet, wo Menschen verschiedenster Herkunft mit Sprachprogrammen die „Basics” der deutschen Sprache erlernen und die Vokabeln dann im Gespräch mit Einheimischen vertiefen konnten. Ein Fixpunkt ist alljährlich auch der Adventbasar, dessen Einnahmen bedürftigen Menschen zugute kommen.

Engagement für Flüchtlinge

„Die Flüchtlinge haben es aber am Schwersten”, bedauert Barbara Facchin, dass dieses Thema „unsere Gesellschaft spaltet”. Ende des letzten Jahres wurde in Frastanz die Flüchtlings-Unterkunft „Haus an der Ill” eröffnet. „Die erzwungene Untätigkeit und das lange Warten auf den Ausgang des Asylverfahrens ist für diese Menschen sehr schlimm”, weiß Barbara Facchin aus der Zeit, als sie ehrenamtlich im Flüchtlingsheim Gaisbühel in Bludesch mit anpackte. „Die Nachbarschaftshilfe wurde ja leider abgeschafft.” Barbara Facchin wollte deshalb ein Projekt ins Leben rufen, bei dem die Asylwerber selbst aktiv sein und ihre Situation verbessern können. Eine Mitstreiterin war rasch gefunden: Irene Sutterlüti arbeitete vor ihrer Pensionierung als Werk- und Handarbeitslehrerin im Gymnasium Schillerstraße – und an der BAKIP, wo Barbara Facchin zur Kindergärtnerin ausgebildet wurde.

Schimmernde Einkaufstaschen für Weihnachten

Die beiden Frauen beschlossen, gemeinsam mit Asylwerbern schöne Einkaufstaschen zu nähen, die dann in verschiedenen Geschäften der Region gegen Spenden angeboten werden. Dieses Geld soll wiederum in die Flüchtlingsunterkunft fließen. Und jeder ist eingeladen, mitzuarbeiten. „Von der Firma Getzner haben wir viele Meter wunderschöne Damaste bekommen”, schwärmt Irene Sutterlüti. Unter ihrer Ägide wurde im Vereinslokal eine kleine Produktionsstraße eingerichtet. Seit Mitte September trudeln jeden Freitag Nachmittag ein paar Nähwillige ein. „Jeder bleibt so lange er mag und solange es ihm Spaß macht”, muss sich niemand langfristig verpflichten. „Wir nähen einfach so viele Taschen wie möglich, Abnehmer haben wir genug.” Denn gerade in der Zeit vor Weihnachten bieten die Unternehmer der Region ihren Kunden gerne schöne Verpackungen, die zudem wiederverwendbar sind.

Beim Nähabend Anfang Oktober haben sich die beiden Mustafas und Ali angesagt. Einer der drei Afghanen hat in seiner Heimat als Schneider gearbeitet, die anderen beiden war als Näher beschäftigt. Entsprechend rasch geht ihnen die Arbeit von der Hand. „Allerdings musste er sich zuerst an die kleinen Haushaltsmaschinen gewöhnen”, lachen die Frauen. Zu ihrer Überraschung kommen sogar insgesamt fünf Asylwerber, lassen sich von Irene an ihrem Arbeitsplatz einweisen und gehen gleich konzentriert an die Arbeit. Ganz nebenher funktioniert das Sprachtraining. Auch die einheimischen Frauen sind sich nicht immer einig, ob es etwa zwischen ’lila” und ’violett’ einen Unterschied gibt. Irene Sutterlüti erklärt jeden Begriff geduldig – da kommt die langjährige Erfahrung als Lehrerin deutlich durch.

Jeder kann mitmachen

„Ich werde demnächst mal im Haus an der Ill vorbei schauen und versuchen, auch ein paar der Frauen für unser Projekt zu begeistern”, hofft Irene Sutterlüti, dass die Nähnachmittage weiterhin gut besucht sind.

Jeder und jede ist zum Mitarbeiten herzlich eingeladen. Nähkenntnisse sind nicht unbedingt nötig. Irene Sutterlüti freut sich über eine Kontaktaufnahme unter Tel: 0650/7933900 oder E-Mail: irenetex@hotmail.com.

Multikulturelles Gartenfest

„Es bedeutet zwar einiges an bürokratischem Aufwand”, ist Barbara Facchin dennoch froh, dass ihre „Nähparade” mit EU-Geldern unterstützt wird. Denn dank der Leader-Förderung konnte der Verein drei Nähmaschinen und zwei Bügelstationen anschaffen. Die Teilnehmer müssen deshalb keine eigenen Maschinen mehr mitbringen.

Neben der „Nähparade” hat der Verein ein weiteres Projekt eingereicht: Im September wurde ein kleines Gartenfest veranstaltet, bei dem junge Bands für Stimmung sorgten. Dank der Leader-Förderung konnte ein wasserfestes Zeltdach und eine kleine, flexible Bühne angeschafft werden, die auch bei künftigen Vorhaben gute Dienste leisten werden. „Wir haben gemeinsam mit den Asylwerbern gekocht und das Essen gegen freiwillige Spenden ausgegeben”, berichtet Barbara Facchin. Selbstverständlich wurden auch die Einnahmen dieser Veranstaltung im Haus an der Ill abgeliefert.

Beim Gartenfest im September wurde die neue Überdachung eingeweiht.
Beim Gartenfest im September wurde die neue Überdachung eingeweiht.