Buon appetito, Bludenz!

Im Rahmen von kulinarischen Stadtführungen können Genießer die Bludenzer Gastronomiebetriebe kennenlernen und gleichzeitig viel Interessantes über die Vergangenheit des Städtles erfahren. Bei der Premiere Mitte September wurde klar, wie sehr die „Welschen” Bludenz geprägt haben und dies immer noch tun. 

FOTOS: CHRISTA ENGSTLER, TM-HECHENBERGER, PRIVAT

Und die welschen schmutzigen Arbeiter selbst mit ihrer unverständlichen Sprache, ihrer verbrannten Haut, ihren rollenden Augen und ihren Flöhen und Wanzen, was waren sie anderes als ein der Hölle entstiegenes Höllengesindel?” – Mit diesen Worten fing einst der Bludenzer Heimatdichter und Ehrenbürger der Stadt, Josef Wichner, die Stimmung im Städtle ein (Quelle: Bludenzer Geschichtsblätter). Um das Jahr 1900 war fast jeder fünfte Bludenzer italienischer Abstammung. Doch die Beziehungen zwischen Einheimischen und den „Wirtschaftsflüchtlingen”, die man für den Bau der Arlbergbahn und in den ersten Industriebetrieben des Landes dringend benötigte, waren alles andere als gut. Nach dem 1. Weltkrieg kehrten viele der „Welschtiroler”, wie die Bewohner des Trentino in der K.u.k.-Monarchie genannt wurden, in ihre Heimat zurück. Einige sind aber geblieben und erhielten später Verstärkung durch Südtiroler, die der Heimat auf Mussolinis und Hitlers Betreiben  hin „freiwillig” den Rücken kehrten. Die italienischen Mitbürger haben das Städtle viele Jahre auf vielfältige Weise bereichert. Davon zeugen nicht nur die Nachnamen vieler Bludenzer von heute. 

Zwei Welten
Markus Pastella, Stadtführer

Markus Pastella ist einer dieser Nachfahren. „Es waren zwei Welten”, hat er in seiner Kindheit selbst erlebt. Während es bei der Familie der Mutter „ghörig” und gesittet zuging, war die Verwandtschaft von Seiten des Vaters im „Welschen Viertel” deutlich lockerer.

Sein „Nonno” Renato hatte sich einst aus Belluno – einer kleinen Stadt in Venetien – auf den Weg gemacht. Über Umwege durch Frankreich und Marokko war er in den Fabrikshallen der Firma Getzner in Bludenz gelandet. Dort traf er Josefina (Pina) Angeli, eine italienischstämmige Bludenzerin, und gründete mit ihr im „Welschen Viertel” eine Familie. In der Riedstraße und am „Rio Tinto”, wie der Brunnenbach genannt wurde, weil er im Gleichklang mit den Färbebädern in der Textilfabrik die Farbe wechselte, hat Markus Pastella in seiner Kindheit mit den Cousins und Cousinen gespielt, von Tante Agnes die ersten Ölfarben und im zarten Alter von elf, zwölf Jahren ein Schlückchen Marsala erhalten. Der 1. Farbfernseher im Viertel „mit völlig überdrehten, knalligen Farben” gehört ebenso zu Markus Pastellas Erinnerungen an das „Welsche Viertel” wie die vielen kleinen Läden, die sich Tür an Tür reihten: Die Familien Paterno, Libardi, Baldessari und Lenzi führten alles, womit die „Welschen” ihr Heimweh lindern konnten. Markus Pastella: „Sogar Anguillotti – eingelegten Aal, den es als Spezialität zur Weihnachtszeit gab, und vor dem sich meine Mutter, eine waschechte Bürserin, schrecklich ekelte.”

„Der Papst ist auch ein Welscher.”
Auf dem Gelände des ersten „Welschen Kirchle” steht heute die Heiligkreuzkirche, die maßgeblich von Bauhandwerkern aus dem Trentino errichtet wurde.

Der diplomierte Krankenpfleger hat sich immer schon für Geschichte interessiert. Vor knapp zehn Jahren absolvierte er die Ausbildung zum „Austria Guide” und bietet seither in Bludenz und Feldkirch Führungen an, die er – wie im Fall dieser kulinarischen Stadtführung – gerne mit eigenen Erfahrungen „würzt”. Er möchte die Vergangenheit lebendig machen, indem er vom Alltag der Menschen, von ihren Nöten und ihren Freuden erzählt. Er berichtet etwa davon, dass die „Welschen” für ein- und dieselbe Arbeit nur zwei Drittel vom Lohns eines Einheimischen erhielten. Oder dass sich aus dem Spiel „Mora”, das die Italiener mit flinken Fingern und lautstarken Gesten spielten, das herabwürdigende „Cinquelamora” entwickelte, mit dem die Einheimischen die Sitten der „Welschen” abtaten. Sein Vater, ein glühender Verehrer der italienischen Kultur, erzählte gerne die Anekdote, wie ihn ein Mitschüler dereinst mit den Worten „Der Papst ist auch ein Welscher” in Schutz nahm, als der Religionslehrer über die Italiener schimpfte. Auch über die kulinarischen Gepflogenheiten im „Mädchenheim” der Getznerwerke in Bürs weiß Markus Pastella einiges zu berichten: „Fünf Mal in der Woche gab es Polenta, zur Abwechslung am Wochenende dann Riebel.”

 

Werksirene strukturierte das Familienleben
Christoph Marcabruni hat seine Leidenschaft für gute Weine zum Beruf gemacht.

Christoph Marcabruni, der in der Bludenzer Innenstadt den Feinschmecker-Treff wein.punkt führt, hat die Werksirene der Getzner-Werke noch gut im Ohr. Sie bestimmte in seiner Kindheit das Familienleben, zeigte sie doch an, wann die Eltern und Großeltern von der Arbeit nach Hause kamen, wann das Abendessen aufgetischt wurde. Er ist in der Werksiedlung in der Klarenbrunnstraße aufgewachsen. In dem großen Backsteinhaus gab es damals nur ein Telefon für vier Wohnungen. Wer telefonieren wollte, wurde über die Vermittlung der Firma Getzner ins allgemeine Telefonnetz weitergeleitet. 

An Vorurteile der Einheimischen gegenüber seiner Herkunft kann er sich nicht erinnern: „Das ist alles schon so lange her. Mein Großvater wurde 1907 bereits in Bludenz geboren.” Denn es war sein Urgroßvater, ein Schuster aus Arco – dem heutigen Kletterparadies etwas nördlich des Gardasees – der dort kein Auslangen mehr fand und deshalb in den Getznerwerken anheuerte. 

wein.punkt

Seiner italienischen Herkunft verdankt Christoph Marca­bruni aber möglicherweise seine Vorliebe für gute Tröpfchen. Die bietet er seit 2010 im eigenen Wein-Treff an. Gemeinsam mit Mag. Wolfgang Maurer begann er vor zehn Jahren nach Winzern zu suchen, die im Falstaff hoch gelobt wurden, deren Weine hier aber nicht erhältlich waren. Die beiden Weinfreunde wurden fündig und gründeten zwei Jahre später die Firma wein.punkt, die der diplomierte Sozialarbeiter und der Deutsch-Professor hobbymäßig betrieben. 

Weil ein immer größer werdendes Stammpublikum die feinen Weine zu schätzen weiß, welche die beiden im Piemont, in der Toskana, in Österreich und Portugal entdecken, hat Christoph Marcabruni sein Hobby vor zwei Jahren ganz zum Beruf gemacht. Jeden Donnerstag von 16 bis 19 Uhr, am Freitag von 14 bis 19 Uhr sowie am Samstag von 9 bis 13 Uhr beziehungsweise nach telefonischer Vereinbarung schenkt er Schätze aus, „die es in Vorarlberg sonst nirgendwo zu kaufen gibt.” Außerdem hat er zahlreiche Kunden, die online bei ihm einkaufen. Sie vertrauen darauf, dass er sich regelmäßig persönlich davon überzeugt, dass die Weine in seinem Sortiment nachhaltig erzeugt werden und von bester Qualität sind. „Bei mir muss man sich nicht groß auskennen”, will er jedoch nicht nur Sommeliers beglücken. „Das einzige Kriterium ist doch: Schmeckt der Wein oder schmeckt er nicht?” Den Gästen der Stadtführung schmeckte er. 

Dolce Vita bei Angelo
Angelo Bennati ist auch nach seiner Pensionierung in Bludenz geblieben. Er denkt gerne an seine Zeit als Gastwirt zurück.

Nur wenige Schritte vom wein.punkt entfernt sorgte ein weiterer „Welscher” – diesmal aber ein waschechter – 13 Jahre lang mit „Cucina italiana” und viel Temperament für südlichen Flair. Wo heute „Mizzitant” Denise Amann ihre Zwei Hauben-Küche kreiert, bot einst Romeo Agustoni Lebensmittel aus seiner Heimat an. Jahrzehnte später übernahm Angelo Bennati das Ruder. Ihn haben allerdings keine prekären wirtschaftlichen Verhältnisse in der Heimat, sondern der Zufall und die Liebe nach Bludenz geführt. 

Zuvor war der Koch aus Brescia, der sein Handwerk von klein auf von der Mama und dann in der Hotelfachschule am Gardasee erlernt hat, ordentlich in der Welt herumgekommen. Er lebte in Südamerika, in Rom, Cortina, Paris,… Doch am liebsten ist er in Bludenz, „außer wenn es 15 Tage lang nur regnet”. Er liebe die Mentalität der Vorarlberger, erklärt Angelo Bennati. Es brauche zwar eine Weile, bis man ihr Vertrauen gewinne. Das sei ihm jedoch lieber als wenn anfängliche Euphorie innerhalb von zwei Wochen in ein „geh zum Teufel” umschlage. Allzu enge Täler schätzt er nicht. „Da kann ich nicht atmen”, genießt der Italiener auch die Nähe zum Bodensee. 

13 Jahre lang sorgte Angelo Bennati für „Dolce Vita” in der Bludenzer Herrengasse.

Entdeckt hat er das Städtle vor vielen Jahren. Er arbeitete damals in Paris und besuchte nebenher die Kochschule „Le Cordon Bleu”. Für die nächste Saison plante er, für die Hotelkette Hilton nach Athen oder Moskau zu gehen. Ein Bekannter machte ihm dann das Brandnertal schmackhaft.

Als junger Koch im Brandnertal

„Ich hatte damals keine Ahnung, wo Brand ist”, machte sich Angelo Bennati in Paris auf den Weg ins Reisebüro. Dort konnte man ihm allerdings nicht weiterhelfen. Er musste ein weiteres Reisebüro aufsuchen, wo dann aber sogar ein Prospekt des Hotels Schesaplana auflag. Mit seinem kleinen Renault machte er sich auf den Weg und heuerte bei der Gastronomenfamilie Schwärzler an. Als er sich dann prompt in seine „Deutschlehrerin” verliebte, wurde aus den geplanten vier Monaten im Hotel Lagant ein ganzes Jahr. Mit seiner späteren Frau, die damals noch in Innsbruck studierte, lebte er dann in Spanien, Frankreich und Italien. Als sich eine Tochter ankündigte, kehrte das Paar Ibiza den Rücken und bezog eine Wohnung in der Bludenzer Sturnengasse. Einige Jahre lang hat Angelo Bennati anschließend vor allem die Golfer in Brand und 19 Jahre lang die Tennisspieler in Bludenz mit italienischen Spezialitäten verwöhnt. Die Teilnehmer der kulinarischen Stadtführung erhielten in romantischem Ambiente vor dem Turm der Laurentiuskirche feine Kostproben aus dieser Zeit.

Als Privatkoch auf Schloss Tratzberg

Als die Ehe zerbrach, verdingte sich Angelo Bennati eine Zeit lang als Privatkoch des Grafen und der Gräfin Goëss-Enzenberg auf Schloss Tratzberg in Schwaz. Doch schon bald zog es ihn nach Bludenz zurück. „Das kleine Lokal direkt an der alten Stadtmauer war für mich das Lokal, an dem ich die meiste Freude hatte”, erinnert er sich gerne an die 13 Jahre zurück, als er in der winzigen Küche des „Angelo” Antipasti, Polenta, Nudel-Kreationen und ganz viel mehr zubereitete. Er hat an allen Orten, an denen er gelebt hat, vor allem die Hausfrauen-Kost studiert. „Diese Geheimnisse haben mir oft mehr gebracht als teure Schulen”, ist er überzeugt. Auch in dem kleinen Lokal in der Herrengasse kochte er mit Vorliebe mit Produkten aus Region. „Dieser Raum hatte eine unglaubliche Energie”, ist er heute noch begeistert. Er glaubt, dass dies an den geschichtlichen Ereignissen liegt, die sich direkt an diesem Platz zugetragen haben – wo etwa „Friedl mit der leeren Tasche” um den Beistand der Bludenzer bat oder Cholera-Leichen in die Grube unterhalb der Stadtmauer geworfen wurden…

Seit vier Jahren ist Angelo Bennati im Ruhestand. Er hat „im Winkel” ein Haus gekauft, dessen oberste Wohnung er immer wieder neu gestaltet – „das ist ein Spleen von mir” – und in der er gerne Gäste bekocht. Wer Glück hat, bekommt dort eine Kostprobe seines Olivenöls, das er wie einen Schatz hütet. Denn Angelo Bennati hat noch ein zweites Domizil an einem verträumten Plätzchen am Iseosee. Dort wachsen acht Olivenbäume, deren Ernte im vergangenen Jahr gerade einmal acht Liter Öl von bester Qualität eingebracht haben. 

Gastronom aus Florenz 
Eva Peter und Antonio Cecconi haben dem traditionsreichen Café Dörflinger italienischen Flair eingehaucht.

Die Bludenzer kommen aber trotzdem an die begehrten Spezialitäten aus „bella Italia”. Dafür sorgt seit zwei Jahren ein anderer „Zuagraster”. Antonio Cecconi hat das Städtle durch seine Frau Eva Peter  kennengelernt  und sich „auf den ersten Blick” auch in die Heimatstadt der Bludenzerin verliebt. Gemeinsam führt das Paar das traditionsreiche Café Dörflinger mitten im alten Stadtkern, wo die kulinarische Stadtführung einen süßen Abschluss fand. Neben feinen Torten locken dort Cantuccini und Panettone zum Espresso, die der Gastronom aus Florenz in der neuen Heimat eingeführt hat. Wenige Schritte entfernt wird es noch „italienischer”. Im Sommer 2017 haben Eva Peter und Antonio Cecconi den ehemaligen Feinschmecker-Treff Doris in die Enoteca Cecconi verwandelt. Die empfiehlt sich für den schnellen Espresso zwischendurch ebenso wie für einen guten Tropfen zum Feierabend. Mit ausgesuchten italienischen Wurstwaren und Antipasti belegt das Enoteca-Team zudem ganz außergewöhnliche Panini, die auch mal für ein kleines Mittagessen gelten dürfen. Außerdem reicht das Sortiment von zertifizierten Bio-Weinen ausgesuchter italienischer Familienbetriebe über Nudeln, Pestos in allen Variationen bis hin zu exquisiter Schokolade. Es gibt also fast alles, was man braucht, um die Sehnsucht nach südlichen Gefilden zu stillen. Buon Appetito, Bludenz! 

 

Kulinarische Stadtführungen inklusive dreigängigem Menü können beim Alpen-region Bludenz Tourismus zu folgenden Themen gebucht werden:

– Die Bludenzer und die Welschen

– Herzog Friedrich mit der leeren Tasche

– Sagen, Heiligenlegenden, Heimliches & Unheimliches

Weitere Infos unter Tel: 05552/63621-790, www.vorarlberg-alpenregion.at