Der erste Weltkrieg und seine Auswirkungen in Blumenegg

Die Schlachten wurden zwar fernab geschlagen. Dennoch hat der 1. Weltkrieg auch unsere Region verändert. Eine Ausstellung der Blumenegg-Gemeinden Bludesch, Ludesch, Thüringen und Thüringerberg im Juli beschäftigt sich mit den Geschehnissen vor hundert Jahren – vor allem an der „Heimatfront”.

Anfangs zogen sie mit Begeisterung in den Krieg. „Wart´ no mit Gruamat macha, dia paar Serba hommar bald packt”, soll etwa ein junger Thüringer seiner Frau zugerufen haben (Quelle: Heimatbuch Thüringen), als er den Zug an die Front bestieg. Er war sich sicher, dass er bis zur Kartoffelernte wieder zurück sein werde. Generationen später wissen wir, dass er sich irrte.

Simone
Simone Drechsel, Kuratorin aus Altach, hat in Wien Geschichte studiert und arbeitet als freie Historikerin unter anderem für die Landesbibliothek und das Bregenzerwald Archiv

Der 1. Weltkrieg war der bis dahin umfassendste Krieg mit 40 beteiligten Staaten und rund 70 Millionen unter Waffen. Er forderte fast zehn Millionen Tote, zirka 20 Millionen Verwundete und geschätzte sieben Millionen zivile Opfer. „Die Folgen wirken bis in die jüngste Vergangenheit”, erklärt Historikerin Simone Drechsel. „Der 1. Weltkrieg wird deshalb gern als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet.”

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war es etwa üblich, dass die Kämpfe vorübergehend eingestellt wurden, wenn die Bauern auf den Feldern gebraucht wurden, im Winter wurde generell nicht gekämpft. Im 1. Weltkrieg hingegen waren die Männer über eine lange Zeit an der Front. Die Frauen übernahmen deshalb typische Männerarbeiten, traten vermehrt in der Öffentlichkeit auf, erledigten Verwaltungs- und Rechtsgeschäfte für die Familien.

Frauen nahmen daheim das Heft in die Hand

Simone Drechsel: „Für viele Frauen war dies totales Neuland. Denn bis dahin hatte der Mann mit dem Gemeindevorsteher oder dem Bankkassier verhandelt.” Notgedrungen erhielten die Frauen von der Regierung Rechte, die ihnen zuvor verwehrt waren. 1916 etwa wurde den Frauen erstmals erlaubt, die Vormundschaft für ein Mündel zu übernehmen.

Als der Krieg vorbei war, waren nicht alle Frauen bereit, wieder jede Entscheidungsgewalt an die Männer abzugeben – zumal diese oft schwer traumatisiert von der Front zurückkamen. „Mein Eindruck ist, dass die Frauen quasi als Trostpflaster das Wahlrecht erhielten, als man sie 1918 wieder an den Herd zurückschickte,” erklärt Historikerin Simone Drechsel.

1918 war alles Geschichte, wofür die Männer gekämpft hatten

Die Männer konnten sich nur schwer an die neue Situation gewöhnen, zumal alles verloren war, wofür sie jahrelang gekämpft hatten. Die Monarchie war Geschichte, der Vielvölkerstaat Österreich deutlich geschrumpft. Zuhause standen viele vor dem Nichts. Frau und Kinder tot, der Hof verfallen, eventuell vorhandenes Geld in Kriegsanleihen angelegt, die nichts mehr wert waren. Dabei hatten jene Glück, welche die Heimat wiedersahen. Insgesamt 68 Soldaten aus Bludesch, Ludesch, Thüringen und Thüringerberg kehrten nicht zurück.

Jede Familie hatte Tote zu beklagen

„1914 lag die Bevölkerungszahl der Blumenegg-Gemeinden gerade einmal bei rund 2300 Menschen”, stellt der Gemeindearchivar von Ludesch, Wilfried Ammann, die Gefallenenstatistik in Relation. „Eigentlich jede Familie hatte damals Tote zu beklagen.” Dies war für ihn auch ein Grund, warum er – gemeinsam mit seinen Archiv-Mitarbeitern Johannes Wucher und Manfred Sutter – die Ausstellung im Juli anregte. Er wollte die Geschehnisse in dieser Zeit aufarbeiten und angesichts des 100jährigen „Jubiläums” dieses Wahnsinns gedenken. Gemeinsam mit geschichtsinteressierten Menschen aus den  anderen Blumenegg-Gemeinden sowie Historikerin Simone Drechsel nahm das Trio die Sache in Angriff.

Kein leichtes Unterfangen, denn es gibt  keine Augenzeugen mehr, die Auskunft geben könnten, und nur noch wenige Unterlagen aus dieser Zeit. Doch mehrere Aufrufe an die Bevölkerung zeigten Wirkung: Mehr als 120 Blumenegger haben in ihren Dachböden, Kellern und Schubladen Erinnerungsstücke, Feldpost-Briefe und vieles mehr aufgespürt. Sie bilden das Gerüst der Ausstellung, welche am 2. Juli im Gemeindezentrum Ludesch eröffnet wird.

Die Blumenegger Soldaten kämpften vor allem in den Dolomiten. Sie fielen dort nicht nur den Gefechten zum Opfer. ”Weit mehr sind in den Bergen erfroren, von Lawinen verschüttet worden, verhungert oder in Gletscherspalten gestürzt. Sie durften ja nicht einmal ein Feuer machen, damit der Feind sie nicht aufspürt”, berichtet Simone Drechsel. Zahlreiche Feldpostbriefe belegen das Elend an der Front.

Kriegsführer lernten aus den Erfahrungen

Die Befehlshaber im 2. Weltkrieg konnten sich noch gut daran erinnern. Stellungskriege im Hochgebirge, wo nicht nur dem Feind, sondern auch der Natur getrotzt werden musste,  haben sie aus gutem Grund später vermieden. Aber auch sonst leistete der 1. Weltkrieg „Entwicklungshilfe” für den zweiten. Im Zuge der Kriegshandlungen lernten die Soldaten, sich zu tarnen und mit Stahlhelmen zu schützen. Die Kriegskavallerie verlor an Bedeutung, als sich leicht zu transportierende Maschinengewehre und später Panzer bewährten. Im Stellungskrieg erlebte die Handgranate eine Renaissance. Kriegszeppeline, die anfangs zur Aufklärung, später zum Abwurf von Bomben eingesetzt wurden, wichen nach und nach Jagdflugzeugen und Langstreckenbombern. Auch mit Giftgas wurde im 1. Weltkrieg experimentiert. Dieses war aber nur schwer zu beherrschen. Wenn der Wind drehte, waren oft die eigenen Soldaten gefährdet. Zudem wurden immer bessere Gasmasken entwickelt.

Außerdem war der 1. Weltkrieg der erste Propagandakrieg. „Anfangs waren es vor allem die Engländer, die verschiedene Medien nutzten,” berichtet Simone Drechsel, „doch die Österreicher und die Deutschen haben rasch dazu gelernt.” Heldenmythen wurden auf kitschigen Feldpostkarten verbreitet, Durchhalteparolen zierten die Plakate.

Hunger an der „Heimatfront”

Kurz nach Kriegsbeginn wurde klar, dass die Vorräte nicht lange reichen würden. Kaffee musste importiert werden und war deshalb besonders rasch Mangelware. Aber auch Mehl und Getreide gingen aus. Die Situation wurde umso prekärer, je länger der Krieg dauerte. Schlussendlich wurde das Brot sogar mit Sägemehl gestreckt. Wer Nahrungsmittel ergattern konnte, musste dafür Höchstpreise bezahlen. Später waren sie gar nur mehr mit Bezugsmarken erhältlich. „Es fehlte am Nötigsten,” berichtet Simone Drechsel.

Der Winter 1916/17 ging als „Steckrübenwinter” in die Geschichte ein. Den Menschen blieb nur mehr das „Viehfutter”,  um den eigenen Hunger zu stillen. Doch Steckrüben haben kaum Kalorien und es gab kein Öl oder andere Zutaten, um die Rüben etwas nahrhafter zu machen.  Nun waren es die Soldaten, die von der Front Esspakete an ihre Lieben schickten.

Auch Heizmaterial war kaum mehr zu bekommen, sodass in der Region zahlreiche Menschen erfroren und verhungerten. Nach Kriegsende verbesserte sich die Situation kaum. Es dauerte bis zirka 1922, bis sich die Ernährungslage wieder halbwegs stabilisierte.

Die Ersparnisse wurden in Kriegsanleihen investiert

Viele Familien hatten zudem ihr hart verdientes Geld in Kriegsanleihen investiert. Auch so mancher Dorfpfarrer hatte diese Solidarität mit den Oberen von seinen „Schäflein” eingefordert. Nach dem Krieg waren diese nichts mehr wert. Im Gegenteil: anstatt Gewinne einzuheimsen, musste Kriegsverlierer Österreich Reparationszahlungen leisten. Die junge Republik, die nur noch ein Schatten ihrer einstigen Größe und Macht war, musste eine neue Identität finden. – Und auch viele Soldaten hatten Mühe, sich wieder ins zivile Leben einzufügen. Die Ausstellung in Ludesch soll an das Schicksal dieser Menschen erinnern.

Ausstellung im Gemeindezentrum Ludesch: 2.-17. Juli 2016
Die von den Freunden der Geschichte Blumeneggs und der Kuratorin Simone Drechsel konzipierte Ausstellung wird am 2. Juli um 19 Uhr mit einem Festvortrag von Meinrad Pichler eröffnet. Am Sonntag, 3. Juli laden die Blumenegg-Gemeinden ab 11 Uhr zu einem Gedenk-Frühschoppen auf den Ludescher Dorfplatz. Begleitend dazu sind mehrere Vorträge und Workshops geplant.

Fotos: Gemeindearchive Bludesch, Ludesch, Thüringen und Thüringerberg, Privat