Möbel, die sich anpassen

Siegbert Negele wollte nicht, dass die Wiege seiner Tochter nach wenigen Wochen am Dachboden verstaubt. Dieser Gedanke war vor zwanzig Jahren der erste Impuls für die Entwicklung von nachhaltig produzierten Möbeln, die sich den Lebensumständen ihrer Besitzer anpassen. Seit fünf Jahren setzt der Tischlermeister ganz auf „Functionwall”.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, FUNCTIONWALL

Functionwall soll Spaß und Funktion verbinden. In den letzten zwei Jahrzehnten hat Siegbert Negele verschiedene Bausätze entwickelt, die einen Menschen ein Leben lang begleiten können. Ohne Werkzeug und große Anstrengung lässt sich das Kinderbett zur Bank, zum Hochbett oder zum Schreibtisch umbauen, der Wickeltisch verwandelt sich zum Schrankregal, die Kinderküche zum kleinen Aktenschrank. Nachdem er jahrelang an Design und Funktion getüftelt hatte, gründete der Tischlermeister aus Stuben vor fünf Jahren die Firma Functionwall in Bludenz-Außerbraz.

 

Ausgeklügeltes Stecksystem
Kinderküche, Bett, Schrank und Garderobe bestehen alle aus Teilen, die jeweils auch in anderen Wohnbereichen genutzt werden können, wenn sich die Lebensumstände verändern.

Seine bis ins Detail ausgetüftelten Schränke, Betten, Schreibtische, Garderoben,… präsentiert er seitdem auf Designmessen und im eigenen Ausstellungsraum. Ihm ist wichtig, dass die Menschen seine Vollholz-Möbel ausprobieren, anschauen und angreifen. Er führt ihnen gerne vor, wie ein 100 Prozent metallfreies Kinderbett in wenigen Minuten aufgebaut und mit ein paar Handgriffen zum Hochbett mit Schreibtisch umfunktioniert wird. Wenn dann später ein Doppelbett gefragt ist, muss lediglich ein zusätzliches Seitenteil geordert werden. Auch dieser Umbau funktioniert dank des ausgeklügelten Stecksystems ohne jegliches Werkzeug. Wenn ein Regalfach oder das Schubladenelement im Kleiderschrank nicht mehr gebraucht wird, können diese Teile ganz unkompliziert ins Kinderzimmer oder ins Büro übersiedeln und dort, etwa an der Seitenwand des Schreibtisches befestigt, zusätzlichen Stauraum bieten. 

 

Maßanfertigung ist kein Problem

Kunden aus ganz Europa lassen sich inzwischen die Bausätze liefern, die Siegbert Negele in seiner Werkstatt jeweils auf Bestellung produziert. Dadurch kann der Tischlermeister auch auf Sonderwünsche eingehen. Seine Schränke etwa werden genau so gefertigt, dass der vorhandene Platz optimal ausgenutzt ist. Das Innenleben kann der Kunde selbst bestimmen. Kleiderlift, Hosenrechen, ausziehbares Schrank-Tablar,… Siegbert Negele hat für alles eine – superflexible – Lösung. Sogar ein rollbares Tischchen fürs Frühstück im Bett oder kleine Blumenvasen, die an den Seitenwänden angebracht werden können, hat der Tischlermeister im Programm. 

Wenn er ein neues Möbelstück entwickelt, baut er einen Prototyp, nimmt ihn mit nach Hause und lässt ihn von seiner Familie testen, um ihn immer weiter zu optimieren – von der Funktion her, aber auch optisch.

„Da war ein ganzes Team von Designern dran – meine Frau, meine vier Kinder und ich.”

Denn das Design war ihm immer schon wichtig. Er ist deshalb gern im Gespräch mit anderen Kreativen, lässt sich inspirieren, aber auch kritisieren. „Die größte Herausforderung ist, dass ein Sechsjähriger einen völlig anderen Anspruch an Möbel und Design hat wie ein Zwölf- oder ein Zwanzigjähriger.” Die Bärchen aus Kindertagen, die anfangs für Begeisterung sorgen, sind schnell „out”. Er hat deshalb zu einer ganz klaren Linie gefunden, die sich verschiedenen Einrichtungsstilen anpasst und individuelle Akzente zulässt.

Functionwall-Möbel sollen ihren Besitzern ein Leben lang Freude bereiten. Das ist Siegbert Negele wichtig. Denn die Wertschätzung für schöne Dinge sieht er vielerorts verloren gegangen. „Obwohl wir alle viel haben, sind viele Menschen unzufrieden.” Er selbst produziert seine Möbel mit Freude und hofft, dass seine Kunden diese entsprechend wertschätzen. Weil er weiß, dass sie nach bester Handwerkskunst hergestellt sind, gewährt er lebenslange Garantie. 

Als Ausgangsstoff verwendet er verleimte Platten aus Birkenholz. Die ordert er von einem Lieferanten in Finnland, obwohl er in Asien oder Russland viel billiger einkaufen könnte. Doch Siegbert Negele möchte sicherstellen, dass die Platten von bester Qualität sind und nachhaltig produziert wurden. Schließlich sollen später keine schädlichen Inhaltsstoffe – etwa von billig produzierten Leimen – die Luft in den Zimmern beeinträchtigen. Heimische Tanne oder Fichte kann er für seine Möbel nicht verwenden, da dieses Holz zu weich ist. Und die Birkenvorkommen in Österreich sind leider zu gering. Deshalb nimmt er lange Anfahrtswege in Kauf. Die Holzoberflächen werden mit natürlichen Ölen geschützt. Lattenrost und Matratzen für seine Betten bezieht er von Herstellern, denen er in Sachen Nachhaltigkeit und Qualität vertraut. 

Im Laufe der Jahre hat Siegbert Negele bereits flexible Lösungen für viele Wohnbereiche entwickelt. Trotzdem hat er noch einiges vor. Zurzeit tüftelt er etwa an einer Function­wall-Couch fürs Wohnzimmer…