Christine Walch

Sieben Jahre lang hat Christine Walch in enger Zusammenarbeit mit Ahmad Sedighi an ihrem ersten Roman gearbeitet. „Wo der lachende Mond weint” erzählt die Geschichte einer dramatischen Flucht. Die zentrale Botschaft, welche die beiden vermitteln wollen: Es muss viel passieren, dass sich Menschen dazu entschließen, ihr Zuhause, ihre Familie, ihr gewohntes Umfeld zu verlassen und gegen eine ungewisse Zukunft in einem fernen Land einzutauschen.

Christine Walch lebt seit 27 Jahren in Ludesch. Sie ist zwar schon als Kind viele Male umgezogen, in fremde Kulturkreise gelangte sie allerdings nie. Trotzdem beschreibt sie in ihrem Roman jede Straßenecke in Kabul so, als wäre sie selbst vor Ort gewesen, als hätte sie die Menschen dort persönlich getroffen. allerhand! hat nachgefragt, wie das möglich ist, wie es dazu kam, was Christine Walch bei ihren Begegnungen mit Flüchtlingsfamilien gelernt hat:

Sie schreiben im Nachwort Ihres Romans, dass Sie schon als Kind neugierig auf fremde Kulturen waren. Sie sind aber nie über Europa hinaus gelangt. Warum?

Meine Familie war nicht sehr sesshaft. Als ich noch ein Kind war, sind wir elf Mal an verschiedene Orte in Österreich und Deutschland umgezogen. Als ich älter war, wurde es mir zu viel – aber umzuziehen war für mich eigentlich ganz normal. Als junge Frau hätte ich es mir gar nicht vorstellen können, länger als drei Jahre an einem Ort zu bleiben. Es ist dann anders gekommen. Mein Mann und ich haben 1984 geheiratet und wohnten in einem gemieteten Haus in Thüringen.

Dann erfolgte unser Hausbau in Ludesch. Ende 1989 sind wir mit unseren ersten drei Kindern in unser neues Heim umgezogen. Die Zahl unserer Kinder stieg auf sieben. Da ist es nicht mehr so einfach, die Welt zu bereisen. Das habe ich von Kindesbeinen an mit dem Finger im Atlas und in Büchern gemacht.

Christine Walch hat schon als Kind Geschichten geschrieben, die sich in fernen Ländern abspielten. In ihrer Stube in Ludesch ist nun ihr erster Roman entstanden.
Christine Walch hat schon als Kind Geschichten geschrieben, die sich in fernen Ländern abspielten. In ihrer Stube in Ludesch ist nun ihr erster Roman entstanden.

Sie haben aber keinerlei Berührungsängste im Umgang mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis.

Ich denke, das hängt auch mit meiner Jugend zusammen. Wir waren anders. Wir waren Deutsche. Wir gehörten nicht der Mehrheitsreligion an, sondern waren Protestanten. Das war damals in Österreich eher ungewöhnlich. Wenn die Mitschüler Religionsunterricht hatten, wurde ich zusammen mit den türkischen Mitschülern separiert und habe mich zum Teil dann auch mit ihnen solidarisiert. Heute profitiere ich davon, dass mir die Leute rasch vertrauen, wenn sie hören, dass ich die Mutter von sieben Kindern bin. Vor allem die Frauen.

Wie haben Sie Ahmad Sedighi kennengelernt?

Ahmad war einer der ersten afghanischen Flüchtlinge, die nach Österreich kamen, noch vor der großen Flüchtlingswelle. Er ist vor 15 Jahren in Vorarlberg gelandet. Ich bin 2004 mit zweien meiner Kinder zu einer Veranstaltung gegangen. Dort habe ich Ahmad, der damals 24 Jahre alt war, kennengelernt. Über die Jahre hat sich dann eine Freundschaft entwickelt. Erst im Jahr 2008 fingen wir gezielt damit an, Geschehnisse und Vorkommnisse aufzuschreiben. Bei manchen Menschen mit Fluchterfahrung dauert es seine Zeit, bis sie darüber reden können. Manche wollen nie darüber reden, weil das Trauma zu tief sitzt.

Wie entstand die Idee zu dem Buch?

Ahmad hat schon während seiner Zeit in Kabul Geschehnisse auf Persisch niedergeschrieben. Das kann aber hier niemand lesen. Er bat mich, sie in deutsche Sprache zu fassen. Anfangs wollten wir nur seine Flucht dokumentieren, doch dann wurde uns klar, dass es die Vorgeschichte seines Aufwachsens braucht, um über die Flucht berichten zu können.

Dann ist die Geschichte also biografisch?

Nein. Viele Dinge sind wirklich so passiert, manches kommt aus verlässlichen Quellen, manches haben wir dazu erfunden. Es war uns aber immer wichtig, dass es so hätte passieren können! Etwa zwanzig Prozent des Erzählten hat Ahmad wirklich erlebt.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit?

Das war manchmal wirklich schwierig. Ahmad hat zwar in seiner Zeit in Österreich gelernt, sich gut zu verständigen. Deutsch-Kurse wurden anfangs ja noch nicht so angeboten wie heute. Aber wir mussten ganz viele Bedeutungen klären, damit sichergestellt war, dass wir auch wirklich dasselbe meinen. Ich habe ihn immer wieder aufgefordert, mir alles bis ins Detail zu schildern, damit ich mich in die Lebensgewohnheiten, Traditionen, die Denkweise hineinfühlen konnte. Dazu kam die örtliche Distanz. Ahmad wohnte im Unterland, ich in Ludesch. Wir haben uns dann vorgenommen, uns regelmäßig einmal im Monat ausgiebig zu unterhalten und an unserer Geschichte zu arbeiten. Auch das war nicht immer möglich. Zeitweise habe ich sehr daran gezweifelt, dass das Buch jemals fertig wird. Aber wir sind drangeblieben. Es hat halt sieben Jahre gedauert.

Die Quellenangaben füllen am Ende Ihres Buchs mehrere Seiten. Sie haben Ahmads Sicht der Dinge also nicht ungeprüft übernommen?

Nein, ich habe ganz viel recherchiert. Ich habe die Geschichte Afghanistans aus verschiedensten Perspektiven nachgelesen, Informationen über die einzelnen Volksgruppen, ihre unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und die Beziehungen untereinander, aber auch über die Zustände in den Flüchtlingslagern in den verschiedenen Ländern eingeholt, Berichte von Helfern und Betroffenen studiert.

Hat Sie diese intensive Beschäftigung mit dem Thema sehr belastet?

Ja, es war belastend. Ich habe beispielsweise einen umfangreichen Menschenrechtsreport aus dem Englischen übersetzt. Es ist doch unglaublich, dass Menschen sich Dinge ausdenken, um den qualvollen Tod anderer hinauszuzögern, um zu verhindern, dass sie zu schnell sterben! Ich musste mich auch über Foltermethoden informieren und bin zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch nicht von Natur aus gut ist.

Was sind für Sie die wichtigsten Unterschiede in der Denkweise der Afghanen im Vergleich zu unserem Kulturkreis?

Es gibt im afghanischen Wertesystem durchaus Aspekte, die dem europäischen ähnlich sind, allerdings werden sie ganz anders gewichtet. Afghanen stellen die zwischenmenschlichen Beziehungen und ein harmonisches Zusammenleben an den Anfang der Werteskala. Man sieht viel weniger die einzelne Person, sondern die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Die Menschen müssen ihren Platz in der (Groß-)Familie finden, sich darin eingliedern und dürfen nichts tun, was dem Ansehen der Familie schaden könnte. Bescheidenheit und Großzügigkeit sind erstrebenswerte Eigenschaften in der afghanischen Gesellschaft. Das zeigt sich vor allem in ihrer sprichwörtlichen Gastfreundschaft. Es ist den Menschen eine Ehre, Gäste einladen und bewirten zu dürfen! Dem Gast soll es an nichts fehlen.

In unserer westlichen Gesellschaft leben wir eine sogenannte „Schuld-Kultur”. Wenn wir Fehltritte begehen, ist es ganz normal, diese anzusprechen und ein offenes, klärendes Gespräch zu führen, das oft damit endet, dass sich der eine entschuldigt oder um Verzeihung bittet und der andere dem Schuldiggewordenen vergibt. So etwas ist in Afghanistan undenkbar! Das eigene Gesicht muss gewahrt werden. Ein Afghane wird also niemals öffentlich einen Fehler oder eine Lüge zugeben, erst recht nicht, wenn er dazu gedrängt wird. Es gilt als verzeihlich, dem drohenden Gesichtsverlust durch eine Unwahrheit zu entgehen. Darin unterscheiden sich die westlich-österreichische und die afghanische Kultur wesentlich.

Im afghanischen Geschäftsleben spielt das menschliche Kennenlernen eine weitaus größere Rolle als problemorientierte, wirtschaftliche Effektivität, wie wir sie kennen. Und es gibt auch keine große Bindung an Uhrzeiten. Begegnet man in Afghanistan einem Bekannten, wäre es unhöflich, sich nicht eingehend nach dem Befinden der Familie zu erkundigen, was mindestens eine Viertelstunde in Anspruch nimmt! Verspätet man sich dadurch bei einem Termin, wird das selbstverständlich akzeptiert.

In Afghanistan herrscht eine stark ausgeprägte Geschlechtertrennung. Ein Mann darf niemals eine fremde Frau anstarren oder ansprechen, und eine Frau sollte keine Männer ansprechen. Männer und Frauen sollten sich in der Öffentlichkeit sittsam benehmen und einander nicht berühren, das gilt auch für Ehepaare. Auch die weitgehende Bedeckung des Körpers und das Tragen eines Kopftuchs bei Frauen wird vorausgesetzt. Viele Frauen tragen die Ganzkörperverschleie­rung – eine Burka. Männer dagegen sollten keine kurzen Hosen und keine kurzärmligen Hemden tragen.

Außerdem tangiert die Religion jeden Lebensbereich. Der Islam ist wie ein Netz, das über die Menschen gespannt ist.

Nicht leugnen lässt sich, dass Frauen in Afghanistan zwar laut Verfassung Rechte haben, diese Rechte aber nicht umgesetzt werden. Dass viele Mädchen zwangsverheiratet werden, hat mit der wachsenden Armut der Familien zu tun. Alleinstehende Frauen – entweder verwitwet oder geschieden – sind besonders in Gefahr. Weil sie keinen männlichen Schutz haben, erfahren sie häufig Gewalt, auch aus der eigenen Familie. Das gesetzliche Mindestalter bei einer Heirat liegt bei 16 Jahren, wird jedoch meistens außer Acht gelassen. 87 Prozent der afghanischen Frauen sind Belästigungen, Bedrohungen, Mord, Zwangsverheiratung und häuslicher Gewalt ausgesetzt. In der afghanischen Gesellschaft fehlt der Respekt vor Frauen, und die Frauen leiden unter ihrer Minderwertigkeit. Eine afghanisch-amerikanische Rechtsanwältin konstatierte, dass die Jahre des Krieges in Afghanistan die Gewalt in die Häuser getragen haben. Nur Bildung könne das Leben der afghanischen Frauen ändern. Immer noch könnten lediglich 13 Prozent der afghanischen Frauen lesen und schreiben. Männer sollten lernen, Frauen mit Respekt zu begegnen. Das seit über 30 Jahren vom Krieg zerfressene Land sei ein zutiefst konservatives Land, berichtete die Tagesschau. Männer könnten in Afghanistan jederzeit Frauen angreifen….

In Ihrem Buch trifft der Flüchtling Azim im Iran einen Professor, mit dem er darüber diskutiert, warum er nach Europa will. Sie sprechen über Menschenrechte, Demokratie und Gleichberechtigung. Der Professor rät Azim, dass er immer daran denken soll, warum er aus seinem Land geflohen ist, dass er die Regeln eines Landes respektieren muss, wenn er in den Genuss all dieser Rechte kommen will. Hatte Ahmad auch so ein Schlüsselerlebnis?

Das Gespräch, das Azim mit dem Professor führt, sollte die Botschaft enthalten, die uns im Buch sehr wichtig ist: Warum flieht er nicht in ein islamisches Land? Weil in diesen Ländern die Menschenrechte ständig verletzt werden. Welche Werte machen Europa zu seinem Ziel?

Die Einhaltung der Menschenrechte, die Demokratie, die Gleichberechtigung der Menschen, das Recht auf Asyl, die persönliche Freiheit und die Religionsfreiheit. Was sollte er unbedingt tun? Alle diese Werte achten und respektieren, die Europa zu Frieden und Wohlstand verholfen haben! Die Dinge, wegen denen er sein Land verlassen hat (Terror, Krieg …), sollte er im Herkunftsland zurücklassen, da sie im neuen Land nichts zu suchen haben! Wenn er die Werte Europas nicht achten könne, solle er lieber wieder zurück nach Afghanistan gehen.

Eine Veröffentlichung war ja ursprünglich gar nicht geplant.

Wir haben über weite Strecken kaum daran gedacht, das Buch zu veröffentlichen. Wir wollten es einfach nur fertigbringen. Nach und nach ist dann doch der Wunsch dazu entstanden.

Hat es gleich geklappt, einen Verlag zu finden?

Uns war es wichtig, dass das Buch in Österreich veröffentlicht wird. Ich habe dann angefangen, mich ein bisschen umzusehen und bin auf den Novum Verlag in Burgenland gestoßen. Der gibt Neu-Autoren eine Chance. Man muss zwar auch selbst eine Investition tätigen, um verlegt zu werden, bekommt das Geld aber zurück, sobald es durch Verkäufe eingespielt werden konnte. Für mich klang das fair, und auch Ahmad war damit einverstanden. Wir hatten uns auf eine lange Wartezeit eingestellt, doch zu unserer Überraschung hat sich der Verlagsleiter schon nach zwei Wochen bei mir gemeldet. Er sagte, dass das Buch es wert sei, verlegt zu werden. Und im April hielten wir dann ein erstes Belegexemplar in Händen. Da war die Aufregung bei uns allen riesig. So ein Wunder!

Was sollen Ihre Leser nach der Lektüre des Buches mitnehmen?

Wir möchten auf jeden Fall Empathie wecken. Mir ging es etwa so, als ich Fabrizio Gattis Buch „Bilal” gelesen habe. Der Journalist hatte sich undercover unter die Flüchtlinge gemischt. Hunderte Menschen auf einem LKW durch die Wüste. Wer den Wasserkanister verliert, ist des Todes. An der Grenze wird ihnen alles Geld abgenommen… Wenn ich das lese, muss mir niemand erzählen, dass die Menschen nur per Gaudi aus ihrer Heimat flüchten. Ich bin überzeugt, dass diese Menschen nicht einfach mal so aus ihrer Heimat flüchten wollten! Ich mache auch bei Wirtschaftsflüchtlingen keinen Unterschied. In diesen Ländern herrschen Lebensgegebenheiten, die wir in Europa nicht nachvollziehen können.

Trotzdem fühlen sich die europäischen Staaten von diesem Ansturm überfordert. 

Ja, soweit ich höre sind 300.000 bis 600.000 Menschen in den Startlöchern. Ich weiß auch nicht, wie wir das bewältigen sollen.

Sie engagieren sich selbst in der Flüchtlingshilfe. Welche Probleme sehen Sie?

Mein Mann und ich machen das gemeinsam. In unserem Fokus stehen vor allem Familien. Wir besuchen sie regelmäßig, helfen ihnen bei behördlichen Angelegenheiten, geben Deutschunterricht. Was die vielen jungen Männer betrifft, die nach Europa kommen – ich habe die Befürchtung, dass sie aufgrund ihrer Prägungen die Gleichberechtigung von Mann und Frau in ihrem Alltagsleben nicht verwirklichen können. Als ich im Bericht eines syrischen Wissenschaftlers gelesen habe, dass er junge syrische Männer für nicht integrationsfähig hält, bin ich ziemlich erschrocken. Davor sollten wir die Augen nicht verschließen. Ich würde mir in der Betreuung von Flüchtlingen viel mehr Männer um die 50 wünschen, die klar sagen können, was Sache ist und was in unserem Land gelten muss. Das hat bei den Flüchtlingen mehr Gewicht, ein älterer Mann wird respektiert. Im Sommer gehe ich öfter mit Mädchen aus Flüchtlingsfamilien baden. Die Väter nehmen meistens nur die Jungen zum Schwimmen mit. Wenn Familien ihre Mädchen nicht mitgehen lassen, belasse ich es dabei. Man muss den Familien Zeit geben, sich an manches zu gewöhnen. Es ist für sie in der fremden Umgebung schwierig genug, einen Weg zu finden. In der Schule allerdings ist der Sportunterricht für Jungen und Mädchen gesetzlich verankert. Das muss man gleich zu Beginn klarstellen. Ein Kind muss bei uns einfach schwimmen lernen. Ich  finde, wir müssen ganz klar kommunizieren: Wir haben unsere Vorgaben. Wer diese nicht akzeptiert, muss sich überlegen, ob dieses Land wirklich das Richtige für ihn ist.

Trotz dieser kritischen Haltung opfern Sie viel Zeit, um diesen Menschen zu helfen, hier Fuß zu fassen. Warum?

Das hat mit meinem Glauben zu tun. Ich bin Christin. Wir werden im Neuen Testament klar aufgefordert, anderen zu helfen. Hier sehe ich echten Bedarf und habe das Gefühl, dass ich wirklich etwas tun kann, dass sich Menschen in schwierigen Verhältnissen hier einleben können.

Wir bedanken uns bei Christine Walch für das ausführliche Interview. 

Wer die Autorin persönlich kennen lernen möchte, hat dazu am 20. Oktober Gelegenheit: Ab 19 Uhr liest sie in der Bücherei Ludesch aus ihrem Roman „Wo der lachende Mond weint”.


FOTOS: TM-HECHENBERGER, Privat