Flatterhaft: Der Russische Bär

Wer einen Sommerflieder gepflanzt hat, beheimatet in seinem Garten möglicherweise auch einen oder mehrere „Russische Bären”. Aber keine Bange: Der ist nur wenige Zentimeter groß und federleicht. Anstatt brummend über den Grund zu trotten, flattert er von Blume zu Blume, holt mit seinem langen Saugrüssel feinsten Nektar aus den Blütenkelchen. 

FOTOS: GERALD SUTTER, TM-HECHENBERGER

Dr. Georg Friebe hat in Graz Paläontologie und Geologie studiert. Er arbeitet seit 1993 für die
Vorarlberger Naturschau beziehungsweise
die inatura in Dornbirn. Als Leiter des Bereichs Forschung und Wissenschaft ist er immer auf dem Laufenden, wenn in Vorarlberg neue Tiere entdeckt werden. Erst vor wenigen Wochen
etwa wurde eine neue Zünsler-Art in Vorarlberg erstmals nachgewiesen.
In seiner Freizeit jagt Dr. Friebe mit Vorliebe
verschiedensten Insekten nach. So ist er vor einiger Zeit etwa im Stadtzentrum von Hohenems einer Bayerischen Fischernetzspinne über den Weg gelaufen. Zuvor war nicht bekannt, dass diese Art in Vorarlberg lebt.

Der  kleine Schmetterling trägt nicht nur einen irreführenden Namen, er macht es auch den Forschern nicht leicht. „Er ist wanderfreudig, wandert über mehrere Kilometer und wird nicht unbedingt dort angetroffen, wo er sich fortpflanzt”, erklärt Dr. Georg Friebe, Leiter der Forschungs-Abteilung der inatura in Dornbirn. Darum weiß eigentlich keiner so genau, wo der Russische Bär besonders häufig vorkommt. So viel scheint klar zu sein: Nicht zu trocken und zu warm sollte es sein, in feuchten Schluchtwäldern fühlt er sich wohl, aber auch an Lichtungen oder an den Rändern von Magerwiesen. Am häufigsten entdeckt man ihn an den rosaroten Blüten des Wasserdost oder eben am violett blühenden Sommerflieder. Tagsüber sonnt sich der Falter gern an hellen Wänden, hält dabei die schwarzweißen Vorderflügel gut geschlossen. Erst wenn Gefahr droht, breitet er sie aus und präsentiert die signalrote Warnfärbung der Hinterflügel. 

Europaweit unter Schutz

„Der Russische Bär ist eigentlich fast überall anzutreffen”, weiß Dr. Friebe, „und trotzdem steht er europaweit unter Schutz.” Die EU hat damit einem Antrag von Griechenland entsprochen. Auf Rhodos wurde eine Unterart des Russischen Bären nämlich derart zum Touristenmagneten, dass sich die Behörden gezwungen sahen, den Falter zu schützen. Weil aber eine Unterart nicht unter Schutz gestellt werden kann, stehen nun sämtliche Russischen Bären auf der Roten Liste. Das bringt jetzt auch die Vorarlberger Behörden unter Zugzwang. Denn für jede geschützte Art müssen entsprechende Schutzgebiete ausgewiesen werden. Bei „Wandervögeln” wie dem Russischen Bären kein leichtes Unterfangen. Es ist – wie gesagt – schwierig, ein Gebiet auszuweisen, das dem Russischen Bären zur Fortpflanzung dient. „Vermutlich befindet sich das größte Vorkommen im Saminatal”, erklärt Dr. Georg Friebe. Allerdings verhindere derzeit die Stadt Feldkirch, dass dort ein entsprechendes Forschungsprojekt in Angriff genommen werden kann. Der Zutritt in weitere Schutzgebiete, in denen der Russische Bär vermutet wird, ist den Biologen verwehrt, weil die Brutvögel nicht gestört werden dürfen. Es wird also noch etwas dauern, bis die Lebensweise des kleinen Falters in Vorarlberg genauer untersucht ist.

 Der Russische Bär ist sowohl in der Nacht als auch am Tag aktiv.
Auf dem Wasserdost verweilt der Russische Bär
besonders gern.

Wer ihn beobachten möchte, sollte sich im Juli und August – am besten in der Nähe seiner Lieblingspflanzen Wasserdost und Sommerflieder – auf die Lauer legen. Die Weibchen legen in dieser Zeit zahlreiche Eier dicht aneinander gedrängt auf den Blättern verschiedenster Pflanzen ab. Denn die stark behaarten Raupen, die dann im September aus diesen Eiern schlüpfen, sind nicht wählerisch. Brennessel, Weide und Natternkopf schmecken ihnen ebenso wie etwa die Blätter von Brombeeren und Himbeeren. In noch sehr jugendlichem Alter lassen sich die Raupen auf den Boden fallen, in der Hoffnung ein geschütztes Plätzchen zu finden, in dem sie die kalten Wintermonate gut überdauern. Im Frühjahr wird dann fleißig weitergefressen, um sich anschließend in einem weißgrauen Gespinst am Boden zu verpuppen. Nach rund einem Monat schlüpfen die Falter, meist Mitte Juli – je nach Witterung etwas früher oder später. Wenn sie nicht schon zuvor einem Vogel als Futter dienen oder von Parasiten wie der Schlupfwespe befallen werden, haben sie danach einen Monat Zeit, um sich fortzupflanzen. Dann ist ihr flatterhaftes Dasein beendet.

Weil er weit verbreitet ist, muss der Mensch derzeit zum Schutz des Russischen Bären nicht gezielt etwas unternehmen.

Dr. Georg Friebe appelliert aber generell an die Vorarlberger, ihre Gärten möglichst vielfältig zu gestalten und etwa die Grünstreifen an den Straßenrändern, in denen sich auch der Wasserdost gerne ansiedelt, nicht zu schnell abzumähen. Es kann zwar für die Kinder lehrreich sein, die Schmetterlinge im Garten zu beobachten, trotzdem hält er wenig davon, einen Sommerflieder zu pflanzen, „weil man ein schlechtes Gewissen wegen des Mähroboters hat.” Denn der Sommerflieder ist ein Einwanderer, der aus Asien zu uns kam. „Er gehört da nicht hin, und ein Rasen, der vom Mähroboter gepflegt wird, ist eine Grasplantage ohne ökologischen Wert.”

Der Russische Bär (Euplagia quadripunctaria) gehört zur Gruppe der Bärenspinner, von denen es weltweit rund 11.000 Arten gibt. Ihren Namen verdanken die Bärenspinner dem Aussehen ihrer Raupen, deren stark behaarter Körper sie wie ein zotteliges Fell vor Fressfeinden schützt. Der Russische Bär wird auch Spanische Flagge genannt. Wie der Falter zu diesem Namen kam, ist nicht geklärt. Seine Flügelspannweite liegt zwischen 40 und gut 50 Millimetern. Die Raupen werden rund fünf Zentimeter groß. Sie sind dunkelgrau, auf dem Rücken haben sie eine gelbe Linie, auf den Seiten weiße Flecken. Rötlich-braune Warzen mit kurzen hellen Borsten sind über den gesamten Körper verteilt.