Fleißiger Bauherr

Biber sind nachtaktiv. In den frühen Morgen- oder Abendstunden bekommt man sie aber durchaus zu Gesicht.
Biber sind nachtaktiv. In den frühen Morgen- oder Abendstunden bekommt man sie aber durchaus zu Gesicht.

Nach rund 350 Jahren ist der Biber in Vorarlberg zurück. Es gibt bereits erste Meldungen, dass der scheue Nager auch in Frastanz gesichtet wurde. Die offizielle Biber-Beauftragte des Landes, Mag. Agnes Steininger, kann dies zwar noch nicht offiziell bestätigen. Es ist für sie aber ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis der Biber sein Revier in den Walgau ausdehnt. Sie plädiert für ein friedliches Miteinander mit dem fleißigen Bauherrn.

Agnes Steininger ist als offizielle Biber-Beauftragte erste Ansprechpartnerin, wenn es Probleme mit dem Nager gibt. Auch über Meldungen, wo Biber gesichtet wurden, freut sie sich unter Tel: 0664/8771842
Agnes Steininger ist als offizielle Biber-Beauftragte erste Ansprechpartnerin, wenn es Probleme mit dem Nager gibt. Auch über Meldungen, wo Biber gesichtet wurden, freut sie sich unter Tel: 0664/8771842

Zugegeben – das allerhand!-Team hatte sich drei Mal auf die Suche gemacht. Doch weder frühmorgens in Feldkirch noch abends in Hard ließ sich ein Biber blicken. Seine Spuren waren allerdings allgegenwärtig. „Das hier ist der verlassene Biberbau”, erklärte Agnes Steininger mit Blick auf einen wirklich immensen Verhau aus Stämmen, Zweigen und Erde. An anderer Stelle  zeigte sie uns eine deutliche Rutschspur, welche die Biber hinterlassen, wenn sie sich vom Ufer ins Wasser plumpsen lassen. Doch – trotz geduldigen Wartens: Kein einziges Tier ließ sich blicken. „Ich selbst habe erst nach neun Monaten zum ersten Mal einen Biber zu Gesicht bekommen,” tröstete uns die Biologin, berichtete aber andererseits, dass die Biber an anderen Tagen ein regelrechtes „Schaulaufen” für die Spaziergänger veranstalten. Insgesamt leben inzwischen wieder mehr als 60 Tiere in Vorarlberg.

Nach zwei Jahren müssen sich die Jungtiere ein eigenes Revier erobern 

Ein Jäger hat schon vor zwei Jahren gemeldet, dass auf dem Betriebsgelände der Firma 11er in Frastanz ein Biber gesichtet wurde. Doch trotz mehrmaligem Nachforschen hat Agnes Steininger dort an der Ill noch kein Tier entdeckt. „Allerdings sind in diesem Bereich viele kleine Seen, da kann er sich überall verstecken.” Vor 350 Jahren ausgerottet, besiedelt der Biber seit zehn Jahren strukturreiche Gewässer im Land. Da die Jungtiere nach zwei Jahren aus dem „Elternbau” vertrieben werden und sich ein eigenes Revier erobern müssen, ist es für Mag. Steininger nur logisch, dass sie nach und nach auch in den Walgau vordringen werden.

Ihre Aufgabe ist es, zwischen Mensch und Biber zu vermitteln. Denn obwohl der Biber ein sehr vielseitiges Nahrungsangebot nutzt, schmecken ihm nicht nur Kräuter, Schilf und anderes Grünzeug, welches die Aulandschaft bereit hält. Normalerweise sucht sich der Biber sein Futter nur in einem Umkreis rund 20 Meter vom Ufer entfernt. Er hat jedoch eine gute Nase. Riecht er etwa ein Maisfeld in der Umgebung, kann es durchaus sein, dass er sich mit den Vorderfüßen einen Tunnel in dieses Schlaraffenland gräbt. So soll sich ein Biber in Niederösterreich sogar einen 125 Meter langen unterirdischen Gang gegraben haben. „Außerdem graben Biber Flucht-Tunnel”, weiß Agnes Steininger. Im Vorarlberger Unterland ist der Biber aber auch schon in Privatgärten zur Apfelernte eingedrungen oder hat einer Hecke aus Smaragd­thujen den Garaus gemacht.

„Trotzdem funktioniert das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier im Normalfall gut”, ist Agnes Steininger überzeugt. Der Biber lichtet im Winter die Uferbereiche aus, nimmt dem Menschen dadurch sogar Arbeit ab. Am Satsop River im Staat Washington wurden an einem Seitenarm sämtliche Biberdämme entfernt, am zweiten Seitenarm wurden sie stehen gelassen. Dort wo sie entfernt worden waren, kam es später zu extremen Hochwasserspitzen, während am anderen Seitenarm Überschwemmungen ausblieben…

Größere Bäume fällt der Biber nur im Winter, um an die dünneren Zweige und die Rinde zu gelangen. Seine vier großen Nagezähne sind durch Eiseneinlagerungen extrem hart. Er kann zudem sechsmal fester zubeißen als der Mensch. Einen Baumstamm mit einer Dicke von 30 bis 40 Zentimetern fällt er in einer Nacht. Durch seine Schlägerungen und Dammbauten verändert der Biber die Uferlandschaft so, dass Ringelnattern, Eisvögel, Graureiher, Käfer und Amphibien dort wieder Lebensräume vorfinden, in denen sie sich gut entwickeln können. Damit unterstützt der fleißige Nager die Artenvielfalt.

„Wer Probleme mit Bibern hat, kann sie oft mit einfachen Maßnahmen beheben”, rät Agnes Steininger zu Elektrozäunen, Bissschutzpaste oder Drahtmanschetten um gefährdete Bäume. Wenn der Biber Bauten beschädigt, die dem Hochwasserschutz dienen, kennt auch sie keinen Pardon. „Mit der Sicherheit wird nicht gespielt. ”

Alles in allem rät sie aber zu einem entspannten Umgang mit dem  ”Wieder-Zuzügler”. „Melden Sie sich bei mir, reden wir miteinander. Es gibt meistens eine Lösung.” Sie appelliert an die Spaziergänger, die Biber keinesfalls zu füttern. Hundebesitzer sollten ihre Tiere nicht ins Wasser lassen, wenn sich dort ein Biber aufhält. Denn Biber sind Wildtiere und können angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen.


Der Biber (CASTOR FIBER)

wird bis zu 30 Kilogramm schwer und von der Nase bis zum Schwanzende etwa 135 Zentimeter lang. Sein stromlinienförmiger Körper macht ihn zu einem eleganten Schwimmer. An Land bewegt er sich hingegen eher unbeholfen. Sein dichtes Fell mit bis zu 23.000 Haaren pro Quadratzentimeter (zum Vergleich: Der Mensch hat auf derselben Fläche nur zirka 300 Haare) schützt ihn – ebenso wie eine dicke Fettschicht – vor Kälte. Biber sind nach zwei bis drei Jahren geschlechtsreif und gehen dann eine lebenslange Partnerschaft ein. Sie paaren sich unter Wasser, die zwei bis drei Jungen kommen nach rund 107 Tagen mit einem Gewicht von zirka einem halben Kilo zur Welt. Sie können schon mit ungefähr drei Wochen Pflanzen fressen und werden deshalb nicht sehr lange gesäugt. Der Biber wurde früher gejagt. Sein Fell zierte so manche Trachtenkappe und „Bibergeil” – ein fetthaltiges Sekret, das der Biber aussondert, um sein Fell zu pflegen, galt früher als Allheilmittel bei vielerlei Wehwehchen. Auch sein Fleisch war als Delikatesse beliebt. Heute ist der Biber geschützt.


Fotos: Dietmar Hollenstein, TM-Hechenberger