Frühlingsboten

Wenn die Natur langsam aus ihrem Winterschlaf erwacht, ist auch im Reich der Pilze einiges los. Sogar Speisepilze schießen da und dort aus dem feuchten Untergrund. 

FOTOS: USCHI ÖSTERLE, TM-HECHENBERGER

Der Österreichische Prachtbecher (Sarcoscypha austriaca) sprießt gleich nach der Schneeschmelze aus dem Boden: Dieser Pilz ist zwar nicht genießbar, wie die ersten Frühlingsblumen sind sie aber eine Wohltat fürs Auge und das Gemüt.
Den Österreichischen Prachtbecher findet man
an totem Holz vor allem
der Grau­erle.

Die Natur hält sich nicht unbedingt an unseren Kalender. „Der Übergang von den Winter- zu den Frühjahrspilzen ist deshalb nicht klar abgrenzbar”, erklärt die Obfrau des Pilzkundlichen Vereins Vorarlberg, Uschi Österle aus Göfis. Generell gedeihen Pilze im Winterhalbjahr sogar besser, weil Trockenheit und Hitze auch den zähesten Vertretern langfristig zusetzen. Uschi Österle streift das ganze Jahr über vor allem durch die Wälder und Auen rund um ihren Heimatort – und entdeckt stets einige interessante Exemplare. 

 

 

Vorsicht bei Chlor-Geruch

Achtung: Der essbare Fichtenzapfenrübling (Strobilurus esculentus) hat einen ungenießbaren Doppelgänger, der allerdings stark nach Chlor riecht.

Der Fichtenzapfenrübling (Foto auf Seite 51) etwa hat eigentlich erst im März/April Saison. Wenn ihm die Bedingungen passen, taucht er aber auch schon in den ersten beiden Monaten des Jahres auf. Wie sein ungenießbarer Doppelgänger, der Fichtenzapfenhelmling, wächst er aus Fichtenzapfen, die Kontakt zur Erde haben. Sein Hut ist hell- bis dunkelbraun, anfangs halbkugelförmig, später flach mit einem angedeuteten Buckel, der Stiel zäh und längsfasrig, direkt unter dem Hut weißlich, ansonsten gelb- bis ockerbraun. Die Lamellen sind weißlich, der Hutdurchmesser beträgt nur 1 bis 2,5 Zentimeter. Die Hüte können für ein Pilzomelett oder in Suppen und Saucen verwendet werden. Aufgrund der geringen Größe rentiert sich das Sammeln aber nur, wenn man ein größeres Vorkommen entdeckt. Von seinem Doppelgänger unterscheidet sich der Fichtenzapfenrübling vor allem durch seinen angenehmen Pilz-Geruch. Der ungenießbare Fichtenzapfenhelmling stinkt hingegen nach Chlor. Eher selten taucht ein weiterer Doppelgänger, der Mäuseschwanzrübling, auf, der jedoch ebenfalls nicht giftig, sondern nur ungenießbar ist. 

Morcheln: Gekocht eine Spezialität

An Holzlagerplätzen, im Auwald, aber auch in privaten Gärten, in denen Rindenmulch ausgebracht wurde, gedeiht die Spitzmorchel. Alle Arten von Morcheln sind essbar – allerdings nur, wenn sie zuvor ausreichend erhitzt wurden! Hut und Stiel sind bei Morcheln klar abgegrenzt. Die Hüte haben eine auffallende, wabenartige Struktur. Verwechseln kann man sie mit den giftigen Lorcheln. Die Struktur der Lorchel-Hüte erinnert aber an der Oberfläche eher an ein Gehirn.

In gekochtem (!) Zustand auf jeden Fall ein Genuss sind hingegen alle Arten von Morcheln, welche die Pilzkennerin im Auwald entlang der Ill, vor allem in der Nähe von Eschen und Ulmen, sowie an Holzlagerstätten entdeckt. „Ich bin aber auch schon in privaten Gärten über Morcheln gestolpert”, berichtet Uschi Österle. Die Besitzer waren sich meist gar nicht bewusst, dass sie den Speisepilz mit Rindenmulch in ihren Garten übersiedelt hatten. Roh sind Morcheln – wie die meisten Speisepilze – stark giftig. Je nach Menge und Größe müssen sie mindestens zehn bis 15 Minuten – tiefgekühlte Exemplare sogar länger – bei hundert Grad erhitzt werden. „Trocknungszeiten im Dörrex dürfen da nicht angerechnet werden”, warnt die Pilzexpertin. Denn getrocknete Morcheln sind aromatischer als tiefgekühlte. 

 

 

 

„Chinesische Morchel” wächst auch bei uns

Das Judasohr (Auricularia auricula-judae) soll der Legende nach erstmals an jenem Baum gesprießt sein, an dem sich Judas nach seinem Verrat an Jesus Christus erhängte. Diesen Pilz findet man bei uns vor allem an toten und geschädigten Teilen von Holundersträuchern.

Das Judasohr (Foto Seite 51) ist in unserer Region das ganze Jahr über vor allem an geschädigten Teilen von Sträuchern – bevorzugt am Holunder – oder an Bäumen zu entdecken. Der Pilz wird vor allem in der asiatischen Küche sehr geschätzt und deshalb auch als „Chinesische Morchel” bezeichnet. Die Fruchtkörper haben die Form einer Schüssel beziehungsweise einer Ohrmuschel und sitzen ohne Stiel am Holz auf. Junge Exemplare sind rot- bis kandiszuckerbraun, ältere olivgrau bis schwärzlich. Eingetrocknet sind sie komplett schwarz und spröde. Dem Judasohr wird sogar eine heilende Wirkung zugesprochen. Es enthält spezielle Zuckerverbindungen, Vitamin B,  Eisen, Calcium, Kalium und Silizium sowie ungesättigte Fettsäuren. Auf die medizinische Wirkung wurde bereits 300 vor Christus in China hingewiesen, neuere wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass das Judasohr entzündungshemmend wirkt und auch zur Senkung des Blutzuckers oder zur Immunstimulation beitragen kann. 

Tausendsassa Schmetterlingstramete

Schmetterlingstrameten (Trametes versicolor) wachsen das ganze Jahr
über dachziegelartig an totem oder geschädigtem Holz. Sie sind sehr farbvariabel – von cremefarben bis zu braunen, grauen und blauen Tönen. Der kurzhaarige Hut sitzt ohne Stiel an geschädigtem oder totem Holz auf, an der Unterseite sind rundliche Poren zu sehen, die je nach Alter weiß, cremefarben, später grau oder sogar ocker gefärbt sind. Getrocknet und als Tee zubereitet ist dieser Pilz sehr gesund.

Ein anderer Baumpilz, dem bereits wissenschaftlich eine gewisse Heilwirkung attestiert wurde, ist die Schmetterlingstramete. „Sie enthält bestimmte Zucker- und Eiweißverbindungen, die immunstärkend und entgiftend wirken, und die Heilung verschiedenster Krankheiten unterstützen können”, erklärt Uschi Österle. Die Schmetterlingstramete ist als Speisepilz allerdings ungenießbar, weil zäh und geschmacklos, und sollte deshalb getrocknet und als Tee genossen werden. Außerdem hat dieser Pilz die Fähigkeit, komplizierte chemische Verbindungen zu spalten. Es laufen bereits Studien, ob er etwa zur Sanierung kontaminierter Erde oder belasteter Abwässer eingesetzt werden kann.

Uschi Österle, Obfrau des Pilzkundlichen Vereins Vorarlberg

Die wichtigste Regel zum Sammeln von Pilzen:

Lernen Sie zuerst die tödlich giftigen Pilze ganz genau kennen, damit Sie eine Verwechslung ausschließen können. Die geernteten Speisepilze sollten Sie mit absoluter Sicherheit erkennen – 99% sind zu wenig! Es gibt keine generellen Merkmale, mit denen sich Giftpilze von Speisepilzen abgrenzen lassen. Auch Wild-, Schnecken- und Mäusefraß sind kein Indiz. Tipps wie das Mitkochen von Silberlöffeln, Knoblauchzehen und Ähnliches gehören ins Reich der Fabel.