Großes Mausohr: Wochenstube im Kirchengebälk

In Vorarlberg gibt es 22 verschiedene Fledermausarten. Die größte europäische Art, das stark gefährdete „Große Mausohr” mit einer Flügelspannweite von bis zu 43 Zentimetern, kommt im ganzen Land vor. Es sind aber nur drei Quartiere bekannt, in denen die Weibchen ihre Jungen aufziehen. Diese liegen in Sulz, Thüringen und Ludesch. Die Wiesen und Wälder im Walgau bieten den nachtaktiven Tieren ein hervorragendes Jagdrevier. Ihre „Wochenstuben” richten sie am liebsten in geweihtem Umfeld ein. allerhand! hat die Kolonie im Dachgebälk der Thüringer Pfarrkirche inspiziert. 

FOTOS: GERALD SUTTER,  FOTOLIA

Mitte Oktober hängen nur noch rund 45 Tiere unter dem Kirchendach. Die Mütter sind bereits ausgeflogen, haben ihre Jungen Ende August verlassen, um sich mit den Männchen zu paaren. Ein dicker Bodenbelag an Exkrementen zeugt aber davon, dass die Wochenstube über den Sommer gut besetzt war. „Inklusive der Muttertiere besteht die Thüringer Kolonie aus knapp 200 Tieren”, schätzt der offizielle Fledermausbeauftragte des Landes, Hans Walser aus Düns.

Hans Walser
Als offizieller Fleder­maus-Beauftragter des Landes sucht Hans Walser regelmäßig die Fledermaus-Kolonien in Vorarlberg auf und bemüht sich um den Schutz der Tiere.

Der ehemalige Volksschullehrer hat sich immer schon für die Schönheiten der Natur interessiert. Seit mehr als 15 Jahren widmet er sich vor allem den Fledermäusen, kontrolliert im Auftrag der Landesregierung regelmäßig die Fledermaus-Kolonien, berät unfreiwillige „Quartiergeber” und macht sich bei Exkursionen und Führungen für den Schutz der Tiere stark.

Schlechter Ruf dank Schauermärchen

Er weiß, dass es in früheren Zeiten gewaltige Vorurteile gegen seine Schutzbefohlenen gab. „Man hat den Mädchen gesagt, wenn sie am Abend nicht rechtzeitig nach Hause kommen, verfangen sich die Fledermäuse in den langen Haaren”, schmunzelt Hans Walser. Doch das ist natürlich Blödsinn. Die Tiere sind scheu und alles andere als darauf aus, junge Mädchen zu erschrecken. Auch der Ruf als gefährliche Vampire ist falsch. Nur drei der weltweit mehr als 1500 Arten ernähren sich vom Blut anderer Säugetiere. „Vampir-Fledermäuse” kommen nur in Mittel- und Südamerika vor. Dort können sie unter Umständen auch dem Menschen gefährlich werden, indem sie etwa Krankheiten wie die Tollwut übertragen. Heimische Fledermäuse fressen vor allem Insekten. Im Kampf gegen die Maikäferplage ist etwa das Große Mausohr ein optimaler Verbündeter.

Ursprünglich in wärmeren Gefilden zuhause, ist das Große Mausohr seit langer Zeit in Vorarlberg heimisch. So ist etwa nachgewiesen, dass sich die traditionsbewussten Weibchen schon seit mehr als hundert Jahren verlässlich jedes Frühjahr im Ludescher Kirchturm einfinden, um dort in der ersten Juni-Hälfte zu gebären.

Gedränge in der Wochenstube

Gedränge in der Wochenstube
In der Wochenstube hängen die Jungtiere dicht an dicht beieinander, um sich gegenseitig zu wärmen. So ist der Energieverbrauch am geringsten. Ein Fledermaus-Weibchen bringt in der Regel jedes Jahr ein Junges zur Welt. Durchschnittlich werden diese zwei bis fünf Jahre alt.

„Die Jungen des Großen Mausohrs kommen nackt und blind auf die Welt”, erklärt Hans Walser. „Sie haben aber von Anfang an stark ausgebildete Füße, mit denen sie sich am Gebälk gut festhalten können.” Die Mutter lässt das nur vier bis sechs Gramm leichte Jungtier bereits in der ersten Nacht allein, um auf die Jagd zu gehen, kommt aber alle paar Stunden zurück, um es unter die Flughaut zu nehmen, zu putzen und  zu säugen. Da sich Weibchen aus weitem Umkreis jedes Jahr von Ende März bis Ende Mai immer wieder in derselben Wochenstube einfinden, ist ein Fledermaus-Junges trotzdem stets in Gesellschaft. Dicht aneinander gedrängt hängen die Jungtiere kopfüber im Dachstuhl des Thüringer Dachstuhls, lassen sich vom Strahl der Taschenlampe kaum stören. Sie werden schon bald dem Beispiel ihrer Mütter folgen, sich in frostsichere Quartiere mit relativ hoher Luftfeuchtigkeit – in unterirdische Stollen, Höhlen, Felsspalten und dunkle Kellerräume – zurückziehen. Das Große Mausohr legt Distanzen bis zu 300 Kilometern zurück, um ein geeignetes Winterquartier zu suchen.

Die Männchen sind Einzelgänger, wohnen während des Sommers in Kirchturmspitzen oder hohlen Bäumen. Die Weib­chen suchen sie im Herbst und im Frühjahr dort zur Paarung auf und horten das Sperma mehrerer Partner im Uterus. Erst nach dem Winterschlaf, wenn die Temperaturen wieder steigen, wird die Eizelle befruchtet, beginnt die rund 60-90 Tage dauernde Schwangerschaft. „Das gilt für alle europäischen Fledermausarten, ist aber sonst einzigartig im Tierreich”, berichtet Hans Walser. Die Embryonalentwicklung würde die Tiere im Winterschlaf  zu viel Energie kosten.

Störungen im Winterschlaf sind gefährlich

Fledermäuse fressen sich im Herbst einen dicken Winterspeck an, um die kalte Jahreszeit zu überstehen. Erst erleben sie kürzere, sehr lethargische Phasen, dann schlafen die Tiere bis zu eineinhalb Monate am Stück. Dabei sinkt die Atemfrequenz auf einen bis eineinhalb Atemzüge pro Stunde, das Herz schlägt in dieser Zeit nur zwanzig Mal, anstatt 500 bis tausendmal wie im Wachzustand. Die Körpertemperatur nähert sich der Umgebungstemperatur an. „Beim Großen Maus­ohr sind Temperaturen von zirka sechs Grad Celsius normal,” erklärt der Fledermaus-Experte, „bei sehr robusten Arten kann die Temperatur aber durchaus auf bis zu minus zwei Grad sinken.” Werden die Tiere während ihres Winterschlafs mehrfach gestört, kann dies dramatische Folgen haben. Sie verbrauchen in der Aufwachphase extrem viel Energie, finden aber in der Winterlandschaft meist keinerlei stärkende Nahrung.

Eine Schlechtwetterperiode mit viel Regen im Juni ist ebenfalls problematisch. Die Muttertiere müssen dann bereits ihre Jungen mit Milch versorgen und benötigen dafür viel Kraft und damit stärkende Nahrung. Anders als andere Arten ist das Große Mausohr vor allem hinter großen Laufkäufern her. Da sie diese aber anhand der Krabbelgeräusche orten, ist prasselnder Regen ein Garant für eine erfolglose Jagd. Hält dieser Zustand über längere Zeit an, verlassen die Muttertiere ihre Jungen, um an einem anderen Ort ihre Körpertemperatur und damit ihren Energiebedarf zu senken. „Da kann es dann schon geschehen, dass bis zu 90 Prozent der Jungtiere sterben”, weiß Hans Walser. Doch im Normalfall gleicht die Natur solche Ausfälle in den Jahren danach wieder aus.

Viel schlimmer ist es, wenn die Wochenstuben vom Menschen unsachgemäß verändert werden. Andere Arten sind robuster, doch das Große Mausohr weicht nur sehr ungern auf andere als die gewohnten Quartiere aus. So ist etwa die Population im Ludescher Kirchturm von 400 auf 70 Tiere gesunken, als der Turm renoviert wurde. Die Kolonie in Thüringen war in den 50er-Jahren tausend bis 2000 Tiere stark und ist nach einer Sanierung fast erloschen. „Der größte Einbruch war sicherlich in den 70er/80er-Jahren”, berichtet der Fledermausbeauftragte des Landes. Damals wurde in den Gärten und auf den Feldern viel mit Giften wie DDT und giftigen Holzschutzmitteln gearbeitet, wurden die Landschaften ausgeräumt, Zugänge zu den Fledermausquartieren vergittert.

Ungefragte Quartiergeber zeigen Verständnis

Messner Karl Tschann mit Hans Walser
Messner Karl Tschann führte die Besucher der Fledermaus-Kolonie unter das Dach der Thüringer Pfarrkirche.

Das hat sich glücklicherweise geändert. „Die meisten Menschen sind heute sehr kooperativ, das Umweltbewusstsein hat sich verbessert”, freut sich Hans Walser, dass die „tolle Landschaft im Walgau” auch seinen Schutzbefohlenen gute Lebensbedingungen bietet. Wenn man bedenkt, dass das Jagdrevier des Großen Mausohrs einen Durchmesser von rund 15 Kilometern hat, wird klar, dass die Tiere in der Region weit herumkommen. Auch die Zusammenarbeit mit den Hausbesitzern klappt inzwischen sehr gut. „Quartiergeber” des Großen Mausohrs ist in erster Linie die Diözese. Die informiert den Fledermausbeauftragten verlässlich, wenn in den Kirchen Renovierungen anstehen. Gemeinsam wird dann beraten, was zu tun ist, um die Tiere möglichst wenig zu stören. So sollte etwa die Ausflugsöffnung nicht allzu sehr versetzt werden. Nach Möglichkeit werden die Bauarbeiten außerdem in eine Zeit verschoben, in der die Weibchen nicht mit der Aufzucht ihrer Jungen schwer beschäftigt sind.

„Jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten, um Fledermäuse zu schützen”, appelliert Hans Walser dafür, dass die Gärten mit Blumen, Sträuchern und vielleicht einem kleinen Teich naturnah gestaltet werden. Auf den Einsatz von Giften sollte man ebenso verzichten, damit das Nahrungsangebot für die Tiere erhalten bleibt. Wer es besonders gut meint, kann Fledermauskästen aufstellen. „Ein kleines Fledermaus-Quartier im Dachboden richtet keinen Schaden an”, versichert der Fledermaus-Experte, dass die vielen Kotkügelchen auf dem Dachboden der Thüringer Kirche eine „Spezialität” der größten heimischen Art und andere Fledermäuse „reinlicher” sind. Hans Walser hofft, dass seine Fledermäuse auch künftig ein Plätzchen finden werden. „Wenn eine Kolonie erlischt, merken wir dies nicht wirklich”, ist ihm bewusst. „Aber alles wird instabiler – wie in einer großen Familie, wenn ein Mitglied fehlt. Es geht nicht immer nur um Wirtschaftlichkeit. Man kann auch die Artenvielfalt als Wert sehen.”