Kreuzotter

Schlangen sind vielen Menschen nicht ganz geheuer. In unserer Region ist die Furcht allerdings unbegründet. Denn die einzige heimische Giftschlange ist sehr scheu und eher knausrig mit ihrem Giftstoff. 

FOTOS: DIETMAR HUBER

Dietmar Huber aus Göfis ist als Biologe Autodidakt. Er hat sich über Jahre hinweg intensiv mit Reptilien beschäftigt und ist ein genauer Kenner der heimischen Orchideenwelt.

Die Kreuzotter flieht bei Gefahr sofort. Deshalb bleibt es meist bei Drohgebärden und Scheinangriffen. Es kommt bei uns so gut wie nie zu Unfällen mit dieser Giftschlange”, berichtet Dietmar Huber. Der Hobby-Biologe aus Göfis hat sich jahrelang mit Reptilien beschäftigt und war auch der Kreuzotter immer wieder auf der Spur. Er weiß, dass die Schlange ihren Giftvorrat sehr sparsam einsetzt, benötigt sie ihn doch, um sich Nahrung zu beschaffen. Sie lauert mit Vorliebe Mäusen, Eidechsen und Fröschen auf, attackiert sie blitzschnell und injiziert ihrer Beute das Gift. Die angegriffenen Tiere werden dadurch stark geschwächt und sterben rasch. Die Schlange muss sich mit der Verfolgung also nicht groß abmühen. Die Nahrung wird im Ganzen verschluckt, meist mit dem Kopf voran.

 

Kreuzottern können sehr unterschiedlich gefärbt sein. Selbst das typische Zickzack-Muster auf dem Rücken ist nicht bei allen Tieren zu erkennen.

Den Menschen greift die Kreuzotter nur an, wenn sie sich massiv bedroht fühlt, wenn er sie anfasst oder auf sie tritt. Bei solchen Verteidigungsbissen verwendet sie meist gar kein, oder nur sehr wenig Gift. Falls sie sich aber doch entschließt, den wertvollen Giftvorrat einzusetzen, ist die Dosis für den Menschen nicht tödlich. Um einen durchschnittlichen Erwachsenen ernsthaft in Gefahr zu bringen, müssten fünf Kreuzottern gleichzeitig zubeißen. „Nach einem Biss tritt aber eine schmerzhafte, starke Schwellung auf, die sich über den betroffenen Körperteil ausbreiten kann”, weiß Dietmar Huber. Außerdem könne es im Bereich der Verletzung zu blauroten Verfärbungen kommen, im Extremfall wurden Herzrasen und Atemprobleme beobachtet. Dietmar Huber rät deshalb, auf jeden Fall einen Arzt aufzusuchen, falls eine Kreuzotter zugebissen hat. Passieren kann dies am ehesten bei Wanderungen im Rätikon, im Montafon, im Verwall, Klostertal, am Arlberg sowie im hinteren Großen und im Kleinen Walsertal – in Gebieten, die über 1500 Meter hoch liegen. 

In nördlichen Gebieten weit verbreitet

Generell ist die Kreuzotter in Europa und Asien weit verbreitet. Es handelt sich um jene Vipernart, die zudem am weitesten nördlich angetroffen werden kann. Sie besiedelt Gebiete in ganz Mitteleuropa, Skandinavien bis in östliche Teile Russlands, die an den Pazifik grenzen. Die Kreuzotter ist an kühlere Temperaturen bestens angepasst. Den Winter überbrückt sie durch eine Kältestarre, die vier bis acht Monate dauern kann. Bei uns kriechen die Tiere in der Regel bis April aus ihren Verstecken. Meist sind die Männchen rund 14 Tage früher dran als die Weibchen. Wie die Bergeidechse brütet auch die Kreuzotter ihre Eier im Mutterleib aus. Die Schlange bringt zwischen August und Oktober fünf bis 15 lebende Junge zur Welt. Diese sind zu diesem Zeitpunkt knapp bleistiftgroß. Sie müssen zuerst den Dottersack durchstoßen, danach trennen sie sich von der Mutter und gehen sofort selbstständig auf die Jagd nach jungen Fröschen und Eidechsen. 

Es dauert drei bis vier Jahre und einige Häutungen, bis die Tiere ausgewachsen und geschlechtsreif sind. Die Paarung erfolgt rasch nach der Winterstarre im April/Mai. Die Männchen tragen in dieser Zeit wilde Kämpfe aus, bei denen sie versuchen, den Gegner mit ihrem Oberköper zu Boden zu drücken. Während Kreuzottern in anderen Gebieten durchschnittlich bis zu 70 Zentimeter lang werden, sind ausgewachsene Exemplare in unserer Region im Schnitt nur 50 bis 55 Zentimeter lang. Dies hat Dietmar Huber selbst genau untersucht. 

Auch das ist eine Kreuzotter: Die schwarz gefärbten Exemplare werden im Volksmund auch „Bergvipern” oder „Höllenottern” genannt.

Im Vergleich zu Nattern haben Vipern generell einen eher gedrungenen Körper. Die schlitzförmigen Pupillen und markante „Schilder” direkt über den Augen sind weitere Merkmale, die ihr einen „strengen Blick” verleihen. Am auffallendsten ist aber das durchgehende Zickzackband auf dem Rücken der Kreuzotter, welches – je nach Färbung des einzelnen Tieres – besser oder schlechter erkennbar ist. Prinzipiell sind die Schuppen der Männchen eher in Grautönen gefärbt, während weibliche Exemplare in Brauntönen gemustert sind. Vor allem in höher gelegenen Gebieten kommen aber auch intensiv dunkelbraun gefärbte Exemplare vor, auf deren Rücken sich das Zickzackband kaum mehr vom Hintergrund abhebt. Seltener findet man auch völlig schwarz gefärbte Kreuzottern, denen der Volksmund den Spitznamen „Höllen­ottern” verpasst hat. 

Wie alle Amphibien und Reptilien ist die Kreuzotter streng geschützt. Sie darf weder gefangen noch getötet werden. 

Kreuzottern leben vor allem in Höhen von 1500 bis 1800 Metern, vereinzelt sogar in Gebieten, die bis zu 2500 Meter hoch liegen. Sie besiedeln gerne Waldränder, Moore, feuchte Niederungen, Geröllfelder und Bergwiesen im Bereich der Baumgrenze. Sie sind tagaktiv. Am Morgen und späten Nachmittag sucht sich die Kreuzotter ein Plätzchen, um sich zu sonnen. Dazu kann sie ihre Rippen abspreizen, damit sie mehr Fläche bietet, um die wärmenden Sonnenstrahlen aufzufangen. Bei einer Temperatur von 30 bis 33 Grad ist sie besonders aktiv. Diese Vipernart ernährt sich vor allem von kleinen Säugetieren, Fröschen und Eidechsen. Sie selbst muss sich vor Greifvögeln, Säugetieren und sogar einigen Reptilien in Acht nehmen, bei denen sie auf dem bevorzugten Speiseplan steht. Kreuzottern können bis zu 15 Jahre alt werden. 

Weibliche Tiere unterscheiden sich von den Männchen durch eine eher bräunliche Färbung. Dieses Exemplar hat Dietmar Huber im Nenzinger Himmel entdeckt.