Rotkehlchen

Ein toller Sänger, der verreist, wenn es ihm zu kalt wird.

Zoologin Mag. Marlies Sperandio ist als Naturschutzbeauftragte bei der Bezirkshauptmannschaft Bludenz beschäftigt. Schon für ihre Diplomarbeit an der Uni Wien hat sie sich speziell mit Vögeln beschäftigt. Sie engagiert sich beruflich und privat für den Naturschutz.
Zoologin Mag. Marlies Sperandio ist als Naturschutzbeauftragte bei der Bezirkshauptmannschaft Bludenz beschäftigt. Schon für ihre Diplomarbeit an der Uni Wien hat sie sich speziell mit Vögeln beschäftigt. Sie engagiert sich beruflich und privat für den Naturschutz.

Rotkehlchen sind bei uns das ganze Jahr über zu entdecken. Doch nicht alle haben in Vorarlberg ihren Hauptwohnsitz. „Bei uns lebt ein bunter Mix aus Standvögeln, Teilziehern, Durchzüglern und Wintergästen”, erklärt Ornithologin Mag. Marlies Sperandio. Ein Teil der Vögel bleibt über den Winter hier, während andere auf der Suche nach Wärme und besserer Nahrung in den Mittelmeerraum fliegen. Wieder andere kommen aus Nordost-Europa zu uns, um hier zu überwintern. „Daheim bleiben und Flug in den Süden – beide Strategien haben ihre Vorteile.” Wer den Winter absitzt, kann sich im Frühjahr das beste Revier aussuchen und früher brüten. Allerdings riskiert der Vogel, dass er eine Kältewelle nicht übersteht. „Vögel, die ziehen, finden in ihrem Überwinterungsquartier meist bessere Bedingungen vor”, weiß Marlies Sperandio. „Allerdings kostet der weite Flug viel Energie und birgt Gefahren.” Zugvögel orientieren sich an den Sternen, an Landmarken und an der Sonne. Doch beim Rotkehlchen machten die Forscher erstmals eine besondere Entdeckung. Marlies Sperandio: „Es hat im rechten Auge und im Schnabel eine Sinnesvorrichtung. Mit deren Hilfe kann der Vogel anhand der Magnetlinien der Erde navigieren.” Inzwischen wurde dieser Magnetsinn auch bei anderen Vögeln nachgewiesen, doch wie er genau funktioniert, ist den Forschern immer noch ein Rätsel.

Ein Magnetsinn hilft dem Rotkehlchen beim Flug in den Süden.
Ein Magnetsinn hilft dem Rotkehlchen beim Flug in den Süden.

Der Flug der Zugvögel wird in einer zentralen Datenbank erfasst. Dazu werden die Vögel eingefangen und beringt. Wenn er andernorts wieder eingefangen wird, können die Forscher am Ring ablesen, woher der Vogel stammt. Marlies Sperandio weiß etwa von einem Rotkehlchen, das innerhalb von 17 Tagen von Polen nach Vorarl­berg geflogen ist. Eine Strecke von 1100 Kilometern, 64,7 Kilometer pro Tag. „Das ist ganz schön beachtlich für so einen kleinen Vogel.” Wie die meisten Singvögel reist das Rotkehlchen  meist in der Nacht, wenn ihm keine Greifvögel in die Quere kommen.
Doch Gefahren lauern nicht nur in der Luft. Rotkehlchen bauen ihr Nest nämlich am Boden oder in Bodennähe, zwischen Wurzeln oder im dichten Gebüsch. Sie konstruieren es aus Gräsern und Halmen, polstern es innen mit Tierhaaren und weichen Pflanzenfasern. Das Nest ist zwar versteckt, wird aber von Katzen und anderen Feinden oft aufgespürt. Für diesen Fall haben die „Daheimbleiber” wieder die Nase vorn. „Verluste” können sie besser kompensieren, da sie mehr Zeit haben, mehrere Male im Jahr zu brüten.


Rotkehlchen (ERITHACUS RUBECULA)

Das Rotkehlchen gehört zu den häufigsten Brutvögeln in Vorarlberg. 25.000 bis 30.000 Brutpaare leben in Wäldern aller Art, zunehmend kommen sie auch in die Gärten und Parks. Generell kommt das Rotkehlchen in ganz Europa, Nordafrika und Kleinasien vor. Das Rotkehlchen ernährt sich in erster Linie von Insekten, kleinen Spinnen, Raupen und Würmern, die es am Boden hüpfend aufspürt. Im Spätherbst steigt es dann (gezwungenermaßen) auf Beeren und andere Früchte um. Am Vogelhäuschen bevorzugt es energiereiches „Fettfutter”. Mit dem dünnen Schnabel kann es allerdings ungeschälte Sonnenblumenkerne nicht „knacken”. Wegen seines schönen, variantenreichen Gesanges wurde das Rotkehlchen früher gerne in Käfigen gehalten. Während bei den meisten anderen Singvögeln nur das Männchen seine Stimme erhebt, lässt auch das Rotkehlchen-Weibchen bei einbrechender Dämmerung und im Morgengrauen gerne von sich hören. Männliche und weibliche Tiere sind rein äußerlich nicht zu unterscheiden. Beide werden rund 14 Zentimeter groß. Während nur das Weibchen die Eier ausbrütet, teilt sich das Elternpaar die Arbeit, wenn die Jungen nach 14 Tagen geschlüpft sind. Nach weiteren zwei Wochen kann der Nachwuchs bereits ausfliegen. Eine Legende besagt, dass das Rotkehlchen Jesus am Kreuze sah und Mitleid mit ihm hatte. Es begann deshalb, die Dornen aus seinem Haupt zu picken. Dabei spritzte Blut auf seine Brust. So soll das Rotkehlchen zu seinem „Markenzeichen” gekommen sein.


Fotos:
Gerald Sutter
Hobby-Naturfotograf
Bludenz