Sporensuche im Göfner Wald

Wer von Naturvielfalt spricht, meint im Normalfall Pflanzen und Tiere. Doch die Welt der Pilze ist mindestens so beeindruckend. Rund 8800 fruchtkörperbildende Großpilze sind in Österreich bekannt – und haben beileibe nicht nur im Herbst Saison. Uschi Österle durchstreift das ganze Jahr über die Wälder um Göfis – auf der Suche nach Speisepilzen, aber mehr noch aus wissenschaftlichem Interesse. Denn die Obfrau des Pilzkundlichen Vereins Vorarlberg ist sich der wichtigen Rolle der Pilze im Naturkreislauf bewusst. 

FOTOS: TM-HECHENBERGER, USCHI ÖSTERLE, INGIMAGE

Genau genommen können es Pilze sogar mit den größten Lebewesen der Welt aufnehmen. Vom Dunklen Hallimasch (Foto oben), der auch in Göfis vorkommt, wurde etwa in Amerika ein riesi­ges Exemplar entdeckt, dessen Pilzkörper im Boden ein Geflecht bildet, das eine Fläche von 900 Hektar überzieht. Diese Biomasse übertrifft sogar die eines Blauwals, der aktuell in der Größen-Statistik führt. Dem Spaziergänger präsentiert sich der Dunkle Hallimasch deutlich kleiner – nur rund 15 Zentimeter hoch, mit Hüten deren Durchmesser drei bis zehn Zentimeter kaum einmal übersteigt. Was der Laie als Pilz bezeichnet, ist nämlich nur das Fortpflanzungsorgan eines Organismus, der unter der Erde, im Holz oder einem anderen Substrat lebt. Der Fruchtkörper kommt an die Oberfläche, damit sich die Sporen großflächig verteilen und für eine weitere Verbreitung des Pilzes sorgen können.

Der Dunkle Hallimasch bildet unter der Erde ein weitläufiges Geflecht.
Unmengen von Pilzsporen in der Luft

Diese Funktion bestimmt auch das Aussehen unserer Speisepilze. Denn die im Verhältnis zum gesamten Organismus oft sehr kleinen Fruchtkörper sollen so viele Sporen wie möglich in Umlauf bringen. Lamellen, Röhren, Poren, Stacheln, Waben,… vergrößern die Oberfläche, sodass etwa auf einem einzigen Champignon Milliarden von Sporen Platz finden. Experten gehen davon aus, dass in jedem Kubikmeter Luft zwischen tausend und 10.000 Pilzsporen schweben. 

Es gibt zwar auch Mischformen, grundsätzlich gehören Pilze aber einer von drei Gruppen an. Es gibt Zersetzer, die sich von abgestorbenem Material ernähren, Pilze, die in einer Lebensgemeinschaft mit anderen Lebewesen gedeihen, und Parasiten, die einen Wirt-Organismus ausbeuten. „Das ist auch die Erklärung dafür, warum man Steinpilze und Pfifferlinge nicht züchten kann”, erklärt Uschi Österle. „Sie leben nämlich in Symbiose mit Bäumen.” Dieses Arrangement dient beiden gleichermaßen: Das feine Pilzgespinst (Myzel) umschließt unter der Erde die Endwurzeln des Baums und versorgt diesen mit anorganischen Stoffen wie Stickstoff, Phosphor, Kalium, Kalzium, Magnesium und  Spurenelementen. Dies stärkt den Baum und macht ihn gegenüber Parasiten widerstandsfähiger. Der Pilz unterstützt den Baum zudem bei der Flüssigkeitsaufnahme, indem er ihm sozusagen als „Wurzelverlängerung” dient. Im Gegenzug gibt der Baum lösliche Kohlehydrate an den Pilz ab, die der wiederum zum Überleben braucht. Für die Zucht eignen sich nur Speisepilze aus der Gruppe der Zersetzer – wie etwa Champignons oder Austern-Seitlinge.  

Tiere vertragen oft auch für den Menschen giftige Arten
Pilzsucher freuen sich meist, wenn sie den giftigen Fliegenpilz entdecken. Denn er teilt sich den Standort gern mit Steinpilzen und Pfifferlingen. Seinen Namen hat er vermutlich im Mittelalter erhalten, als die Fliege als Symbol des Wahnsinns galt. Wer Fliegenpilz zu sich nimmt, redet wirres Zeug, tobt, fantasiert und halluziniert.

Weil sie reichlich Eiweiß, Mineralstoffe und Vitamin D enthalten, gelten Pilze – obwohl sie etwas schwer verdaulich sind – als äußerst gesund. Doch nicht nur der Mensch liebt Steinpilz und Co. Bei Wildtieren stehen sie ebenfalls auf dem Speiseplan. Früher galt unter Pilzsammlern das Credo, dass ein Pilz mit Spuren von Schneckenfraß nicht giftig sein kann. Dieser Irrglaube kann allerdings tödliche Folgen haben. Uschi Österle warnt: „Schnecken haben eine völlig andere Verdauung. Schneckenfraß ist kein Indiz dafür, dass ein Pilz genießbar ist.” Rehe und Wildschweine können sogar den für uns tödlich giftigen Knollenblätterpilz problemlos verdauen. 

Die meisten heimischen Pilze sind für den Menschen allerdings nicht giftig, sondern lediglich ungenießbar. Und auch das Angebot an Speisepilzen geht weit über Parasol, Steinpilz und Pfifferling hinaus. „Es gibt das ganze Jahr über ein breites Angebot”, weiß Uschi Österle. Der heimische Austern-Seitling etwa wächst gar nicht, wenn das Thermometer mehr als elf Grad plus zeigt. Spezielle Frostschutz-Proteine verhindern beim Samtfuß- oder Winter-Rübling verlässlich, dass die Zellen Schaden nehmen, wenn der Pilz einfriert. Ausdauernde Arten wie etwa der Zunderschwamm stellen in der kalten Jahreszeit einfach ihr Wachstum ein. 

Wer Pilze sammeln möchte, sollte möglichst alle Sinne einsetzen. „Anhand eines Fotos kann man die wenigsten Pilze eindeutig identifizieren.” Uschi Österle hat sich das erste Pilzbuch vor 34 Jahren gekauft. Wenn sie mit den Kindern im Wald spazieren war, wollte sie wissen, was sie da entdeckt hatten. „Davor habe ich auch nur Steinpilz und Pfifferlinge gekannt”, gibt sie gerne zu. Schrittweise hat sie sich eingelesen, immer mehr Arten „erobert” und vor 15 Jahren die Pilzberater-Prüfung absolviert. Ein wichtiger Mentor in dieser Zeit war Werner Oswald aus Frastanz. Der Pilzexperte hat 2003 den Pilzkundlichen Verein Vorarlbergs gegründet. Vor neun Jahren hat Uschi Österle die Vereinsleitung von ihm übernommen.  

Auch das ist ein Pilz – Der ablösende Rindenpilz übernimmt die Zersetzung von Totholz. Uschi Österle: „Ohne Pilze würden wir im organischen Müll ersticken.” Es gibt praktisch keinen organischen Stoff, der nicht von einem Pilz zersetzt werden kann. Verschiedene Seitlings-Arten wurden sogar schon dafür eingesetzt, um mit Erdöl verseuchten Boden zu reinigen.

Seither streift sie nicht nur noch mehr im Göfner Wald umher, sondern sitzt auch viele Stunden am Mikroskop. Denn bei zahlreichen Pilzarten reicht es nicht aus, ihr Aussehen, den Geruch, den Standort, den Sporenabdruck oder die austretende Flüssigkeit genau unter die Lupe zu nehmen. Erst unter dem Mikroskop sind diese Pilze eindeutig zu identifizieren. Was Uschi Österle dabei herausfindet, meldet sie an die inatura in Dornbirn sowie an die Uni Wien weiter. „Die österreichische Pilzdatenbank hat einen ausgezeichneten Ruf”, ist die Göfnerin sichtlich stolz, dass sie dazu einen wichtigen Beitrag leistet. 

Regelmäßig versucht sie außerdem im Rahmen von Führungen, ihre Mitmenschen dafür zu sensibilisieren, welche wichtigen Funktionen Pilze haben – in der Natur, aber auch bei der Herstellung von Bier, Wein, Brot, Käse oder in der Medizin. Früher wurden Pilze zudem zum Färben oder etwa zur Herstellung von Tinte genutzt. Weil sie oft nach einem Regen über Nacht aus dem Boden schießen, waren sie den Menschen aber nicht ganz geheuer. Es ranken sich deshalb auch viele Mythen um diese Organismen. 

Im allerhand!-Magazin stellt Uschi Österle einige heimische Pilze näher vor. 

Pilzberatung der inatura:

Wer Pilze gefunden hat und diese nicht selbst bestimmen kann, hat die Möglichkeit, unter Tel: 0676 / 83306–4766 einen Termin für eine kostenlose inatura-Fachberatung zu vereinbaren. Der Experte benötigt zur Bestimmung drei bis vier vollständige Exemplare. Ganz junge oder sehr alte Pilze sind dafür nicht geeignet.