Turmfalke

Immer seltener findet der Turmfalke Zugang zu den Kirchtürmen, in denen er so gerne brütet und denen er seinen Namen verdankt. Doch der Vogel ist flexibel und zieht seine Jungen auch in Geländemulden, in verlassenen Nestern und sogar auf Hochspannungsmasten groß. 

FOTOS: Gerald Sutter, TM-HECHENBERGER

„Es gibt bei uns noch viele Turmfalken”, erklärt Werner Ulmer, „aber sie werden weniger.” Er hat sich vor rund dreißig Jahren mit dem „Ornithologie-Virus” infiziert und zieht seither regelmäßig mit dem Feld­stecher bewaffnet durchs Gelände. Auf seinen Streifzügen im Auftrag von Birdlife Vorarlberg entdeckt er immer wieder auch seltene Vögel wie Goldammern oder ein Rotsterniges Blaukehlchen, das sich auf dem Durchzug ins Gebirge in den Walgau verirrt hat. Regelmäßig kreuzt auch der Turmfalke seinen Weg. 

Im letzten Sommer etwa hat Werner Ulmer eine Turmfalkenfamilie auf einem Hochspannungsmast mitten in der Satteinser Au entdeckt. „Der Turmfalke baut selbst kein Nest”, erklärt der Hobby-Ornithologe. Der Vogel nimmt, was er findet. Früher waren dies Nischen vor allem in Kirchtürmen oder auf den Dachböden von hohen Gebäuden. Doch diese Rückzugsorte werden zunehmend dicht gemacht. Die Besitzer wollen verhindern, dass sie von Vögeln und Fledermäusen verschmutzt werden. Der Turmfalke ist aber flexibel. Er brütet auch mal in Felsmulden oder nistet sich einfach in verlassenen Nestern anderer Artgenossen ein.

Werner Ulmer

Der gebürtige Satteinser begeistert sich seit seiner Jugend für die Naturschätze, vor allem in der Satteinser Au. Seit fast 30 Jahren ist Werner Ulmer außerdem Mitglied von Birdlife Vorarlberg und hat für Kartierungen im Auftrag des Vereins die Vogelwelt in zahlreichen Gebirgsgebieten wie der Silvretta oder im Verwall genau unter die Lupe genommen. Der pensionierte Krankenpfleger lebt seit 45 Jahren in Göfis.

 

Nachwuchs im Krähennest

Rabenkrähen etwa brüten sehr früh und verlassen dann rasch ihr Nest. Damit ist es frei für den nächsten Bewohner. Das Turmfalken-Weibchen legt ab Mitte April vier bis fünf bräunlich-ockergelb gefleckte, nur etwa drei bis vier Zentimeter große Eier. Vier Wochen später schlüpfen die Jungen, die von ihrer Mutter 14 Tage lang unter dem Gefieder gewärmt und beschützt werden. In dieser Zeit des „Huderns” schafft der Vogel-Vater die Nahrung heran, später wird er von der Mutter unterstützt. Denn die Jungen wachsen schnell: Drei Wochen nach ihrer Geburt bringen die jungen Turmfalken bereits das Gewicht eines ausgewachsenen Tieres – also rund 200 Gramm – auf die Waage. Im Alter von vier Wochen beteiligen sie sich an den Beutezügen der Eltern. 

Ein Jäger mit „Adleraugen”

Mäuse werden bevorzugt verspeist, doch auch größere Insekten, Regenwürmer und Eidechsen nicht verschmäht. Auch Spatzen und der Nachwuchs anderer Vogelarten ist vor dem Turmfalken nicht sicher. 

Wird das Nahrungsangebot knapp, sucht sich der Raubvogel ein anderes Gebiet. „Turmfalken sind Teilzieher”, erklärt Werner Ulmer. Während die Tiere aus nördlicheren Gegenden Europas im Winter gegen Süden ziehen, überwintern die heimischen Turmfalken in der Regel vor Ort. Wenn eine geschlossene Schneedecke aber einmal über längere Zeit jede Aussicht auf Beute verwehrt, ziehen sie sich in der Regel an die Ufer des Bodensees oder des Zürichsees zurück. 

(Falco Tinnunculus): Der wissenschaftliche Name des Turmfalken bedeutet soviel wie klingender, „schellender” Falke und weist auf den charakteristischen Ruf des Vogels hin. Im Volksmund ist er aber als Rüttelfalke präsent, weil er sich in Beobachterposition mit schnellen Flügelschlägen in der Luft hält, bevor er sich im Sturzflug seine Beute sichert.

„Den Turmfalken kann auch der Laie gut beobachten”, erklärt Werner Ulmer. Denn er lebt in offenem Gelände, sitzt oft auf erhöhten Standorten wie etwa Hochspannungsleitungen. Vor allem aber ist sein Jagdverhalten sehr auffällig. Im „Rüttelflug” scheint er mit schnell schlagenden Flügeln und abgeknickten, gespreizten Schwanzfedern in der Luft zu stehen, bevor er sich blitzschnell zu Boden stürzt, wenn er ein Beutetier erspäht hat. Er packt es mit den Fängen und tötet es sofort durch einen gezielten Biss in den Nacken. „In der Fachliteratur heißt es, dass der Turmfalke aus 20 bis 30 Meter Höhe der Urin­spur einer Maus folgen kann”, ist Werner Ulmer von den Fähigkeiten des Vogels beeindruckt.  

Männchen und Weibchen sind auf den ersten Blick zu unterscheiden. Während sich das Weibchen in bescheidenen Tarnfarben rötlich-braun gefleckt präsentiert, prunkt das Männchen mit silbergrauen Kopf- und Schwanzfedern. Jungtiere sind anfangs ihren Müttern wie aus dem Gesicht geschnitten.  Der Kenner kann sie allerdings anhand ihres Gehabes von den erwachsenen Tieren unterscheiden. Turmfalken werden in der Regel zirka 35 Zentimeter groß. Ihre Flügelspannweite liegt bei rund 75 Zentimetern. Das Weibchen ist normalerweise etwas größer als das Männchen. 

Der Vogelkundler erkennt den Turmfalken natürlich auch an seinem typischen Ruf. „Vor allem wenn er balzt, hört man ihn gut”, hat Werner Ulmer die „Mischung aus trillern und rufen” gut im Ohr. 

Turmfalken können bis zu 18 Jahre alt werden. Rund die Hälfte der Jungvögel sterben allerdings – vor allem in strengen Wintern – schon im ersten Lebensjahr.

Fast überall zuhause

Der Lebensraum des Turmfalken wird vor allem durch den Menschen eingeschränkt, wenn er die Landschaft zu sehr „aufräumt”, Felder zu intensiv nutzt oder Pestizide ausbringt. Über einem Maisfeld etwa kann der Vogel trotz seiner „Adleraugen” keine Maus mehr am Boden entdecken. Aber auch wenn der Baumbestand zu dicht wird und das Gelände zuwuchert, fühlt sich der Raubvogel nicht mehr wohl und sucht sich einen neuen Lebensraum.

Auch in dieser Hinsicht zeigt sich diese Vogelart sehr flexibel. Obwohl er generell das Flachland vorzieht, wurde er in den Alpen bis zu einer Höhe von 2000 Metern beobachtet. Außerdem sind Turmfalken in ganz Europa, Asien und Afrika bis in große Höhen weit verbreitet. Der Bestand in Österreich wird auf 5.000 bis 10.000 Brutpaare geschätzt.

„Der Turmfalke würde Nistkästen annehmen”, zeigt Werner Ulmer eine Möglichkeit auf, wie der Mensch den Bestand schützen kann. „Sie müssen allerdings ihm angepasst sein.”