Vom Erlkönig inspiriert

Der Erlkönig, griechische Götter und andere mythische Gestalten haben Nikola Bartenbach immer schon fasziniert und zu kreativem Tun angeregt. In der Garage seiner Oma lebt sich der Bludenzer künstlerisch aus.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, NIKOLA BARTENBACH

Dank Youtube und Co konnte sich Nikola Bartenbach einen Bubentraum erfüllen: Zu seiner Hochzeit im vergangenen Herbst fuhr er in einer maßgeschneiderten „Fluchtmaschine” vor. So nennt er jedenfalls den maßgeschneiderten Rolls Royce im Miniformat, den er von Grund auf selbst geplant und umgesetzt hat. „Die bevorstehende Hochzeit war nur der Anlass, das Auto endlich fertig zu bauen”, lacht der stolze Besitzer. Denn er bastelte mehrere Jahre lang an der Seifenkiste. Die sieht er jedoch nicht als Spielzeug, sondern als Kunstobjekt und präsentierte sie dementsprechend vor einigen Monaten bei seiner ersten Gemeinschaftsausstellung in Meiningen öffentlich. Der Austausch mit Kunstinteressierten bei der „autumn art lounge” hat ihn fasziniert, „obwohl man sich mit einem öffentlichen Auftritt auch verwundbar macht”. Der gebürtige Bludenzer hat es genossen, dass er sich einem interessierten Publikum erklären konnte. „Diese Erfahrung hat mich bestärkt, meine Geschichten zu erzählen.”

Denn Nikola Bartenbach steckt voller Geschichten. Den Samen dazu hat sein Großvater gelegt, der ihm von klein auf Sagen, Mythen und Balladen nahebrachte. „Ich habe schon als Sechsjähriger den Erlkönig gezeichnet”, hält Nikola Bartenbach entsprechende Beweise heute noch in Ehren. Mit den Jahren sind neue Stilmittel dazugekommen, doch seinen Motiven ist der inzwischen 29-Jährige treu geblieben. In der Garage seiner Oma in der Bludenzer Ignaz-Wolf-Straße stapeln sich Zeichnungen, Leinwände und dreidimensionale Objekte. So stiert dem Betrachter der tönerne Kopf von König Midas entgegen, die Insel der Medusa ist auf Holz gebrannt, Göttervater Zeus aus Blei gegossen, verschiedenste andere Symbole hat der Kreative in Harz eingeschlossen. Die Schlange, welche Adam und Eva in Versuchung brachte, ist als Gips-Skulptur präsent. Nikola Bartenbach liebt es, sich mit verschiedenen Materialien auszudrücken. „Die Idee gibt mir die Technik vor”, erklärt er seine Herangehensweise an neue Projekte. Der sagenhafte König Midas etwa hatte Gott Dionysos erpresst und damit die Gabe erlangt, dass alles, was er berührte, zu Gold wurde. Weil dies aber auch für sämtliche Nahrungsmittel galt, drohte er zu verhungern. In seiner Verzweiflung fasste der König sich schlussendlich selbst an und erstarrte zu Gold. Nikola Bartenbach hat König Midas ein Denkmal gesetzt, indem er einen Totenschädel aus Ton formte und schwarz glasierte. Nur die Augenhöhlen stechen golden hervor. „In der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen aus einem Klumpen Ton geformt hat”, erklärt der Kunstschaffende seine Materialwahl.

Erst kürzlich hat er eine riesige Krake auf die Leinwand gebannt. „Das ist eigentlich ein schönes Tier, vor dem aber viele Angst haben”, will der Schöpfer seinen Werken durch diese Doppeldeutigkeit Spannung verleihen. „Schließlich übt gerade das Gruselige eine ungeheure Faszination auf den Menschen aus.” Viele der alten Mythen haben für Nikola Bartenbach einen direkten Bezug zum modernen Leben. Goethes Zauberlehrling erinnert ihn etwa an einen jungen Menschen, der eben erst einen Job angefangen hat und dem Chef imponieren möchte. Die Bibelgeschichte von Adam und Eva kommt ihm in den Sinn, wenn jemand etwas Verbotenes wider besseren Wissens nicht lassen kann. Obwohl er inzwischen in Brederis lebt, arbeitet Nikola Bartenbach mehrmals in der Woche an seinen Projekten im Garagen-Atelier.

Inspiration und künstlerisches Talent genügten bei der Umsetzung seiner „Fluchtmaschine” allerdings nicht. Bei diesem Projekt waren vor allem handwerkliches Geschick und Durchhaltevermögen gefragt. Denn Nikola Bartenbach hatte zwar eine klare Vorstellung davon, wie sein Auto aussehen sollte, aber keine Ahnung vom Schweißen oder davon, wie so ein Fahrzeug technisch konstruiert werden muss. Im Internet holte er sich entsprechenden Rat, konkrete Baupläne rückte aber keiner der „Cyclecar-Bauer” heraus. Nikola Bartenbach startete erste Versuche mit dem Motor eines gebrauchten Rasenmähertraktors. Doch bald stellte sich heraus, dass seine ästhetischen Ansprüche damit nicht zu erfüllen waren. Er tüftelte viele Stunden, bis er die Dimensionen im Griff hatte. Trotzdem muss er heute die Schuhe ausziehen, um seine langen Beine im Mini-Rolls-Royce unterzubringen. Unter der Haube sorgt nun ein Elektromotor für ausreichend Kraft.

Bei der Ausstellung in Meiningen meinte ein Kunstkenner, dass er Nikolas Arbeiten durchaus verstehe und zu schätzen wisse. Allerdings sei ihm nicht klar, was eine Seifenkiste mit Kunst zu tun habe.  „Wir haben lange hin und her diskutiert”, erzählt Nikola Bartenbach. „Aber überzeugt habe ich ihn erst, als ich ihm die Kühlerfigur zeigte.” Die ist nämlich ein Abdruck des Künstlers selbst. Bei einem Gewinnspiel hatte Nikola Bartenbach eine dreidimensionale Büste gewonnen. Die diente ihm als Vorbild für eine Wachsfigur, mit der er wiederum einen Gipsabdruck erstellen konnte. „Das Wachs habe ich anschließend mit einem Föhn geschmolzen und den Hohlraum mit Alu ausgegossen”, erklärt der umtriebige Krea­tive. Den Schmelzofen für das Alu hat er aus Vorhandenem selbst konstruiert. Unzählige Versuche später war der Abguss perfekt, sodass er nun die Motorhaube ziert. Diese Geschichte hat den Kunstfreund überzeugt. Er meinte: „Dann ist diese kleine Figur also das Kunstwerk und das Auto rundherum nur ein riesiger Sockel.”