Gefährliche Wanderschaft

Auf dem Weg zu ihren Laichplätzen sind Grasfrösche vielen Gefahren ausgesetzt.

Alljährlich im Frühjahr machen sich Grasfrösche, Molche und Erdkröten auf den Weg zu ihren Laichplätzen. Viele von ihnen überleben diese Wanderung nicht. Im Rahmen des Amphibienschutzkonzeptes des Landes kümmern sich Freiwillige als Transporthelfer um die bedrohten Tiere. 

FOTOS: LUKAS GRABHER, SIMON LÄNGLE, TM-HECHENBERGER

Erdkröten, Grasfrösche und Molche gehören zu den Amphibien – jenen Wirbellosen, die noch sehr ursprünglich sind und sich im Laufe der Evolution kaum verändert haben. Sie erinnern uns daran, dass das Leben ursprünglich im Wasser entstanden ist und sich nur sehr langsam das Land erobert hat. Amphibien brauchen beides. Alljährlich im Frühjahr machen sich auch in unseren Breiten unzählige Frösche, Kröten und Molche auf den Weg zu Tümpeln, Rinnsalen und Seen, um dort für den Fortbestand ihrer Art zu sorgen.

Dabei begeben sie sich in große Gefahr. Viele Tiere sterben auf den Straßen, welche zunehmend die Landschaft durchschneiden. Naturschützer machen darauf seit vielen Jahren aufmerksam. Bereits in den 1990er-Jahren beobachteten sie an der L 190 bei Nenzing wahre Karawanen an Kröten und Grasfröschen, von denen viele Tiere von Autos erfasst auf dem Asphalt verendeten. 

Seither wird einiges dafür getan, um den Amphibienzug sicherer zu machen. Ursprünglich vom Umweltbüro Grabher in Dornbirn initiiert, koordiniert heute das dreiköpfige Biologen-Team der Firma „Gabriel Kanal.Landschaft.Erde” in Göfis landesweit sämtliche Amphibienschutzmaßnahmen.

Im Walgau ist es vor allem die Landesstraße L 190, deren Überquerung die Tiere in größte Gefahr bringt. Seit vielen Jahren stellt die Marktgemeinde Nenzing deshalb am Straßenrand einen nur etwa fünfzig Zentimeter hohen Zaun auf, der den Tieren das Durchkommen verwehrt, sobald die Biologen die ersten Wanderungen melden. Entlang dieser Hürde werden Eimer vergraben, in welche die Tiere hineinfallen, sobald sie versuchen, den Zaun zu umgehen. „Diese Kübel müssen regelmäßig kontrolliert werden“, erklärt Christina den Hond-Vaccaro. Die Biologin weiß, wovon sie spricht, engagierte sie sich doch im vergangenen Jahr selbst als Freiwillige, um den Amphibienzug zu ermöglichen. Seit Herbst letzten Jahres arbeitet sie bei der Firma Gabriel und kümmert sich unter anderem auch um den Gewässerschutz und weitere Naturschutzmaßnahmen in der Region. 

„Auch das Aussetzen von Goldfischen in den
Gewässern ist ein massives Problem, weil diese den Froschlaich fressen.“
Christina den Hond-Vaccaro, Biologin

Die engagierte Naturliebhaberin mit einem Doktorat in Agroforst aus Dornbirn forschte an der Hochschule Zürich, bevor sie nach Düns übersiedelte und eine Familie gründete. Sie betont, dass gerade Amphibien ein wichtiger Anzeiger dafür sind, ob ein Naturraum noch intakt ist. Weil sie auf geeignete Lebensräume an Land und im Wasser angewiesen sind, reagieren diese Tiere besonders stark auf Veränderungen, die neben den Eingriffen des Menschen auch der Klimawandel mit sich bringt. Weltweit gelten mehr als vierzig Prozent der Amphibienarten als bedroht. Und auch die Bestände der 14 Arten, die in Vorarlberg vorkommen, gehen fast alle zurück, mehr als die Hälfte droht auszusterben. Auch an der „Amphibienkreuzung“ an der L 190 in Nenzing beobachten die Biologen einen massiven Rückgang der Tiere. Denn überall werden immer noch Feuchtwiesen und Moore entwässert, um Bauland zu gewinnen, Gewässer trockengelegt, Pestizide ausgebracht und Flächen versiegelt. Damit schrumpft der Lebensraum für viele Tierarten, vor allem Amphibien können sich aber nur schlecht anpassen. Ihre Eier besitzen keine schützende Schale, die sie vor dem Austrocknen schützt, und auch die empfindliche Haut der Tiere ist auf Feuchtigkeit angewiesen. Deshalb müssen die Eimer entlang der Amphibienzäune regelmäßig kontrolliert werden. „Wir sind sehr dankbar, dass Freiwillige diese Arbeit alljährlich an insgesamt 36 Zugstellen im ganzen Land verlässlich erledigen“, erklärt Christina den Hond-Vaccaro. 

Engagiertes Helfer-Team an der L 190

In Nenzing hat sich ein fünfköpfiges Team rund um Harald Mark bereiterklärt, diese Aufgabe zu übernehmen. Die Freiwilligen werden sich in den nächsten Wochen – je nach Witterung kommt die Wanderkarawane schneller oder langsamer voran – jeden Morgen abwechseln, Kübel für Kübel durchsuchen und die gefangenen Tiere über die Straße tragen. „Davor muss man sich nicht ekeln“, lacht Christina den Hond-Vaccaro. „Sie fühlen sich sogar ganz fein an und bleiben ganz still in der Hand sitzen.“ Die Helfer tragen trotzdem oft Handschuhe. Dies allerdings hauptsächlich, um die Tiere zu schützen. Handcreme beispielsweise kann deren empfindliche Haut reizen. Wer zudem mehrere Zugstellen betreut, könnte Amphibienkrankheiten von einer Gruppe zur nächsten übertragen. Beim Menschen können diese schlimmstenfalls leichte Reizungen, einen sogenannten Krötenschnupfen, hervorrufen. Man sollte sich deshalb die Hände waschen, bevor man sich in die Augen fährt. 

Die Frösche, Kröten und Molche sind meist nachts unterwegs. Je nach Temperatur und Witterung kommt es aber durchaus auch vor, dass sie sich während des Tages auf den Weg machen. Bei besonders warmem Wetter besteht dann die Gefahr, dass die Tiere in ihren Fallen vertrocknen, bei Frost könnte es vorkommen, dass sie erfrieren. Deshalb müssen sich die Helfer manchmal auch abends noch einmal auf den Weg machen, um die Amphibien zu befreien. Außerdem werden die Tiere bei diesen Gelegenheiten gezählt, um langfristig die Entwicklung des Bestands zu dokumentieren.

„Für uns Menschen lohnt sich dieser Einsatz“, ist Christina den Hond-Vaccaro überzeugt. Denn Amphibien sind Teil des Naturkreislaufs, sie fressen große Mengen an Insekten, Schnecken und wirbellosen Schädlingen. Sie selbst stehen andererseits bei Reihern, Störchen, Greifvögeln, Schlangen, Füchsen und Igeln auf dem Speiseplan. 

Die Biologin kann das Engagement für die gefährdeten Wirbellosen nur jedem empfehlen, der sich mit der Natur auseinandersetzen und einen Bezug zur Tierwelt herstellen möchte. Wer Zeit und Lust hat, an einer der 36 Zugstellen im Land Dienst zu tun, schreibt einfach eine E-Mail an ihre Kollegin Anna Strauß (anna.strauss@gabriel-vorarlberg.at) oder meldet sich telefonisch (05522/76720-112 von Montag bis Freitag, jeweils 8 bis 12 und 13 bis 17 Uhr).

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