„Meine Küche“ – So lautet der schlichte Titel des Kochbuchs, das immer noch in vielen Vorarlberger Haushalten zu finden ist, und so heißt auch der Film, der ab 23. April in unseren Kinos zur Auseinandersetzung mit Essgewohnheiten, Rollenbildern und dem Wirken der legendären Köchin im Schnifner „Bädle“, Fanny Amann, einlädt.
FOTOS: VEREIN LICHTSPIEL, HENNING NOLTE-TSCHOFEN, MAGDALENA TÜRTSCHER, NINA BRÖLL
„Unsere neuzeitliche Geschichte erzählt oft von Männern – von Erfindern, Unternehmern, Entdeckern, von großen Namen“, erklärt Julia Beck. „Doch allzu häufig geraten Frauen in den Hintergrund, die mit ebenso viel Mut, Ideenreichtum und Schaffenskraft gewirkt haben.“ Die selbstständige Projektentwicklerin war sofort Feuer und Flamme, als sie von Marcus Naumann auf Fanny Amann aufmerksam gemacht wurde – die Köchin des Schnifner Gasthaus „Bädle“, welche ab dem Jahr 1914 die Essgewohnheiten im Land geprägt und mit ihrer Kochkunst Genießer von weitum in den Walgau gelockt hatte.
Julia Beck war mit dem damaligen Geschäftsführer der Dreiklang-Region bei einer Tagung von Vorarlberg Tourismus ins Gespräch gekommen, und bald organisierten die beiden gemeinsam die „Fanny-Amann-Tage“, welche 2010 von den „Dreiklang-Gemeinden“ Schnifis, Düns und Dünserberg erstmals ausgerufen worden waren. In den letzten sechs Jahren entwickelte das Duo immer wieder neue, spannende Formate – vom Pop-up-Café über Erzählabende und Konzerte bis hin zu kreativen Back- und Kochkursen.
Im Zuge dieses Projekts lernten die beiden Anni Martin kennen, deren Mann Otto gemeinsam mit seinem Bruder Franz 1973 das Gasthaus geerbt hatte. Die Schnifnerin wusste einiges zu erzählen über die selbstbewusste Köchin und erfolgreiche Geschäftsfrau Fanny Amann. Außerdem hütet ihre Tochter bis heute die Gästebücher des „Bädle“. Die vielen Fotografien sowie die wertschätzenden Texte und Gedichte, welche die Gäste in schönster Handschrift hinterlassen haben, brachten den Stein ins Rollen: Marcus Naumann und Julia Beck waren sich einig: Die Erinnerung an Fanny Amann sollte nicht nur durch die 1111 Rezepte, die sie in ihrem bekannten Kochbuch hinterlassen hat, weiterleben. Dafür wollten sie sorgen.
In Filmemacher Henning Nolte-Tschofen von der royal.film GmbH in Bludenz fanden die beiden rasch einen Verbündeten, mit dem sie Zeitzeugen aufspürten und vor die Kamera holten. Frauen, die einst einen der legendären Kochkurse im „Bädle“ besuchten, ehemaliges Personal und Lieferanten erinnerten sich an lustige Episoden, Eigenheiten der leidenschaftlichen Köchin, die als findige Geschäftsfrau genau kalkulierte, im Dorf nicht immer den besten Ruf genoss und trotzdem selbstbewusst ihren Weg ging. Doch was tun mit all den Filmen? Jedes dieser Interviews dauerte rund neunzig Minuten!
„Wir hatten anfangs nicht wirklich einen Plan“, gesteht Marcus Naumann, „wir waren ja Laien, was das Film-Business angeht.“ Doch weil Julia Beck und er nicht wollten, dass all die Arbeit einfach in einem Archiv verschwindet, gründeten sie mit dem Dünser Produzenten Daniel Meuzard den Verein „Lichtspiel“, dessen Mitglieder nun einiges an Arbeit in Angriff nahmen: Sie transkribierten die Interviews, entwickelten daraus eine Geschichte, stellten ein Crowdfunding-Projekt auf die Beine und suchten um Fördermittel an. Als die Kulturabteilung des Landes zusagte, ein Viertel der mit rund 80.000 Euro veranschlagten Kosten zu übernehmen, nahm das Filmprojekt Fahrt auf.
Kochen als Kulturgut
Die Projektpartner hatten sich viel vorgenommen. Sie wollten nämlich nicht nur die Geschichte der „Bädle-Wirtin“ erzählen, sondern einen umfassenderen Blick auf das Kochen als Kulturgut werfen und die Entwicklungen bis heute beleuchten. Und noch ein Umstand weckte ihr Interesse. Die Köchin des „Bädle“ unterstützte nämlich mit ihren Kochkursen das traditionelle Bild der braven Hausfrau, die ihren Mann bestens versorgt und sparsam wirtschaftet.
Fanny Amann als Person entsprach diesen Vorstellungen jedoch absolut nicht. Als unverheiratete Geschäftsfrau, die sich gerne elegant kleidete, wusste sie sich in der damaligen Gesellschaft durchaus zu behaupten. Und nicht zuletzt sollte der Film den Umgang mit Lebensmitteln früher und heute unter die Lupe nehmen und das Kochen als Handwerkskunst feiern – so, wie es Fanny Amann ein Leben lang propagierte.
Um all diese Aspekte zu berücksichtigen, holte das rührige Quartett spannende Gesprächspartner ins Boot. So plaudern in der gut einstündigen Dokumentation Spitzen-Köchinnen und Köche aus dem Nähkästchen, ernährungswissenschaftlich sowie kunsthistorisch Gebildete geben Einblick in ihre Forschungen und die Direktorin des Frauenmuseums Hittisau beleuchtet, inwieweit sich die Rollen von Frauen und Männern im Haushalt verändert haben. Eine Thermomix-Vertreterin erläutert, wie moderne Technik einerseits Fortschritt bedeutet, andererseits die Leidenschaft fürs Kochen auf ganz neue Weise entfachen kann. „Der Film gibt keine Antworten, bietet aber bewusst unterschiedliche Perspektiven, die zum Nachdenken anregen sollen“, erklärt das Film-Team.
Nach gut zweieinhalb Jahren neigt sich das aufwendige Projekt dem Ende zu. Ein ausgewähltes Publikum hatte bereits im vergangenen November das Vergnügen, eine Vorab-Version zu sehen. „Wir waren überrascht, an welchen Stellen gelacht wurde“, erzählt Marcus Naumann, „und im Anschluss an die Filmvorführung kam es durchaus zu kontroversen Diskussionen.“ Dies darf aus seiner Sicht ruhig so bleiben, aktuell geht es nur noch um den Feinschliff, damit die Zuschauer sich dann auch längerfristig erinnern, „dass es beim Kochen immer um mehr geht als ums Rezept.“ Außerdem soll der Film dazu inspirieren „den eigenen Weg zu gehen – mit Herz, Weitblick und Entschlossenheit.“ Wie Fanny Amann.
Die Premiere geht am 15. April in Dornbirn über die Bühne, ab 23. April gibt es dann in allen Vorarlberger Kinos Gelegenheit, „Meine Küche” zu genießen. Weitere Information und Karten für die Premiere können per E-Mail an popcorn@licht-spiel.at angefordert werden.
Fanny Amann

als Mekka für Genießer.
Die 1889 geborene Fanny Amann hatte vor dem 1. Weltkrieg in Paris und Italien die Feinheiten einer gehobenen Küche erlernt. Im Alter von dreißig Jahren pachtete sie gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren, ebenfalls ledigen Schwester Amalie das Gasthaus Bad Schnifis am Fallersee, das sie dann zwölf Jahre später ihrem Onkel abkaufte. Fanny zeichnete für die Küche, Amalie für den Service verantwortlich. Die Spezialitäten des „Bädle“ lockten bald Genießer aus dem ganzen Land nach Schnifis. Ab 1921 lud die leidenschaftliche Köchin zudem in den Wintermonaten zu Kochkursen, welche von den Töchtern aus gutem Hause gerne besucht wurden. Bis 1961 gab sie in insgesamt 46 Kursen ihr Wissen weiter. Ihr 1931 erstmals veröffentlichtes Kochbuch „Meine Küche“ war lange Jahre in fast allen Vorarlberger Haushalten präsent und ist heute immer noch erhältlich. Es enthielt in der ersten Auflage 1060 Rezepte, später wurde es noch um einige speziell vegetarische Mahlzeiten ergänzt, sodass es dann 1111 Gerichte umfasste. Im Vorwort forderte Fanny Amann zu einem sorgsamen und sparsamen Umgang mit Lebensmitteln auf. Sie legte viel Wert auf nahrhafte Speisen und einen vielseitigen Speiseplan, der Resteverwertung widmete sie ein eigenes Kapitel.
Fanny Amann blieb ein Leben lang unverheiratet, weil sie ihr Leben nach eigenem Gutdünken gestalten wollte. 1954 war sie die erste Frau, die als Kammerrätin in die Handels- und Gewerbekammer für die Sektion Fremdenverkehr berufen wurde. Sie galt als gewiefte Geschäftsfrau und führte das „Bädle“ bis 1972 – ein Jahr vor ihrem Tod – mit strenger Hand. Amalie war bereits 1956 verstorben.















