Das letzte Abenteuer in unseren Breiten

Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Doch nur wenige vertrauen sich heutzutage noch Wind und Thermik an, um die Faszination mit Hilfe eines Flugdrachens hautnah zu erleben. Wenn der DFC Blumenegg alljährlich im Frühjahr zum „Ludesch open“ ruft, drehen wagemutige Piloten aus ganz Europa im Himmel über dem Walgau ihre Kreise.  

FOTOS: KARL POLANC, TM-HECHENBERGER

„Es gab einen regelrechten Hype damals“, erinnert sich Karl Polanc. Er gehörte zu den Pionieren, die 1973 fasziniert verfolgten, wie der Amerikaner Mike Harker mit einem Flugdrachen medienwirksam von der Zugspitze sprang. Heute noch findet man Videos des „Hang Glider Man“ auf Youtube. Dabei waren die Fluggeräte damals alles andere als zuverlässig. „Es gab viele Firmen, die Drachen herstellten“, erzählt Karl Polanc, „vertrauen durfte man deren Erzeugnissen aber nicht unbedingt, und auch die Piloten wussten oft nicht, warum sie oben blieben.“ Erst nach und nach habe man sich durch die Lektüre von Fachmagazinen und später bei Schulungen aero­dynamisches Wissen angeeignet. Kein Wunder also, dass schwere Unfälle in den Anfangsjahren an der Tagesordnung waren. Die äußerst rege Drachenflugszene im Montafon löste sich 1979 von einem Tag auf den anderen auf, als einer der Kameraden tödlich verunglückte. 

Karl Polanc hatte der Flugvirus aber derart im Griff, dass er nicht so leicht zu stoppen war. Der Tostner wechselte zum Drachenfliegerclub (DFC) Blumenegg Union. In Ludesch hatten sich 1978 ein paar Flugbegeisterte zusammengetan und bald erkannt, dass sie sich einiges an Ärger ersparen könnten, indem sie ein Grundstück als offiziellen Landeplatz des Vereins pachten. Zuvor hatte es immer wieder Auseinandersetzungen mit Landwirten gegeben, welche sich beschwerten, wenn die Wiesen vor der Heuernte von landenden Piloten niedergetrampelt wurden. In den „Lehmlöchern“ nahe des „Hängenden Steins“, der die Gemeindegrenze zwischen Ludesch und Nüziders bildet, wurden die Flugpioniere fündig und erkannten bald, dass dieser Bereich zusätzlich noch mit einer guten Thermik punktete und damit erfolgreiche Flüge versprach. 

Natur muss mitspielen 

Denn Drachenflieger sind Wind und Wetter ausgeliefert. „Ob die Bedingungen passen, kann man trotz moderner Technik und relativ verlässlicher Wettervorhersagen nur herausfinden, indem man fliegt“, versichern Bernd Nessler, Willi Schanung und Karl Polanc. Gemeinsam mit Obmann-Stellvertreter Dietmar Tschabrun bilden diese drei das Herz des Vereins, der aktuell 24 Mitglieder zählt – von denen allerdings nur fünf tatsächlich fliegen. 

Denn das Drachenfliegen ist ein aufwendiger Sport. „Man braucht viel Zeit“, erklärt DFC-Obmann Bernd Nessler. „Ein Nachmittag ist sofort um – sogar, wenn die Bedingungen nicht passen.“ Schließlich müssen das gut dreißig Kilo schwere Fluggerät und die restliche Ausrüstung erst einmal zu einem geeigneten Startplatz transportiert werden, bevor es losgehen kann. Lässt dann die Thermik zu wünschen übrig, sind Drachen und Sportler zwar bald wieder am Boden, doch nun muss der Drachen wieder auseinandergebaut, verpackt und nach Hause getragen werden. Wenn die Bedingungen allerdings stimmen, werden die Anstrengungen mit großartigen Aussichten aus der Vogelperspektive belohnt. 

Spielt die Thermik mit, kann man mit einem Flugdrachen in Höhen von bis zu 4.000 Metern aufsteigen, die Berge des Rätikons von oben betrachten. Allerdings sollte man dafür die Anzeichen lesen können und die Aufwinde zu nutzen wissen, die nicht immer von auffälligen Kumuluswolken angezeigt werden. Start und Landung sowie Wetterumschwünge und Turbulenzen in der Luft sind Herausforderungen, die erfahrene Piloten mit links meistern. „Und diese Routine erwirbt man nur, indem man fliegt, fliegt und fliegt.“ 

Kaum Piloten-Nachwuchs

Die Zeit dafür scheinen viele Sportbegeisterte heute nicht mehr aufbringen zu können. Denn – wie auch in anderen Flugsportvereinen – fehlt im DFC Blumenegg der Nachwuchs. „Ich habe 1991 mit dem Fliegen angefangen“, erzählt Bernd Nessler. Damals sei klar gewesen, am Samstag um 13 Uhr trifft man sich zum Fliegen. „Heute braucht man mindestens eine Whatsapp-Gruppe, um sich zu verabreden“, bedauert er diese Entwicklung. Denn obwohl die Flieger in der Regel einzeln durch die Luft gleiten, macht auch dieser Sport in Gesellschaft mehr Spaß. Während man früher nahe aneinander heransteuern und laut schreien musste, funktioniert der Austausch heute ganz einfach über Funk.

DFC-Obmann Nessler und sein Team würde es freuen, wenn sich wieder mehr junge Leute für ihren Lieblingssport begeistern. An fehlender Unterstützung würde dies bestimmt nicht scheitern. „Wenn es jemand ernst meint, zahlen wir ihm sogar die Ausbildung“, sind sich die Vereinsverantwortlichen einig. Wer sich für Flugsport interessiert, ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Beim DFC besteht die Möglichkeit, mit vorhandenem Equipment erste praktische Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, ob es das Richtige ist. Die weitere Ausbildung begleiten die erfahrenen Piloten gerne und stellen bei Bedarf den Kontakt zu einer geeigneten Flugschule her.

Eldorado des Drachenflugsports

Begeisterte Flugsportler: DFC-Schriftführer Willi Schanung, Obmann Bernd Nessler und Kassier Karl Polanc stecken bereits mitten in den Vorbereitungen für das nächste „Ludesch open“, bei dem sich die besten europäischen Drachenflugpiloten messen.

Der DFC Blumenegg unterhält beste Kontakte zu Flugbegeisterten in anderen Ländern, schließlich hat sich der Verein in der Szene seit 1992 einen hervorragenden Namen erarbeitet. Ludesch gilt nämlich als Eldorado für Drachenflieger, seit dort alljährlich ein internationaler Wettkampf ausgetragen wird, zu dem Staats- und Europameister regelmäßig anreisen. „Bei uns trifft sich die Crème de là crème des Flugsports“, ist Chef-Organisator Willi Schanung sichtlich stolz. Inzwischen ist das „Ludesch open“, das jeweils im Frühjahr ausgetragen wird, sogar derart beliebt, dass das Teilnehmerfeld auf vierzig Piloten limitiert werden musste. Denn die Durchführung der Wettkämpfe und die Organisation des Rahmenprogramms sind auch so schon Herausforderung genug. „Das schaffen wir nur, weil in Ludesch die Vereine alle zusammenhalten und einander gegenseitig aushelfen“, sind die Verantwortlichen dankbar für die vielen helfenden Hände, die alljährlich mit anpacken. Außerdem verfügt der Verein über ein komfortables Clubhaus, das vor allem bei schlechtem Wetter gerne gestürmt wird. 

Spannende Wettkämpfe in der Luft

Während es beim Drachenfliegen normalerweise darum geht, möglichst lange im Gleitflug zu verweilen, muss beim „Ludesch open“ eine zuvor vereinbarte Route möglichst schnell abgeflogen werden, um danach sicher am Landeplatz „Lehmlöcher“ zu landen. Vor Jahren mussten die Wettkämpfer noch mit der Kamera dokumentieren, dass sie tatsächlich die vereinbarten Markierungen umrundet hatten, heute lassen mitgeführte GPS-Geräte, Höhenmesser und Vario-Tracker keine Unsicherheiten für Diskussionen. Dies wiederum sehen nicht alle Flugsportler als Fortschritt. Karl Polanc etwa vermisst das „Fliegerlatein“, mit dem die Helden von damals beim abendlichen Beisammensein ihre Abenteuer ausschmückten. 

Zuschauer sind live dabei

Für die Zuschauer am Landeplatz hat sich der Erlebniswert durch die moderne Technik hingegen deutlich verbessert. Sie sind heute zu jedem Zeitpunkt genau darüber informiert, wo sich die einzelnen Piloten befinden, wie schnell diese unterwegs sind und in welcher Höhe sie fliegen. Am großen Bildschirm wird das Rennen gemeinsam verfolgt. Das hat den Vorteil, dass bei der traditionellen „Fliegerparty“ am Samstagabend wirklich alle mitreden können. Von der Faszination, welche das Spiel mit Wind und Wetter auf sie ausübt, wissen allerdings nach wie vor nur die Piloten. 

„Drachenfliegen ist eines der letzten Abenteuer  in unseren Breiten“, schwärmt Karl Polanc. „Überall sonst ist man heute eingeschränkt.“ Er wird die Fliegerei wohl nicht so bald aufgeben. 

Ludesch open 2026

Von Donnerstag, 30. April bis Sonntag, 3. Mai ist der Landeplatz Lehmlöcher in Ludesch wieder Schauplatz des internationalen Drachenflugwettbewerbs „Ludesch open“. Zuschauer können den Flug der Piloten am Bildschirm live verfolgen. Für Verpflegung ist ebenfalls gesorgt. Die traditionelle „Fliegerparty“ steigt am Samstagabend. 

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