„Die Tiere erden und entschleunigen uns.“ – Familie Nigg lässt sich von der Hektik der Welt nicht anstecken. Am Inafärahof in Schnifis gibt die Natur den Takt vor.
FOTOS: TM-HECHENBERGER, PRIVAT, PETRA FISCHER FOTOGRAFIE
„Einen Computer kann man abschalten und eine Werkstatt zusperren“, lacht Daniel Nigg. „Doch uns brauchen die Tiere 365 Tage im Jahr.“ Diese Verantwortung ist für ihn die größte Herausforderung in seinem Beruf – und trotzdem wollte er nie etwas anderes machen. Sein Vater Martin Nigg war Betriebshelfer auf einem Bauernhof, den er später pachtete, und auch seine Mutter Mariette hilft bis heute mit. „Damals haben die Bauern im Dorf die Milch noch zwei Mal am Tag selbst zur Sennerei gebracht“, erzählt Daniel Nigg. Heute wird sie abgeholt und ein einziger Landwirt in der Ebene kann ebenso viel Milch liefern wie die verbliebenen Milchbetriebe in Schnifis. Er selbst hat noch rund vierzig Milchkühe, die durchschnittlich 7.500 Liter Milch im Jahr geben. Dazu kommen Rinder, Kälber aus eigener Zucht, Pferde, Hühner, Gänse, Enten, Hofhund Buddy und zwei Katzen. In traumhafter Lage auf der Sonnenseite des Walgaus hat sich eine bunte Gemeinschaft zusammengefunden.

Daniela und Daniel Nigg schätzen das Althergebrachte, sind aber auch offen für Neues. Sie setzen auf Entschleunigung und gesunde Lebensmittel. Die Kinder sollen wissen, wo die Dinge herkommen, die auf ihrem Teller landen, den Kreislauf der Natur ganz selbstverständlich erleben.
Geflügelzüchter Raphael
Ramona, Raphael und Ramon packen im Stall und auf dem Gemüsebeet bereits kräftig mit an – und genießen gleichzeitig Freiheiten, von denen so manches Kind nur träumen kann. Der elfjährige Raphael versucht sich bereits als Hobby-Züchter. Er wacht gewissenhaft über eine 42-köpfige Schar an Hühnern, Enten und Gänsen, die sich zutraulich um ihn versammelt, wenn er sich dem Gehege nähert. Ausgaben für Futter und anderen Bedarf seiner Tiere sowie Einnahmen aus dem Eierverkauf notiert der Junge akribisch.
Das Herz der 13-jährigen Ramona schlägt hingegen vor allem für Mickey Mouse – ihr erstes Pony – und Milli, mit der sie erst kürzlich den Vizelandesmeister-Titel im Springen Nachwuchs Pony und Haflinger errang. Ihre „pferdenärrsche“ Mama erstand vor rund zwanzig Jahren das erste Reitpferd und bildete sich bald zur ganzheitlichen Reitpädagogin weiter. „Wir sind früher zu dritt auf einem Pferd gesessen, barfuß und ohne Helm“, erinnert sich Daniela Nigg an ihre ersten Reit-Versuche. Obwohl ihre Tochter inzwischen klassische Reitstunden nimmt und ihr Können bei Wettkämpfen unter Beweis stellt, geht es der Schnifnerin um andere Werte. Sie möchte, dass ihre eigenen Kinder und jene, die zum Reiten kommen, eine Beziehung zum Tier aufbauen und selbst Ideen entwickeln.
„Seelentröster Pferd“
Am Inafärahof gestalten sich die Reitprojekte spielerisch. Daniela Nigg trainiert die Tiere mit verschiedensten Materialien. Sie lassen sich deshalb auch mal mit Fingerfarben in ein Zebra oder ein Einhorn verwandeln und sind zu verschiedensten Kunststücken zu animieren. Die ganze Familie schätzt aber besonders ihre Kompetenz als „Seelentröster“. „Es gibt Pferde, welche die Gefühle ihres Reiters aufnehmen“, erklärt Daniel Nigg. Mit Nervosität kann man ein Tier anstecken, während ein anderes den Stress nimmt und beruhigt. Die Besucher am Inafärahof werden vor allem mit den feinfühligen Charakteren in Kontakt gebracht, damit sie zur Ruhe kommen und den Alltagsstress loslassen können. „Es gibt Kinder, die für Menschen, die ihnen helfen wollen, nicht erreichbar sind. Doch den Pferden erzählen sie, was sie belastet“, hat Daniela Nigg schon des Öfteren erlebt. Mit Gleichgesinnten hat sie den gemeinnützigen Verein INAFÄRAHOF KUH‘LT gegründet, um Menschen jeden Alters das Zusammensein mit Tieren zu ermöglichen.
„Manche kommen regelmäßig das ganze Jahr über“, erzählt sie, andere schauen sporadisch vorbei. Es waren etwa auch schon Jugendliche da, die nach der Matura reiten wollten, um den Lernstress abzubauen. Ohne Impuls von außen und ganz allein suchten sie den Kontakt zum Tier. Die Reitpädagogin hat aber auch schon Kinder erlebt, die am Inafärahof zum ersten Mal in ihrem Leben eine echte Kuh oder ein echtes Pferd bestaunten. Daniela Nigg hat schon oft beobachtet, wie sehr die jungen Besucher von diesen Kontakten profitieren. Ein Kind etwa, das zuhause immer sehr grob mit seinem Haustier umging, hat dadurch, dass es eine Beziehung zu einem Pferd aufbauen durfte, gelernt, andere Lebewesen zu respektieren. Es kommen auch Erwachsene zum Reiten, vor allem aber sind Eltern aus der Region dankbar, dass ihre Kinder Erfahrungen in der Natur sammeln dürfen. Schließlich ist es nicht immer einfach, die junge Generation für Aktivitäten abseits des Computer- oder Smartphone-Bildschirms zu begeistern.
Unterwegs mit einem und zwei PS
Die zwei Kaltblüter Nemo und Fänti sind richtige Arbeitspferde. „Die brauchen Beschäftigung und sind beleidigt, wenn ich sie nicht einsetze“, lacht Daniel Nigg. Er spannt die beiden nicht nur für Kutschenfahrten ein. Denn seit zwölf Jahren kümmern sich die Niggs gemeinsam mit vier anderen Familien um einen großen Gemüseacker, der frische Zutaten für gesundes Essen liefert. Dort wachsen Kartoffeln, Erbsen, Kürbis,… und sogar Melonen. Der Boden wird mit echten PS umgegraben, und auch beim Anhäufeln der Kartoffeln und der Ernte helfen Nemo und Fänti kräftig mit. Die Niggs reisten durch ganz Österreich, um sich zeigen zu lassen, wie man Pferde nach althergebrachten Methoden in der Landwirtschaft einsetzen kann. „Dieses Wissen geht sonst verloren“, ist ihnen auch dieser Aspekt wichtig.
Daniel Nigg setzt beim Mähen oder Mistausfahren und beim Räumen der Winterwanderwege auf Unterstützung der vierbeinigen Helfer. Auch bei Holzschlägerungen in unwegsamem Gelände kommen die beiden Kaltblüter zum Einsatz. „Jedes bewegt im Jahr etliche Kubikmeter Holz“, ist der Landwirt sichtlich stolz auf die Leistung seiner Pferde. Spazierfahrten mit der Kutsche zählen zum Sonntags-Programm.
Engagierte Landschaftspfleger
Daniela und Daniel Nigg verstehen sich außerdem als engagierte Landschaftspfleger – ein Thema, das mit dem Klimawandel weiter an Bedeutung gewinnen wird. „Gepflegte Wiesen sind ein wichtiger Klimaschutz“, ist Daniel Nigg überzeugt. Er trägt mit seiner Fürsorge dazu bei, dass in den unterschiedlichsten Biotopen weiterhin verschiedenste Pflanzen gedeihen können, die sonst nach und nach von schneller wachsenden Konkurrenten verdrängt würden. 55 Hektar Wiesen werden vom Team des Inafärahofs sorgsam betreut – unter ihnen wertvolle Magerheuwiesen auf steilem Gelände hoch oben in Dünserberg. Auch bei dieser Aufgabe macht sich der Fortschritt bemerkbar. Wo früher zehn Menschen mit der Sense im Einsatz waren, schafft heute eine Person mit einem Motormäher dieselbe Fläche. Trotzdem muss beim Heuen die ganze Familie mit anpacken. Schließlich soll das Heu, das wiederum an die Tiere verfüttert wird, so trocken wie möglich unter Dach kommen.
Hin und wieder helfen auch ehrenamtliche Helfer, die sich im Rahmen der walgauweiten Aktion Heugabel als Naturschützer engagieren. Allerdings finden sich immer weniger Menschen, die flexibel genug sind. „Die Idee ist total cool“, erklärt Daniel Nigg. Für die meisten Arbeitswilligen sei es jedoch schwierig, auf Abruf bereit zu stehen. „Wer kann schon einfach so von der Arbeit weg?“, zeigt der Landwirt Verständnis und ist froh darüber, dass er selbst sich die Zeit frei einteilen kann. Für den Landwirt sind zwei oder drei Stunden Sonne zusätzlich, während derer das Heu richtig gut trocknen kann, entscheidend. Die Mäh-Einsätze lassen sich deshalb nicht so einfach vorausplanen – vor allem bei so wechselhaftem Wetter wie heuer im Juli.
Daniel Nigg hat von Klein auf gelernt, sich auf den Rhythmus der Natur einzustellen. Mit ihrem Beispiel und den Angeboten des Inafärahofes wollen er und seine Frau möglichst vielen Menschen ein Bewusstsein für den Kreislauf von Säen, Ernten, Pflegen und den Respekt vor Nutztieren vermitteln. „Schnell, schnell – das geht mit Tieren gar nicht“, setzen sie dabei auf die Bedürfnisse und Talente ihrer vierbeinigen und geflügelten Mitbewohner.