Pilze für ein nachhaltigeres Leben

Mit ihrer Pilzzucht möchten Carina und Joachim Tschann aufzeigen, dass es wirtschaftlich sein kann, wenn man in der Landwirtschaft neue Wege beschreitet und dabei auf den Kreislauf der Natur eingeht. Sie wollen die Menschen außerdem für den Wert gesunder, regional produzierter Lebensmittel sensibilisieren.

FOTOS: HANDOUT, TM-HECHENBERGER

Umweltschutz liegt Carina und Joachim Tschann am Herzen. Die Geschwister wollten den weltweiten Entwicklungen nicht länger tatenlos zusehen und zumindest in ihrem Einflussbereich ein Zeichen setzen. „Würden wir nur jedes dritte Mal auf Fleisch verzichten, wäre schon viel erreicht“, haben sich die beiden überlegt. Sie möchten deshalb genussvolle Alternativen bieten und gleichzeitig aufzeigen, wie wichtig es ist, regionale, hochwertige Lebensmittel auf den Tisch zu bringen. Dabei setzen sie auf biologisch angebautes Gemüse und – vor allem – Pilze.

Wertvoll fürs Ökosystem

Pilze spielen im Ökosystem eine wichtige Rolle. Sie gehen Symbiosen mit anderen Pflanzen ein und versorgen diese über ein feines Gespinst im Boden (Pilzmyzel) mit Wasser und Mineralstoffen. Sie bereiten totes Material so auf, dass Mikroorganismen es leichter in Humus umwandeln können und unterstützen die Durchlüftung des Bodens, sodass dieser Wasser besser speichern kann und weniger anfällig für Erosionen ist. Als Nahrung für verschiedenste Tiere stärken sie die Artenvielfalt. 

Wertvolle Inhaltsstoffe

Der Mensch profitiert zudem, weil Speisepilze sich auf unterschiedlichste Weise zu schmackhaften Mahlzeiten verarbeiten lassen, die dazu noch sehr gesund sind. Sie versorgen den Körper mit B-Vitaminen und wichtigen Spurenelementen wie Kalium, Phosphor, Magnesium sowie Selen und stärken das Immunsystem. Außerdem gehören Pilze zu den wenigen nicht-tierischen Quellen für Vitamin D. Sie sind kalorienarm und frei von Cholesterin, aber reich an Ballaststoffen und sorgen so für ein anhaltendes Sättigungsgefühl.

Es gibt also gute Gründe dafür, dass sich Carina und Joachim Tschann eingehend mit Pilzzucht beschäftigen. Anfangs experimentierten sie mit Strohballen und Baumstämmen, welche sie mit Pilzsporen beimpften und dann der Natur überließen. Dies war allerdings nur mäßig erfolgreich, weil das Wetter sich nun mal nicht beeinflussen lässt.  

Carina Tschann, die als studierte Biologin am Feldkircher Gymnasium Schillerstraße unterrichtet und Lehrerkollegen an der Pädagogischen Hochschule auch schon „Bildung für Nachhaltigkeit“ näherbrachte, beschäftigt sich schon länger mit den Kreisläufen der Natur und den Herausforderungen, mit denen die heimische Landwirtschaft konfrontiert ist. Sie ist überzeugt, dass es neue Konzepte braucht, um die Versorgung mit regionalen Lebensmitteln zu verbessern und dass man dabei wieder mehr mit der Natur arbeiten muss. Eine Ausbildung zur Feldgemüsefacharbeiterin brachte ihr weitere wichtige Einsichten. Auch ihr Bruder Joachim, der Konzertfach Geige studiert hat und ebenfalls am Gymnasium Schillerstraße unterrichtet, steht voll und ganz hinter diesen Ideen. 

Die mäßigen Erfolge im eigenen Garten konnten die Geschwister deshalb nicht verunsichern. Kurzentschlossen konsultierten sie einen Experten des Hessischen Pilzverbands, der sie eingehend in die Geheimnisse der professionellen Pilzzucht einweihte, und richteten in der Garage von Joachims Eigenheim als Prototyp einen Klimacontainer ein. Der hält die Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant – eine wichtige Voraussetzung für eine reichhaltige Pilzernte. 

Geschlossener ökologischer Kreislauf

Dieses Experiment war durchaus mit Erfolg gekrönt. Bei ausgiebigen Diskussionen im „Coronajahr“ 2020 reiften deshalb die Pläne, das Projekt weiter auszubauen. Nach und nach entstand die Idee, eine größere Anlage zu errichten, die zudem Platz für eine professionelle Küche zur Verarbeitung der Pilze, einen kleinen Shop für den Ab-Hof-Verkauf und Schulungsräume bieten sollte. Denn die Geschwister wollen langfristig vor allem auch junge Menschen wieder für den Wert gesunder, regionaler Lebensmittel begeistern und deshalb (Koch-)Kurse, Seminare und Workshops für Schulklassen und Interessierte anbieten. Zu diesem Zweck haben sie auch ein entsprechendes Konzept ausgearbeitet, welches bei den Verantwortlichen der LEADER-Region Vorderland-Walgau-Bludenz großen Anklang fand und deshalb auch mit Fördermitteln der EU unterstützt wird.

Und natürlich möchte das Duo aufzeigen, dass es sich lohnt, sich ganz auf die Natur einzustellen. Aus diesem Grund bauen sie auf einem Feld gleich neben dem geplanten Gebäude bereits Weizen an, dessen Stroh zur Pilzzucht genutzt wird. Sobald dieses vom Pilzmyzel durchwurzelt ist und ausgedient hat, wird es als natürlicher Dünger auf dem angrenzenden Gemüsebeet ausgebracht, auf dem Paprika, Tomaten, Bohnen, Kraut, bienenfreundlicher „African Blue Basilikum“ und vieles mehr – ohne Einsatz von Kunstdünger – bestens gedeihen. „Der menschliche Körper kann die Zellulose im Stroh nicht aufschließen“, erklärt Joachim Tschann. Pilze hingegen sind dazu in der Lage. Das so „verarbeitete“ Weizenstroh ist ein idealer Nährboden für Mikroorganismen, welche dann in der Folge das Wachstum der Pflanzen anregen.

Erste Pilzernte im November

Mit diesem nachhaltigen Konzept konnten die Geschwister durchaus überzeugen. Unterstützt von Bürgermeister Martin Konzet pachteten sie bereits 2021 ein knapp tausend Quadratmeter großes Grundstück für den Bau einer landwirtschaftlichen Halle. „Gute Idee, aber es geht nicht“, bremsten hingegen die Behörden den Unternehmergeist. Es sollte gute Nerven und beträchtliche finanzielle Investitionen benötigen, bis alle bürokratischen Hürden überwunden, alle geforderten Gutachten geliefert und Förderanträge bewilligt waren. Diesen Spießrutenlauf haben die „Neo-Landwirte“ aber bereits zu den Akten gelegt. Denn nach fünf (!) Jahren ging plötzlich alles ganz schnell. Inzwischen sind alle Verträge unterschrieben und abgesegnet, am 28. April feierten sie den Spatenstich für eine Halle, in der sie künftig Austernseitlinge unter stabilen klimatischen Bedingungen anbauen können. Dieser Tage wird diese nun auch tatsächlich aufgestellt. 

Austernseitlinge ab Hof

In fünf Klimakammern mit einer Fläche von jeweils 32 Quadrat­metern sollen sich künftig jedes Jahr zwan­zig bis 25 Tonnen Aus­tern­seitlinge entwickeln, die in erster Linie als Frischware direkt ab Hof verkauft werden. Mit der ersten Ernte rechnen die Geschwister ab November. „Es handelt sich um eine nicht-sporende Pilzsorte“, legen Carina und Joachim Tschann Wert darauf zu betonen, dass weder die Menschen, die in der Halle arbeiten, noch Nachbarn oder Kunden gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Pilzsporen befür­ch­ten mü­s­sen. Im Gegenteil – die beiden werden dafür sorgen, dass ihre Pilze taufrisch auf die Teller ihrer Kunden gelangen, weil sie dann besonders gesund und wohlschmeckend sind. Was übrig bleibt, wird zu hochwertigen Konserven verarbeitet, damit nichts weggeworfen werden muss.

„sleepy heads“ vom Pilzduo

„Wir bekommen sehr viel positives Feedback auf unsere Produkte“, freuen sich Carina und Joachim Tschann. Die beiden haben die lange Wartezeit gut genutzt und feine Rezepte für eingelegte Pilze und Würzmischungen entwickelt, welche sie seit drei Jahren unter wohlklingenden Namen wie „sleepy heads“, „Señor Siesta“ oder „Madame to salt“ auch online vermarkten. Das „Pilzduo“ – so der Markenname – freut sich darauf, diese Spezialitäten künftig direkt vor Ort in der eigenen Küche zubereiten zu können. Bisher war jedes Mal ein kleiner Umzug in die Räumlichkeiten der Tourismusschule Bludenz angesagt, weil nur dort hygienische Bedingungen garantiert werden konnten, wie sie für Lebensmittel, die in den Verkauf gehen, vorgeschrieben sind. 

Ihr Wissen über die Kreisläufe der Natur und die Verarbeitung von hochwertigen Lebensmitteln werden die Geschwister in den eigens geschaffenen Seminarräumen und in ihrem großen Gemüsegarten weitergeben. „Aber das darf wachsen“, sind sich die Geschwister einig. Die Frage wird eher sein, ob der studierte Konzertgeiger, Joachim Tschann, neben seinem Job als Pilzzüchter und Gemüsebauer noch Zeit finden wird, sein Instrument zu stimmen… Und auch Carina Tschann rechnet damit, dass sie frühmorgens Pilze ernten muss, bevor sie sich auf den Weg in die Schule machen kann. 

In ihr ambitioniertes Projekt investieren die Geschwister beträchtliche Mittel. Rund 1,1 Million Euro müssen aufgebracht werden. Schließlich achtet das Pilzduo auch beim Bau und Betrieb des Gebäudes auf die Umwelt. Die Wärmepumpe musste größer dimensioniert werden, damit die Pilze auch an besonders kalten Tagen keinen Schaden nehmen. Eine große Photovoltaikanlage soll trotzdem einen Großteil der benötigten Energie liefern. 

Crowdfunding für frische Pilze

Um nicht gänzlich auf Bankkredite angewiesen zu sein, haben sich Carina und Joachim Tschann entschlossen, ein Crowd­funding-Projekt zu starten. Sie hoffen, dass ein paar Gleichgesinnte ihre Idee unterstützen und sich im Gegenzug langfristig gesunde, frische Pilze sichern möchten. Anteile an den Photovoltaik-Modulen können ebenfalls erworben werden. Wer mehr wissen möchte, findet auf crowdfunding.pilzduo.at alle Informationen.

Am 28. April wurde in Bludesch der Spatenstich für die neue Produktionshalle gefeiert und nach einigen Umplanungen wird sie dieser Tage nun auch errichtet. Im November sollen die ersten Pilze, die sich dort entwickelt haben, in den Verkauf gehen.
Vorheriger ArtikelHelden-Kraft für kranke Kinder
Nächster ArtikelShowtanz der Weltmeister