„Wer es schwer hat, dem soll geholfen werden”

Rudi Müller: Seit seiner Pensionierung widmet er ehrenamtlich einen Arbeitstag pro Woche der Frastanzer Museumswelt.

Die Lehrausbildung hat bei Getzner Textil eine lange Tradition: schon 1938 wurden eigene Lehrwerkstätten eingerichtet, womit Getzner in Vorarlberg Pionierarbeit leistete. Die Getzner-Lehrlinge waren nicht zuletzt deswegen schon damals oft die Klassenbesten in den Berufsschulen des Landes. Dass der Innerbrazer Bauernbub Rudi Müller 1956 dort eine Lehrstelle erhielt, war allerdings nicht selbstverständlich.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, HANDOUT

Als Fünfjähriger bekam Rudi Müller bei der Erkundung einer Steckdose einen elektrischen Schlag ab. Während andere Kinder nach solchen Erfahrungen einen großen Bogen um alles Elektrische gemacht hätten, war bei Rudi Müller eine fundamentale Neugier entfacht. 

Als ältester Sohn eines Landwirts in Innerbraz sollte er eigentlich einmal den Hof übernehmen. „Aber ich wollte wissen, was da passiert ist“, erinnert sich der heute 84-Jährige an diese „Schrecksekunde“, die seinen Lebensweg mitbestimmte. Als später Elektriker auf dem Hof waren, um den Stall zu elektrifizieren, schaute er diesen über Wochen neugierig über die Schulter und nervte sie mit seinen Fragen nach dem Wie und Warum. Bald baute er sich ein einfaches Radio („Detektorempfänger“) und für ihn war sonnenklar, dass er auch einmal Elektriker werden wollte.

Das Bildungsangebot in Innerbraz war allerdings bescheiden: Nach acht Jahren Unterricht in der örtlichen Volksschule war die Ausbildung abgeschlossen – wobei Rudi Müller und die anderen Bauernkinder außerdem von Mitte Mai bis Mitte Oktober schulfrei hatten, um in der elterlichen Landwirtschaft mitzuhelfen. Die Bewerbung für eine Ausbildungsstelle zum Betriebselektriker schien unter diesen Voraussetzungen aussichtslos: Ein Hauptschul-Abschlusszeugnis – am besten mit lauter Einsern – galt quasi als Mindestvoraussetzung: Für jede Lehrstelle gab es damals bis zu zwanzig Bewerbungen!

„Bei Getzner hat aber immer auch der Grundsatz gegolten, dass man denen, die es schwerer haben, helfen soll“, ist Rudi Müller noch heute dankbar, dass man ihm damals diese Chance geboten hat. Er hat sie genutzt und sich für das in ihn gesetzte Vertrauen mit eifrigem Lernen und guter Arbeitsleistung revanchiert. 1973 wurde ihm selbst die Ausbildung der Lehrlinge anvertraut. Bis zu seiner Pensionierung Ende 1999, nach über 43 Jahren bei Getzner, hatte er gemeinsam mit Kollegen insgesamt 63 Lehrlinge vier Jahre lang auf die Gesellenprüfung als Betriebs- und Anlagenelektriker vorbereitet: 90 Prozent schafften diese im ersten Anlauf, ein Fünftel sogar mit Auszeichnung.

„Das waren schon sehr tüchtige junge Leute“, zollt Müller seinen ehemaligen Schützlingen großen Respekt. Zumal die Anforderungen in diesen Jahrzehnten durch den rasanten technischen Fortschritt auch enorm gestiegen sind. Sich immer wieder mit neuen Geräten, Maschinen und Apparaten auseinanderzusetzen und diese zu beherrschen, war für Müller immer willkommene Herausforderung. „Was zu Beginn meiner eigenen Lehrzeit neueste Technik war, ist heute längst im Museum“, erklärt er. 

Seit seiner Pensionierung befasst er sich wieder hauptsächlich mit den uralten Geräten. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Vorarlberger Museumswelt ist er mindestens einmal in der Woche ebendort in Frastanz, wo seine umfassende elektrotechnische Expertise – speziell auch im Bereich der Funktechnik – geschätzt und in höchsten Tönen gelobt wird. „Der Rudi kann einfach alles reparieren, er ist ein technisches Genie“, erklärt Museumswelt-Chef Manfred Morscher.

Getzner setzt auch heute Maßstäbe in der Lehrausbildung 

Eifriges Feilen machte in der Gruppe schon 1953 viel Spaß…

Seit mehr als 200 Jahren produziert der Traditionsbetrieb mit Sitz in Bludenz Textilien. Die hochspezialisierten Fachkräfte rekrutiert das Familienunternehmen dabei schon seit jeher vornehmlich aus dem eigenen Nachwuchs. Lehrlingsausbildung ist bei Getzner „Chefsache“: Als erstes Unternehmen in Vorarlberg richtete der Familienbetrieb im Jahr 1938 in der „Bleiche“ und später in der „Lünerseefabrik“ in Bürs eigene Werkstätten für die Lehrlinge ein. 

Und auch heute noch ist die Unternehmensleitung im permanenten Austausch mit den Lehrverantwortlichen, um das Lehrangebot stetig zu verbessern, wie CEO Roland Comploj betont. Dazu gehören auch bedeutende finanzielle Aufwendungen für die technisch modernste Ausstattung der Lehrwerkstätten.

Elektrotechnik-Lehrwerkstatt 2026.

Dieses Engagement wird nicht nur von den vielen Jugendlichen geschätzt, die sich jährlich um Lehrstellen bei Getzner bewerben: Vom Land Vorarlberg wurde Getzner schon vielfach als „ausgezeichneter Lehrbetrieb“ gewürdigt und 2022 erhielt das Bludenzer Unternehmen sogar den Staatspreis als „Bester Lehrbetrieb Österreichs“.

Die Lehrlinge selbst schätzen ein abwechslungsreiches Seminar- und Workshop-Programm samt Austausch mit Kollegen internationaler Tochterunternehmen, gute Entlohnung und ein attraktives Prämienprogramm, kostenfreie Lerntrainings und Förderprogramme, die Möglichkeit, neben der Lehre auch die Matura zu absolvieren, und hervorragende berufliche Aussichten nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung.

Vorheriger ArtikelService zählt
Nächster ArtikelHüter der Erinnerung