Hüter der Erinnerung

Seit 1. April 2023 kümmert sich das Team des Gemeinschaftsarchivs Walgau darum, alte Akten und Unterlagen der Gemeinden Düns, Dünserberg, Röns, Satteins, Schlins, Schnifis, Bludesch, Ludesch und Thüringen sorgsam aufzubewahren, zu verwalten und Interessierten zugänglich zu machen. „Die Zusammenarbeit läuft bestens“, erklären Abraham Hartmann, Julian Bitsche, Stefan Stachniß und Nadine Dobler. 

FOTOS: TM-HECHENBERGER, GEMEINSCHAFTSARCHIV WALGAU, VORARLBERGER LANDESBIBLIOTHEK/SAMMLUNG RISCH-LAU

„Es geht vor allem darum, dass die Unterlagen wieder zu finden sind, wenn sie gebraucht werden“, sind sich die vier Mitarbeitenden des Walgauarchivs einig. Denn die Vorarlberger Gemeinden sind bereits seit 1985 gesetzlich verpflichtet, Akten, Urkunden und Verhandlungsschriften sicher zu verwahren. Doch bisher fehlte oft der Durchblick, was sich alles in Schränken, Truhen, Lager- und Kellerräumen angesammelt hatte. Einiges war zudem aus verschiedensten Gründen, wie etwa durch Brände, verlorengegangen. Vor zehn Jahren nahm der Landtag die Gemeinden dann konkret in die Pflicht, indem die Abgeordneten genaue Vorgaben beschlossen, wie ein Archiv zu führen und der Bevölkerung zugänglich zu machen sei. „Einen eigenen Archivar können sich aber die wenigsten Gemeinden leisten“, erklärt der Leiter des Gemeinschaftsarchivs, Abraham Hartmann. Für ihn ist es deshalb nachvollziehbar, dass sich die politisch Verantwortlichen im Walgau zusammensetzten, um eine gemeinsame Lösung zu finden.

Ein Archiv für neun Gemeinden

Im Untergeschoss des Ludescher Gemeindezentrums standen geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung, und so wurden schon bald professionelle Rollregale, säurebeständiges Papier, entsprechende Software und andere Hilfsmittel angeschafft, damit die Walgau-Archivare am 1. April 2023 ihren Dienst antreten konnten. Seither werden historisch relevante Unterlagen aus Bludesch, Düns, Dünserberg, Röns, Satteins, Schlins, Schnifis und Thüringen nach Ludesch transportiert, dort gesichtet, gesäubert, digital erfasst, beschlagwortet, katalogisiert, sorgfältig in säurebeständiges Papier eingeschlagen, in Schachteln verpackt und in feuerfesten Archivschränken eingelagert. Sämtliche Metallteile wie etwa Büroklammern müssen ebenfalls entfernt werden, da Rost über die Jahre dem Papier zusetzt. Ein großer Teil der Akten ist bereits digital erfasst, bis Ende 2027 sollen die Inhalte sämtlicher historisch relevanter Unterlagen der Mitgliedsgemeinden über ein Findbuch zugänglich sein.

Klares Ordnungssystem

Damit die entsprechenden Dokumente schnell zur Hand sind, wenn sie etwa für eine wissenschaftliche Arbeit oder private Nachforschungen gebraucht werden, haben die Mitglieder des Archivteams nach Themen geordnete Aktenpläne angelegt. „Wenn allerdings in einzelnen Gemeinden bereits viel Vorarbeit geleistet und dafür ein anderes Ordnungssystem verwendet wurde, lassen wir dies so“, zeigen sich die Walgau-Archivare flexibel. Hauptsache ist, dass die Inhalte per Schlagwort schnell auffindbar sind. 

Dieser alte Schrank beherbergte einst das Finanzarchiv der Gemeinde Dünserberg.

Die Mitglieder des Archiv-Teams haben die Zuständigkeiten klar aufgeteilt. Die Historiker Julian Bitsche aus Nüziders und der Bludenzer Stadtarchivar Stefan Stachniß kümmern sich um die Bestände aus Düns, Dünserberg, Röns und Satteins beziehungsweise Bludesch, Schlins und Schnifis, während der Volkskundler und Kulturanthropologe Abraham Hartmann erster Ansprechpartner für die Gemeinden Ludesch und Thüringen ist. Unterstützt wird das Trio zudem von der wissenschaftlichen Dokumentarin Nadine Dobler, welche für das Fotoarchiv und mögliche Datenbanklösungen verantwortlich ist sowie das LEADER-Projekt zum Thema Fotografie im Archiv betreut. 

Die Bestände der einzelnen Gemeinden sind äußerst unterschiedlich. Während ein Feuer in Düns das meiste zerstört hat und andere Unterlagen bereits Teil der Sammlungen im Landesarchiv sind, fanden sich etwa in Dünserberg überraschend viele historische Dokumente. So stieß Julian Bitsche etwa beim Durchforsten der Aktenbündel auf die Gelöbnisformel, mit der Bürgermeister während der Nazi-Zeit ihre Treue zum Hitler-Regime schworen. Interessant sind außerdem Belege über Sozialleistungen, welche er für seine Masterarbeit über die Herausforderungen der kommunalen Arbeitslosenfürsorge sehr gut brauchen konnte. „Denn Arme und Arbeitslose kommen in der Geschichtsschreibung sonst nicht so vor.“ 

Spannende Einsichten

Dokumente, die nahelegen, dass das Vorgänger-Unternehmen der Firma Degerdon in Bludesch einst einen Steinbruch betrieben hat, bei dem Material für den Wuhrbau an der Ill abgetragen wurde, stießen bei den Historikern ebenfalls auf Interesse, und es gibt auch Motive über das Alltagsleben wie etwa jene aus dem Nachlass des Satteinser Amateurfotografen Karl Ritter, der beispielsweise in den 1930er-Jahren festhielt, dass beim Faschingsumzug bereits Nazi-Flaggen gehisst waren. 

Das Team hofft, dass sich über die Jahre weitere interessante Dokumente, Fotos und Aufzeichnungen finden, und ruft deshalb regelmäßig die Bevölkerung dazu auf, doch Bescheid zu geben, bevor etwa bei Haushaltsauflösungen alte Unterlagen einfach entsorgt werden. Wer bei einer Räum-Aktion über  vergilbte Fotos oder Dokumente mit alter Schrift stolpert, möge sich unbedingt melden. 

Wer eigene Recherchen anstellen möchte, ist herzlich eingeladen, sich in der kleinen Bücherecke des Archivraums niederzulassen.

Jeweils am Montagvormittag von 9 bis 12 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung (Tel: 05550/2221-251) sind Besucher in den Archivräumen im Untergeschoss des Ludescher Gemeindezentrums herzlich willkommen. Die Mitarbeitenden helfen auch gerne bei Recherchen – etwa zur Familiengeschichte – weiter. Ein Computer sowie eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur steht Interessierten zur Verfügung. 

Helfer jederzeit willkommen

Das Team würde sich außerdem über Verstärkung durch Ehrenamtliche freuen. Geschichtsinteressierte aus den einzelnen Gemeinden könnten beispielsweise den direkten Draht zum Heimatort halten, bei der Ablage von Akten helfen, Zeitzeugen-Interviews führen, bei Buchprojekten unterstützen oder Info-Veranstaltungen organisieren. Alle können ihre Talente auf die eine oder andere Art einbringen. 

Aufgabe des Gemeinschaftsarchivs ist es nämlich, das historische Erbe zu sichern und anderen zugänglich zu machen. Regelmäßig lädt das Team deshalb in den einzelnen Gemeinden zu „Erzählcafés“, – etwa in Bludesch – zum „Bänklehock“, oder zu Vorträgen, bei denen Wissen über den Alltag früherer Generationen  ausgetauscht wird. Aktuell entsteht außerdem unter Federführung von Walter Pfister aus Thüringen ein Buch über die Lutz, welche die Region bis heute prägt. 

Die Vorbereitungen für den 9. Juni sind ebenfalls weit gediehen. Den seit 1948 jährlich ausgerufenen Internationalen Tag der Archive nehmen die Mitarbeitenden und Helfer des Gemeinschaftsarchivs Walgau heuer nämlich zum Anlass für einen Tag der offenen Tür mit interessantem Rahmenprogramm:

Schnapsbrennen des Ludescher Obstbauclubs um 1920. Beim Tag der Archive am 9. Juni bekommt man einen Eindruck, wie dies damals funktionierte.

OFFENE TÜREN IM GEMEINSCHAFTSARCHIV WALGAU
am Dienstag, 9. Juni von 9 bis 17 Uhr
Gemeindezentrum Ludesch 

Interessierte haben Gelegenheit, die Archivräume und das Depot im Rahmen von Führungen zu besichtigen. Außerdem gibt es Kurzreferate anhand von Archivquellen aus den eigenen Beständen über den Konsum, die regionale Entwicklung des Obstbaus sowie die Branntweinerzeugung im Spiegel der Zeit. Auf dem Dorfplatz winken Vorführungen mit einer fahrbaren Brennerei und einer Saftpresse sowie Tipps zur Obstbaumpflege vom Experten.

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