Besondere Leuchtkraft und eine Textur, die zum Experimentieren einlädt – eine Familie aus Nüziders mischt aktuell den internationalen Markt für Künstlerfarben auf.
FOTOS: FA. AQUARYLIC, WOLFGANG LEHNER
Aquarylic Color heißen die neuen Farben, die erst kürzlich wieder auf der weltgrößten Messe für Künstlerbedarf – der CreativeWorld in Frankfurt – für Aufsehen sorgten. Das Besondere daran? – Die Farben sind wasserbasiert, trocknen aber wasserfest auf, sie glänzen wie Ölfarben ohne nachzudunkeln oder lange Trocknungszeit und eröffnen dadurch ganz neue Möglichkeiten der Verarbeitung.
So kann etwa ein Ölgemälde, sobald die oberste Schicht getrocknet ist, mit Aquarylic Color sofort weiterbearbeitet oder ein großformatiges Bild in Aquarelltechnik gestaltet werden, indem man die Farben entsprechend verdünnt. „Wir holen jede Art von Künstler ab“, laden die Bludenzer Produzenten zum Experimentieren quer durch alle Maltechniken und Materialien ein. Aquarylic Color gibt es inzwischen in 81 leuchtenden Farbtönen.
Angelika Domenig ist selbst Künstlerin. Die gelernte Buchhalterin hat vor gut zwei Jahrzehnten ihr Hobby zum Beruf gemacht, unterstützt in Malkursen und auf Malreisen andere Kreative dabei, sich mit Farbe und Pinsel auszudrücken. Sie liebt es, immer wieder Neues auszuprobieren. Wenn andere sie dazu aufforderten, doch endlich mal ihren Stil zu finden, entgegnete sie: „Mich erkennt man am Material.“ Sie bewegt sich nämlich gerne quer durch alle Stile, experimentiert mit unterschiedlichsten Substanzen und trägt Schicht für Schicht auf, um ihren Gemälden Tiefe zu verleihen. Mit den Materialien, die ihr dafür zur Verfügung standen, war sie nicht immer zufrieden. Sie schränkten ihre Kreativität ein, weil beispielsweise Aquarellfarben sich wieder auflösen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen, klassische Acrylfarben nicht genug leuchten und Angelika Domenig nicht gerne wartet, bis Ölfarbe endlich durchgetrocknet ist.
Kreative Autodidaktin
Die Künstlerin, die sich ihre kreative Ausdrucksform im Laufe ihres Lebens autodidaktisch erarbeitet hat, begann deshalb, ihre eigenen Rezepturen zu entwickeln. Sie orderte Bindemittel, Farbpigmente und allerlei Zusatzstoffe, verband diese in ständig wechselnden Zusammensetzungen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ihr eines Tages bewusst wurde, dass sie ein ganz neues, wunderbares Medium geschaffen hatte, das ihr eine völlig neue Arbeitsweise ermöglichte.
Dies alles ist bereits zehn Jahre her. Anfangs kamen allerdings nur die Kreativen in Angelika Domenigs Malkursen in den Genuss, die neuen Farben auszuprobieren. „Sie waren ebenso begeistert wie ich“, berichtet Angelika Domenig und schleppte fortan fleißig Farbgebinde, wenn sie zu ihren Dozentenjobs in Österreich und der Schweiz aufbrach.
Aufbruch in neue Sphären
Es waren Philipp, der Sohn der Künstlerin, und dessen Partnerin Julia Wolfesberger, die das Ganze in eine neue Dimension führten. Während der Corona-Lockdowns wollten die beiden der Mama anfangs nur Schlepperei ersparen, indem sie ihr einen Webshop einrichteten. Doch Philipp Domenig hat nicht umsonst einen Master in „Global Sales“ und Julia Wolfesberger konnte vom Studium „Marketing und Digital Business“ wichtiges Know-how einbringen. Das Trio begann, in neuen Sphären zu denken. „Doch was daraus geworden ist, hätte keiner von uns gedacht.“
Keller und Garage des Einfamilienhauses in Nüziders wandelten sich innerhalb kürzester Zeit zum Labor, in dem das bestehende Rezept immer weiter verfeinert wurde. Die drei richteten zudem eine Abfüllstation und eine Ecke für den Versand ein. „Sogar im Gang standen überall Farben herum“, lacht Philipp Domenig.
Seine Partnerin Julia weiß die digitalen Kanäle zu nutzen und so kam es, dass über Social Media bald Anfragen aus ganz Europa eintrudelten. „Diese Sache hat Potenzial“, waren sich die drei einig. 2021 gründeten sie eine GmbH und beschlossen, sich auf einem Markt zu behaupten, „auf dem seit zwanzig Jahren nichts Neues entstanden ist und der von ein paar Großen beherrscht wird.“
Begeisterte Rückmeldungen und ein ständig wachsender Kundenstamm veranlassten Philipp Domenig und Julia Wolfesberger bereits 2022 dazu, ihre Jobs zu kündigen und von Linz nach Nüziders zu übersiedeln. Parallel dazu wurde die Produktion vom Einfamilienhaus in Nüziders in einen Gewerbebau in der Bludenzer Klarenbrunnstraße verlegt und Angelikas Mann Thomas stieg ebenfalls ins Familienunternehmen ein.
Mit der Kunstszene in engem Kontakt
Was sich nicht geändert hat, ist der enge Kontakt zu den Endkunden. „Das ist sehr aufwendig“, erklärt Julia Wolfesberger, „wird aber auch sehr geschätzt.“ Denn das Team möchte auf dem Laufenden bleiben und auf die Bedürfnisse der Kunstschaffenden reagieren können. Wenn die Marketing-Verantwortlichen eine Anfrage bekommen, wie dieser oder jener Effekt erzielt werden könnte, taucht Philipp Domenig schon einmal für ein paar Wochen im Labor ab. „Er ist inzwischen durch und durch zum Chemiker geworden“, lacht seine Mutter.
Alles hausgemacht
Um den Richtlinien in den verschiedenen Ländern zu entsprechen, ist das Trio natürlich auch auf externe Experten angewiesen. „Bei uns ist aber alles hausgemacht“, erklären die Farben-Produzenten stolz. Aktuell werden pro Woche zwischen 200 und 500 Liter Farbe gemischt, abgefüllt und verschickt.
Die Umweltverträglichkeit ihrer Produkte ist der Familie ebenfalls ein großes Anliegen. Sämtliche Farben sind frei von Lösemitteln und Füllstoffen, giftige Schwermetalle sind ebenso tabu.
Ihre Leuchtkraft verdanken die Farben aus dem Hause Aquarylic einem hohen Anteil an hochwertigen Pigmenten mit einer im Labor getesteten Lichtechtheit von hundert Jahren, der sie zudem besonders ergiebig macht. Um sicherzustellen, dass die Farben nicht verderben oder zu schimmeln beginnen, kommen die Nüziger um Konservierungsstoffe nicht herum. „Weil die Farben auf Wasserbasis hergestellt sind, wären sie sonst ein Nährboden für Bakterien“, erklärt Philipp Domenig. Er legt jedoch Wert darauf, Konservierungsstoffe so gering wie möglich zu dosieren. Lässt man das Mal-Wasser 24 Stunden stehen, sodass sich die Pigmente am Boden absetzen können, darf es bedenkenlos im Kanalsystem entsorgt werden. Und auch bei der Wahl ihrer Lieferanten achtet das Aquarylic-Team darauf, unnötige Transportwege zu vermeiden.
Auf dem Sprung nach Amerika
In den letzten vier Jahren haben die rührigen Unternehmer vor allem durch ihre Messeauftritte ein beeindruckendes Netzwerk aufgebaut. Aquarylic ist inzwischen in Europas Kunstszene ein Begriff. „Als Neue stehen wir natürlich unter Beobachtung“, ist den Firmengründern bewusst. Weil sie von ihren Produkten hundertprozentig überzeugt sind, sehen sie dies aber gelassen.
Noch in diesem Jahr wollen sie mit ihren innovativen Farben auch den amerikanischen Markt erobern. Die Zusammenarbeit mit drei deutschen Influencern, die englischen Content generieren, führte zu zahlreichen Anfragen aus den USA und Kanada. Aktuell laufen die Vorbereitungen für den Export über den Atlantik.
Spezialfarbe für Produkte aus dem 3D-Drucker
Aber auch bei der Produktentwicklung bleiben die Jung-Unternehmer nicht stehen. Auf der CreativeWorld sorgten sie im Februar mit speziellen Farben für Furore, mit denen sich Kunststoff-Teile bemalen lassen, welche die immer beliebter werdenden 3D-Drucker ausspucken. „Bisher hatte der Fachhandel für diesen Zweck nur Modellbaufarben in den Regalen“, erklärt Philipp Domenig. Es stellte sich aber heraus, dass diese für die weichen PLA-Kunststoffe, aus denen das Druckfilament besteht, zu aggressiv sind und die Oberflächen angreifen. Die Experten von Aquarylic haben sich diesem Problem erfolgreich gestellt und dürfen sich freuen. Denn es stellte sich heraus, dass Anhänger der Cosplay-Szene, aber auch Maskenbildner und Tabletop-Fans nur darauf gewartet haben, ihre 3D-gedruckten Accessoires und Spielfiguren individuell zu gestalten. Auf der CreativeWorld standen die Interessenten Schlange.
Die rasante Entwicklung des Unternehmens hat natürlich auch dazu geführt, dass das Team sich vergrößert hat. Insgesamt fünf Mitarbeiter packen aktuell in der Produktion und bei der Logistik mit an. Außerdem steht Angelika Domenigs Vater Helmut immer bereit, wenn eine helfende Hand gebraucht wird. Der inzwischen achtzigjährige Metalltechniker hat nicht nur die Werkbänke und verschiedene Maschinen für das Unternehmen eigenhändig gebaut.
Sein größter Verdienst ist wohl, dass er seine Tochter vor vielen Jahren fürs Zeichnen und Malen begeisterte und damit eine Initialzündung für Aquarylic setzte. „Ich war total fasziniert von den Plänen großer Werkhallen, die mein Vater damals noch von Hand gezeichnet hat“, erinnert sich die Künstlerin. Diese Leidenschaft hat Angelika Domenig nie losgelassen.
Und so zieht sich die Aquarylic-Gründerin denn auch weiterhin ins Atelier zurück, um sich mit Pinsel und Farbe auszutoben. Außerdem lässt sie es sich nicht nehmen, in Kursen und auf inspirierenden Malreisen andere Menschen dabei zu unterstützen, ihre Ideen kreativ umzusetzen. Denn Angelika Domenig glaubt fest daran:
„Das Beste entsteht, wenn sich Freude mit Farbe vermischt.“

















