Besuch aus Afrika

Schlangenadler verirren sich nur äußerst selten in unsere Breiten. Kurt Schwaiger aus Ludesch hatte das Glück, den stattlichen Greifvogel sogar vor die Linse zu bekommen. 

FOTOS: KURT SCHWAIGER

„Und ich fliege extra nach Spanien, um – unter anderem – Schlangenadler zu beobachten“, lachte Johanna Kronberger, als sie von der Stippvisite des afrikanischen Gasts im Walgau erfuhr. Denn der wärmeliebende Greifvogel, der den Winter südlich der Sahara verbringt, zieht zur Sommerfrische normalerweise in die wärmeren beziehungsweise deutlich östlicher gelegenen Regionen Europas. „In Österreich sieht man ihn am ehesten in Kärnten oder Burgenland“, attestiert die Ornithologin dem Fotografen sehr viel Glück. 

KURT SCHWAIGER aus Ludesch unterrichtete vierzig Jahre lang an der Mittelschule Satteins Mathematik und Biologie. Als aktives Mitglied des Fotoclubs Nenzing geht er gerne mit seiner Kamera auf die Pirsch. Vor allem die Naturfotografie hat es ihm angetan.

Seit seiner Pensionierung hat Kurt Schwaiger die Kamera immer parat und so war diese denn auch sofort einsatzbereit, als seine Frau den Ludescher auf den großen Vogel aufmerksam machte, der aus dem Himmel auf ein Feld in der Nachbarschaft hinabstieß. Der ehemalige Mathematik- und Biologie-Lehrer konnte sein Glück kaum fassen. Da er sich schon länger für Naturfotografie begeistert, war ihm bewusst, dass er dieses Mal keinen einheimischen Vogel auf der Jagd ertappt hatte. Kurt Schwaiger schickte die Bilder denn auch gleich an die Experten vom Club 300 Austria, welche seine Vermutung bestätigten und den Vogel als Schlangenadler identifizierten.

Besondere Vorliebe für Schlangen

Was ihre Nahrung angeht, ist diese Art sehr wählerisch. Wie der Name schon nahelegt, gehören Schlangen zur absoluten Leibspeise des stattlichen Vogels mit den auffallend gelben Augen. Die Kriechtiere sollten zudem möglichst groß – mindestens einen Meter lang – sein. Nur im Notfall gibt sich der Schlangenadler mit anderen Reptilien oder sogar Mäusen, Schnecken, Vögeln oder Käfern zufrieden. Die erlegte Beute wird – immer mit dem Kopf voran – im Schnabel transportiert und entweder bereits im Flug oder dann am Boden verspeist. Der Nahrungsbedarf dieses Greifvogels ist beachtlich. Ein bis zwei mittelgroße Schlangen werden benötigt, um seinen Hunger für einen Tag zu stillen. Und auch der Nachwuchs benötigt täglich rund 200 Gramm Futter, was sich über die gesamte Nestlingszeit auf 270 Schlangen mit einem Gesamtgewicht von elf Kilo summiert. 

Diese Kriechtiere sind denn auch das beliebteste Mitbringsel, wenn ein Männchen um ein Weibchen wirbt. Im Balzflug lässt es die Beute fallen, um sie gleich darauf gekonnt wieder aufzufangen und an die Partnerin zu übergeben, der es über die gesamte Saison treu bleibt. Kurze Zeit nachdem sie das Brutgebiet erreicht haben, meist schon im März, beginnen Schlangenadler Jahr für Jahr aufs Neue, an der Spitze eines hohen Baumes ein Nest zu bauen. Kiefern und Eichen scheinen sich dafür besonders zu bewähren. Obwohl sie jedes Jahr ins angestammte Revier und meist auch zum Vorjahres-Partner zurückkehren, wird selten der alte Horst aufpoliert, um eine neue Generation aufzuziehen. Mit einem Durchmesser von rund sechzig Zentimetern und einer Höhe von dreißig Zentimetern ist das Heim allerdings eher bescheiden. 

Einzelkind im bescheidenen Horst

Das Weibchen legt denn auch nur ein einziges, dafür mit sieben Zentimetern Länge und einem Gewicht von 150 Gramm relativ großes Ei. Erst nach 47 Tagen schlüpft das Einzelkind, dem die Eltern dann – je nach Ernährungssituation – noch sechzig bis achtzig Tage lang ihre  volle Aufmerksamkeit widmen. Für das Heranschaffen der Nahrung ist das Männchen zuständig, erst nach rund vier Wochen beteiligt sich auch das Weibchen an den Beuteflügen. Denn der Appetit des Nachwuchses ist beachtlich. Bereits im Alter von drei Wochen ist das Küken in der Lage, eine achtzig Zentimeter lange und vier Zentimeter dicke Schlange zu vertilgen. Auch wenn dieser das Nest bereits verlassen hat, kümmern sich die Eltern noch um ihren Nachwuchs, bis die Greifvögel ihre lange Reise ins Winterquartier antreten. 

JOHANNA KRONBERGER aus Sulz engagiert sich seit vielen Jahren als Obfrau von BirdLife Vorarlberg für den Schutz der Vogelwelt. Die begeisterte Ornithologin hat in Innsbruck und Wien Naturschutz und Biodiversität studiert.

Schlangenadler sind ausdauernde Flieger. So legte etwa ein mit einem Sender getrackter Schlangenadler die 4.700 Kilometer lange Strecke von seinem Brutgebiet in Frankreich bis nach Niger innerhalb von zwanzig Tagen zurück. „Unter optimalen Bedingungen schaffte er an einem Tag sogar 467 Kilometer“, zeigt sich Johanna Kronberger beeindruckt. Diese Reisen sind allerdings gefährlich. Denn ausgewachsene Schlangenadler haben zwar keine natürlichen Feinde, sie werden allerdings in einigen Ländern vom Menschen gejagt. Außerdem wehrt sich so manche Schlange, die nicht als Vogelfutter dienen will, mit einem gezielten Biss. Und gegen das Gift seiner Beute ist der Schlangenadler nicht immun.  

Bald regelmäßig zu Besuch?

Angesichts des Klimawandels gehen so manche Experten davon aus, dass diese Greifvogel-Art bald öfter in unseren Breiten anzutreffen sein wird. Im nahe gelegenen Wallis scheint sie sich jedenfalls wohlzufühlen und wird seit ein paar Jahren bereits zu den Brutvogelarten gezählt… 

SCHLANGENADLER (CIRCAETUS GALLICUS)

Schlangenadler sind Lang­streckenzieher, die in der Sahel­zone südlich der Sahara überwintern. Ihre Brutgebiete liegen in Süd- und Osteuropa, Nordafrika und Asien. Sie werden 62 bis 70 Zentimeter groß, ihre Flügelspannweite liegt bei knapp 1,90 Metern. Die Greifvögel sind im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif und werden bis zu 17 Jahre alt. 

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