Umstieg von einem auf 500 PS

Eigentlich dachte Marlene Brunner nach der Schule an einen Bürojob. Stattdessen hat die begeisterte Reiterin nun ihre Berufung als LKW-Fahrerin gefunden. 

FOTOS: TM-HECHENBERGER

„Wenn ich auf die Baustelle komme, höre ich oft: wir dachten, der LKW fährt von alleine“, lacht Marlene Brunner. In der Fahrerkabine ihres knapp 500 PS starken Gefährts ist die zierliche junge Frau nicht so leicht zu entdecken. Trotzdem hat sie sich inzwischen den Respekt der meist männlichen Berufskollegen „erfahren“. Denn – obwohl sie beim Räderwechsel oder Nachziehen der Reifen auf Hilfe angewiesen ist – hat sie tonnenschwere Drei- oder Vier-Achser mit Kipper bestens im Griff. 

Seit Juli 2023 ist sie Teil des knapp 30-köpfigen Teams der Firma Konzett Transporte in Satteins – und dort total glücklich. „Ich bin sehr dankbar, dass mir Günter Konzett eine Chance gegeben hat, obwohl ich überhaupt keine Berufserfahrung vorweisen konnte“, freut sie sich über abwechslungsreiche Arbeitstage mit immer neuen Herausforderungen. Sie holt Aushubmaterial auf Baustellen im ganzen Land ab, liefert Beton und ist dabei oft auf kurvigen Straßen unterwegs. Schwierig wird es immer dann, wenn „Google Maps“ ihr zwar den Weg weist, aber nichts darüber verrät, ob sie auf der Route mit Höhen- oder Gewichtsbeschränkungen zu rechnen hat. „Im Sommer musste ich einmal in Sulz einige Spitzkehren rückwärts wieder runterfahren“, kann sich sie sich noch gut erinnern. Außerdem hat ihr LKW einen deutlich längeren Bremsweg als ein PKW. „Das unterschätzen viele“, erzählt Marlene Brunner von gefährlichen Situationen, wenn ungeduldige Lenker etwa bei Überholmanövern nicht genügend Abstand halten. Sie weiß auch, dass der „tote Winkel“ bei einem Gefährt mit fast neun Metern Länge deutlich größer ist. Beim Rechtsabbiegen ist deshalb besondere Vorsicht geboten. „Es braucht schon Respekt für diese Aufgabe, aber zu viel Angst ist auch nicht gut“, hat sie für sich erkannt. 

Freunde und Familie fanden es ursprünglich lustig, als sie davon hörten, dass die junge Frau den LKW-Führerschein machen will. „Vor allem, weil ich so klein bin“, grinst Marlene Brunner, „doch jetzt finden es alle voll cool.“ Dabei hatte die Noflerin ursprünglich ganz anderes im Sinn. Sie träumte von einem Bürojob und absolvierte nach der dreijährigen Fachschule für wirtschaftliche Berufe eine Lehre als Steuerassistentin. Dabei merkte sie allerdings rasch, dass es sie nicht wirklich erfüllt, Tag für Tag in einem Büro zu sitzen. Obwohl sie die Lehre abschloss und auch die Matura bestand, sah sie sich nach Alternativen um. 

Nun ist Marlene Brunner schon seit ihrem achten Lebensjahr eine begeisterte Reiterin und seit zwei Jahren stolze Besitzerin eines stattlichen Noriker-Kaltbluts. „Da wäre es nicht schlecht, wenn man einen LKW-Führerschein besitzt“, dachte sie sich. Es könnte schließlich vorkommen, dass der Wallach sich verletzt und in eine Klinik transportiert werden muss. 

Schon als kleines Mädchen hatte Marlene Brunner lieber mit Autos als mit Puppen gespielt  und ihren Vater gerne zu MotoGP und anderen Motorsport-Events begleitet. Mit entsprechender Begeisterung absolvierte sie die Fahrstunden und  die Prüfung für den PKW-Führerschein und investierte dann kurzentschlossen ihr Erspartes in den Führerschein C95. „Ich wollte es einfach ausprobieren.“ Wer als Berufskraftfahrer arbeiten möchte, muss zusätzlich eine Prüfung beim WIFI bestehen. Diese Hürde nahm Marlene Brunner im März, während sie parallel noch auf die Matura büffelte.

Ihr Fahrlehrer machte die Motor-Begeisterte auf ihren heutigen Arbeitgeber aufmerksam. Kurzentschlossen bewarb sich Marlene Brunner bei Günter Konzett und wurde prompt angestellt. „Anfangs war es schon eigenartig als einzige Frau unter den Fahrern“, erzählt sie. Doch inzwischen fühlt sie sich voll aufgenommen und schwärmt von einer netten Arbeitsatmosphäre. „Man bekommt viel Wertschätzung, wenn man die Arbeit gut macht“, ist sie voll und ganz mit ihrer Berufswahl zufrieden. 

Doch in ihrer Freizeit steigt sie nach wie vor auf eine Pferdestärke um, schaut tagtäglich nach Feierabend bei ihrem Wallach vorbei. Der ist in einem Stall in Nenzing untergebracht und damit direkt auf ihrem Heimweg nach Nofels. Vitus folgt brav Marlene Brunners Kommandos. Obwohl er mit seinen fünf Jahren noch nicht ganz ausgewachsen ist, schaut er bereits auf seine 1,55 Meter große Besitzerin herab.

 

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