Warum der schon damals weltweit erfolgreiche Familienbetrieb Liebherr im Jahr 1976 ausgerechnet Nenzing als neuen Betriebsstandort wählte, das ist noch heute eine der am häufigsten gestellten Fragen. Zumal hier zunächst vordringlich „Schiffs- und Offshorekrane“ gebaut werden sollten – und Nenzing (schon damals!) keinen Hafen vorweisen konnte.
FOTOS: TM-HECHENBERGER, HANDOUT
In Ehingen an der Donau, 150 Kilometer beziehungsweise eineinhalb Autostunden von Nenzing entfernt, war 1969 ein Liebherr-Werk gegründet worden: Hier sollten Auto- und Schiffskrane entwickelt und gebaut werden. Das Werk war sehr erfolgreich und stieß trotz laufender Investitionen bald an Kapazitätsgrenzen. So wurde beschlossen, den Bereich maritime Krane auszulagern. Geeignete, große Grundstücke in (Donau-) Hafennähe waren allerdings kaum vorhanden.
Die Standortsuche wurde also ausgeweitet und Nenzing kam auf die Liste: Das Grundstück am heutigen Standort war verfügbar und auch für spätere Erweiterungen geeignet. Der praktisch direkte Autobahnanschluss sprach ebenfalls für Nenzing. Und nicht zuletzt war Vorarlberg bekannt für seine fleißigen und gut ausgebildeten MitarbeiterInnen.
Der damalige Nenzinger Bürgermeister Kurt Kraft engagierte sich massiv für diese Betriebsansiedelung. „Nicht zuletzt seinem Verhandlungsgeschick und seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass sich Liebherr für den Standort Nenzing entschied“, schrieben die Vorarlberger Nachrichten in einem Nachruf für Kraft im August 2021. Jedenfalls erwies sich diese Entscheidung bis zum heutigen Tag als goldrichtig – für alle Beteiligten. Noch im Gründungsjahr 1976 wurde mit dem Bau der „Werkshalle I“ für den Stahlbau, die Schweißerei und die Endmontage begonnen. Praktisch parallel dazu startete die Produktion der ersten Schiffskrane.
1979 wurden Seilbagger ins Portfolio aufgenommen: Deren Weiterentwicklung in Nenzing führte zu den ersten hydraulisch angetriebenen und elektronisch gesteuerten Seilbaggern weltweit. Dieser technologische Sprung ermöglichte im Vergleich zu den zuvor üblichen mechanischen Antrieben eine wesentlich präzisere Steuerung und höhere Flexibilität und verhalf der „HS-(Hydroseilbagger)-Serie“ von Liebherr zu großem Erfolg. Das Nenzinger Werk hatte innerhalb der Firmengruppe (mit heute über 150 Gesellschaften in mehr als fünfzig Ländern auf allen Kontinenten) bald einen hervorragenden Ruf und konnte immer wieder mit Innovationen punkten:

So wurden etwa Raupenkrane mit Traglasten von bis zu 400 Tonnen entwickelt und gebaut. 2001 stellte das Unternehmen das erste kombinierte Ramm- und Bohrgerät der LRB-Serie und 2007 das erste Drehbohrgerät vor. Parallel zur technischen Entwicklung investierte Liebherr bereits 1983 mit dem Bau einer zweiten Werkshalle und eines neuen Verwaltungsgebäudes in die Erweiterung des Werkes, welche seither der guten Entwicklung entsprechend kontinuierlich fortgesetzt wurde. Im Jahr 2007 wurde bereits die siebte Montagehalle errichtet und im Jahr darauf konnte Nenzing erstmals einen Umsatz von über einer Milliarde Euro melden.
Aktuell sind auf der Gesamtbetriebsfläche von rund 254.000 Quadratmetern rund 98.000 Quadratmeter überbaut. Dass diese Erweiterung des Betriebes über die Jahre problemlos vonstatten ging, ist beachtlich. Florian Kasseroler, von 2003 bis 2025 Bürgermeister in Nenzing, kennt das Erfolgsrezept. „Liebherr beschäftigt weltweit an 150 Standorten über 55.000 Mitarbeitende und macht rund 15 Milliarden Euro Umsatz. Trotzdem ist dieses mächtige Unternehmen bei Erweiterungswünschen immer zur Gemeinde gekommen“, erinnert sich der Nenzinger Bürgermeister an zahlreiche Besprechungen, die in seiner 22-jährigen Amtszeit mit der Liebherr-Geschäftsführung stattgefunden haben. Man habe die Pläne „auf Augenhöhe“ erörtert, diskutiert und sei auch auf Änderungswünsche der Gemeinde eingegangen. Diese Unternehmenskultur des Familienbetriebes ist aus Kasserolers Sicht ein wichtiger Baustein für den Erfolg von Liebherr – international und in Nenzing.
Schon über 1.200 Lehrlinge ausgebildet
Zum Erfolg hat auch die seit den Anfangsjahren eigene Lehrlingsausbildung beigetragen: Jedes Jahr erhalten interessierte Jugendliche aus der Region die Möglichkeit zur Ausbildung in einem von aktuell zehn Lehrberufen. Im bisherigen Rekordjahr 2018 wurden 41 neue Lehrlinge aufgenommen: Viele der insgesamt über 1.200 Lehrlinge heuerten nach ihrer Ausbildung direkt bei Liebherr an und tragen als bestens ausgebildete FacharbeiterInnen bis heute zum Erfolg des Unternehmens bei.
Ab 2012 wurde der Standort Nenzing strategisch neu ausgerichtet: Die Produktion der maritimen Krane wurde schrittweise zum Liebherr-Werk Rostock verlagert, während man sich in Nenzing auf den Bereich Baumaschinen fokussierte.
Bereits vier Jahre später hatte das „Nenzinger“ Rammgerät LRH 600 auf der weltweit größten Baumaschinenmesse (die „Bauma“ findet alle drei Jahre in München statt) ihren großen Auftritt und begeisterte die rund 500.000 Messebesucher. Auf der darauffolgenden Bauma 2019 war das weltweit erste batteriebetriebene Großdrehbohrgerät „LB16 unplugged“ der Star der Veranstaltung und stand im Mittelpunkt des internationalen Medienechos. Dieser Erfolg bildete auch den Startschuss für die Elektrifizierung weiterer schwerer Baumaschinen.
Gerade auf Baustellen im städtischen und dicht besiedelten Raum ist der Einsatz von leiseren und abgasfreien Baumaschinen ein Wettbewerbsvorteil. Die Vermeidung von CO2-Emissionen und generell nachhaltiges Handeln werden aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen weiter forciert – Nachhaltiges Handeln hat im Familienbetrieb Liebherr seit jeher hohe Priorität. Schon seit vielen Jahren stellt sich das Unternehmen der „EcoVadis“-Zertifizierung: Die Liebherr-MCCtec GmbH, zu der neben Nenzing auch die Werke in Rostock (D), Killarney (IRL) und Sunderland (UK) gehören, wurde von der internationalen Nachhaltigkeits-Rating-Agentur EcoVadis mit der Platinmedaille ausgezeichnet. Damit gehört das Unternehmen zu den Top 1 % von über 150.000 weltweit bewerteten Unternehmen.
Die Platinauszeichnung bestätigt schließlich, dass die offiziellen Liebherr-Grundsätze zum Thema Corporate Responsibility ernstgenommen werden.
















