„Das Gute haben wir genossen, das Schlechte überwunden.”

Die Geschichte ihres „Omile“ haben Lydia Arantes und Sarah Kühne schon oft erzählen dürfen. Das Leben von Delphina Burtscher war geprägt von großen Dramen, Mut, aber auch von Herzlichkeit und Humor. Bis heute können wir von der kleinen großen Frau aus dem hintersten Walsertal einiges lernen. Anlässlich ihres 100. Geburtstages erzählen ihre Enkelinnen ihre Lebensgeschichte deshalb ein weiteres Mal. Mit einer kunstvoll gestalteten Graphic Novel wollen sie möglichst viele Menschen erreichen. 

FOTOS: HANDOUT, PRIVAT, RAIBA IM WALGAU/STEFANIE FREI, ILLUSTRATIONEN: ANNA STEMMER-DWORAK/ANUSCHKA FINK

Lydia Arantes forscht als Kulturanthropologin an der Uni Graz. Vor drei Jahren sollte sie einen Aufsatz darüber schreiben, welche Auswirkungen der eigene soziale Hintergrund auf wissenschaftliche Arbeiten hat. „Dazu musste ich erst einmal herausfinden, was denn eigentlich mein sozialer Hintergrund ist“, erzählt sie. Damals nahm sie wieder einmal das kleine Büchlein ihrer Großmutter zur Hand, bei dessen Entstehung sie 2005 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester als Lektorin ein bisschen mithelfen hatte dürfen. Auf Anregung ihres Sohnes Xaver hatte Delphina Burtscher nämlich ihre Lebenserinnerungen festgehalten. „Es ist so einfach geschrieben und trotzdem so eindrücklich“ –  bei der Enkelin entstanden bei der neuerlichen Lektüre Bilder im Kopf – düstere, weil der Inhalt der Geschichte so traurig ist, aber auch bunte, weil der Humor der lebenslustigen Frau, ihr Optimismus und ihre Lebenslust immer wieder durchklangen. Für Lydia Arantes stand bald fest, dass sie die Geschichte ihres „Omile“ anhand aussagekräftiger Zeichnungen in einem neuen Stil einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen wollte. Ihre Schwester Sarah, welche als Gesundheitswissenschaftlerin an der Fachhochschule Dornbirn forscht, war sofort Feuer und Flamme für diese Idee und bereit, sich einzubringen. Doch: „Wir beide sind Wissenschaftlerinnen, von literarischem Schreiben und Zeichnen haben wir weniger Ahnung.“ Trotzdem hat sich schlussendlich alles gefügt.

Die damals 12-jährige Delphina Burtscher auf dem Weg zur Alpe Wang.

Die Großmutter der beiden – Delphina Burtscher, am 13. Juli 1926 geboren – wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Küngswald bei Sonntag im hintersten Winkel des Großen Walsertales auf. Zur Schule musste sie eine Stunde lang laufen, anderthalb Stunden dauerte der Weg über die steilen Berghänge zurück. Auf dem Hof mit zehn Kühen musste die Zweitjüngste von insgesamt zehn Kindern, die das Säuglingsalter überlebten, schon in jungen Jahren kräftig mit anpacken, vor allem als die Mutter schwer erkrankte und 1943 verstarb. Vier ihrer Brüder waren zu diesem Zeitpunkt bereits als Soldaten eingezogen.

Wilhelm und Leonhard sowie Delphinas Verlobter Martin Lorenz aus Schnifis beschlossen 1943 nach dem Heimaturlaub, nicht mehr an die Front zurückzukehren. Sie versteckten sich auf Küngswald und in den Bergen, fürsorglich versorgt von der damals 17-jährigen Delphina. Mehrfach tauchte die Gestapo bei der Familie auf. Doch weil ein Bekannter an der Materialseilbahn, welche die einzige schnelle Verbindung in den Küngswald darstellte, Dienst tat und sie warnte, konnten sich die jungen Burschen immer rechtzeitig aus dem Staub machen. 

„Heute weiß man, dass ein Nachbar die drei schlussendlich verraten hat“, berichtet Lydia Arantes, welche den vor drei Jahren völlig überraschend aufgetauchten Reichskriegsgerichtsakt gelesen hat. Was dann geschah, war ihr allerdings immer schon bekannt. „In unserer Familie wurde kein Geheimnis daraus gemacht“, stimmt auch ihre Schwester Sarah zu. Man redete zwar nicht ständig darüber, aber alle wussten, dass am 9. Juli 1944 zwei Dutzend Polizisten und Gestapo-Mitglieder das Haus in Küngswald stürmten. Willi Burtscher und Martin Lorenz wurden festgenommen, Leonhard konnte entkommen. Delphinas Nachkommen wissen heute, dass die Hinrichtung am 8. Dezember 1944 nur eine Minute und acht Sekunden dauerte – von dem Augenblick, als Willi und Martin dem Scharfrichter in Graz vorgeführt wurden, bis zur vollstreckten Enthauptung. 

Die beiden Enkelinnen sind froh, dass der Reichkriegsgerichtsakt erst 15 Jahre nach dem Tod ihres „Omile“ – wie sie die zierliche Frau ein Leben lang nannten – im Landesarchiv gefunden wurde. Die Details, welche die Vernehmungsprotokolle in den beiden jeweils rund 170 Seiten starken Akten offenbaren, sind nicht leicht zu verdauen. 

Ihre Oma plagten auch so schon genügend schlimme Erinnerungen – etwa an die Zeit im Gefängnis, in das man die knapp 18-Jährige wegen Beihilfe zur Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung brachte. Sie war damals schwanger, Maria kam am 10. September 1944 – drei Monate vor der Hinrichtung ihres Vaters Martin – zur Welt. Nur wenige Monate später musste Delphina sie bei Martins Mutter in Schnifis zurücklassen, um neuerlich die Haft anzutreten. Als Verwandte von „Kriegsverrätern“ durften sie und ihr Kind auch nach dem Krieg von den Behörden keinerlei Unterstützung erwarten und wurden von Landsleuten lange Zeit schief angeschaut. Ihren Widersachern hat Delphina Burtscher wohl trotzdem verziehen. „Sie hat uns erzählt, dass die französischen Besatzer der Familie angeboten hätten, die Verräter standesrechtlich erschießen zu lassen“, berichtet Lydia Arantes. Ihr Urgroßvater habe dies mit den Worten „Der do domma wird‘s scho richta“, abgelehnt. 

Den Winter 1954 – sie war inzwischen mit Pirmin Burtscher verheiratet – überlebte Delphina nur knapp. Eine Lawine verschüttete ihr Heim in Fontanella, nur das Wohnzimmer, in das sie sich mit ihren inzwischen vier Kindern geflüchtet hatte, blieb verschont. Der Neuanfang führte die mutige Frau in den Walgau – erst nach Schlins und schlussendlich nach Nenzing. 

Trotz all dieser Schicksalsschläge ließ Delphina Burtscher den Kopf nicht hängen. „Das Gute haben wir genossen, das Schlechte überwunden“, schrieb sie in ihren Lebenserinnerungen. Ihre insgesamt acht Kinder, die 18-köpfige Enkelschar sowie 37 Urenkel können bestätigen, dass sie ihren Humor nie verlor. „Sie war ein warmherziger, lustiger Mensch, immer für Blödeleien zu haben“, erinnern sich Sarah Kühne und Lydia Arantes an so manche Wasserschlacht mit ihrer Großmutter. „Das wäre ja nicht ungewöhnlich, bei ihr passierte das aber schon mal mitten im Wohnzimmer oder in der Küche“, lachen die beiden. Denn das kleingewachsene „Omile“ war immer zu Scherzen aufgelegt. Auch diese Geschichte wird bei Familientreffen gerne erzählt: Als ihr Sohn Wilfried einmal seine Schwester ärgerte, sammelte Delphina im Garten Regenwürmer auf und bat den unartigen Jungen, in die Tasche ihrer Mantelschürze zu greifen. Sie lachte herzlich über dessen angeekeltes Gesicht, als dieser entdeckte, was er da in Händen hielt.

v.l.: Delphina Burtscher mit ihrer Enkelin Lydia, ihrer Tochter Erika und Enkelin Sarah bei der Präsentation ihrer Lebensgeschichte 2005 im Wolfhaus in Nenzing.

Dieser stets präsenten Lebenslust ist es auch geschuldet, dass die Graphic Novel „Delphina“ in fröhlichen Farben gezeichnet ist und auch das Cover nichts Tragisches ausstrahlt. „Die Geschichte steht für sich selbst“, sind sich die beiden Schwestern einig, „die einladende Ästhetik passt zu Omiles Wesen.“ 

Sie freuen sich, dass sich nach und nach die richtigen Partner für dieses Projekt zusammengefunden haben. Ein zufälliges Treffen mit dem Leiter des vorarlberg museums, Michael Kasper, bildete den Anfang, das Interesse verschiedenster Historiker und Kreativer befeuerte den Eifer der beiden weiter. 

Trotz all des Zuspruchs und verschiedenster Fördergeber sollte es sich als die schwierigste Aufgabe herausstellen, dieses Projekt finanziell zu stemmen. Die Kosten für die liebevoll  von Hand gezeichneten Illustrationen, Text und Dramaturgie, das Layout, den Druck und die Verbreitung summieren sich auf die stolze Summe von 77.000 Euro. Lydia Arantes und Sarah Kühne sind allen Fördergebern und Sponsoren dankbar, welche sie unterstützen. 13.000 Euro hat allein ein Crowdfunding-Projekt eingebracht, für das viele Mitglieder der Burtscher-Sippe kleine Geschenke wie handgestrickte Socken und verschiedenste Basteleien beisteuerten. Noch besteht allerdings eine Finanzierungslücke, welche die beiden Schwestern bis zum Erscheinungstermin des Buches schließen wollen. 

Sie hoffen, dass die bunten Illustrationen und einfachen Texte ein junges Publikum dazu ermuntern, sich mit der Geschichte und der großen Frage „Was hätte ich getan?“ auseinanderzusetzen. Ihre eigenen Töchter zeigen bereits großes Interesse. Angeregt von ihrer Lehrerin arbeitet etwa die 9-jährige Marcella schon eifrig an einem Referat über die Geschichte ihrer Uroma, welches sie in der Volksschule halten soll. Sarah Kühne und Lydia Arantes wollen aber auch andere Familien dazu inspirieren, sich ebenfalls mit der eigenen Herkunft zu beschäftigen und entsprechende Nachforschungen anzustellen. 

Wer tiefer in die historischen Hintergründe eintauchen möchte, findet auf den hinteren Seiten des Buches weiterführende Informationen zur Entstehung des Buches sowie Begriffserklärungen in einem Glossar, welches von Historikern geprüft wurde. Aspekte und Details, welche Delphina Burtscher damals nicht kannte, bringen Sarah und Lydia als schwarzweiß gezeichnete Comicfiguren direkt in die Geschichte ein. 

Parallel zum Buch entsteht derzeit im vorarlberg museum die Ausstellung „Delphina und drei Deserteure“, welche ebenfalls am 17. Juli eröffnet wird. Informative Lehrmaterialien für die Vorarlberger Schulen sind ebenfalls in Ausarbeitung. Außerdem freuen sich die beiden Herausgeberinnen auf ein neues Stück des Landestheaters, welches Delphinas Lebensgeschichte auf die Bühne bringen wird. Obwohl ihr „Omile“ nie das Wort Widerstand in den Mund nahm, wenn sie von den Geschehnissen damals sprach, sind Historiker heute überzeugt, dass die drei Deserteure sehr wohl Pläne schmiedeten, wie das Leben in der Region nach der Niederlage der Nazis neu organisiert werden könnte, und versuchten, Mitglieder für ihre „Österreichische Freiheitsbewegung“ zu werben. Del­phina soll Sterne als Erkennungszeichen auf die Kragen der Wehrmachtsuniformen der Freiheitskämpfer gestickt haben. Ihr Name steht auch aus diesem Grund auf dem Widerstandsmahnmal in Bregenz.

Dem 17. Juli sehen Sarah Kühne und Lydia Arantes mit großer Freude und wachsender Nervosität entgegen. Sie sind gespannt, wie die Öffentlichkeit auf die Graphic Novel reagiert, hoffen aber auch, dass die Familie sie positiv aufnimmt. Bisher haben nur Mama Erika und Onkel Xaver Auszüge aus dem Buch zu Gesicht bekommen…

Der Krieg hatte nicht das letzte Wort. – Mit den lebendigen, farbenfrohen Illustrationen, die allesamt von Hand gezeichnet wurden, und dem witzigen Cover wollen die Herausgeberinnen der Person Delphina Burtscher gerecht werden, welche äußerst tragische Ereignisse in ihrem Leben mit Humor und einer positiven Lebenshaltung überwunden hat. Das insgesamt 120 Seiten starke, in bester Qualität fadengebundene Buch ist ab 17. Juli um 29 Euro im Buchhandel erhältlich.

 

Die Finanzierung des Buches kann weiterhin unterstützt werden. Beim Kontowortlaut unbedingt den Leerraum nach dem Bindestrich beachten, damit die Überweisung problemlos durchgeht. Die Info über die steuerlich absetzbare Spende wird vom Museum ans Finanzamt weitergeleitet. Damit dies reibungslos funktioniert, muss neben dem Namen auch das Geburtsdatum angegeben werden. 

Vorarlberger Kulturhäuser- Betriebsgesellschaft mbH

Hypobank Bregenz
IBAN: AT48 5800 0102 5997 3118
Verwendungszweck: Delphina Burtscher Graphic Novel

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