Meister des guten Tons

Tonhühner, farbenfrohe „Zaunhocker”, aber auch Urnen, Schüsseln, Fliesen und Ofenkacheln in unterschiedlichsten Formen entstehen in der Werkstatt von Michael Hummer. Seit mehr als 22 Jahren überzeugt der Nenzinger mit handgefertigter Töpferware. „Die Nachfrage steigt wieder”, freut er sich über einen neuen Trend zum Individuellen. 

FOTOS: TM-HECHENBERGER

„Die gerade Linie ist gottlos.” – So lautet ein berühmtes Zitat von Friedensreich Hundertwasser. Michael Hummer stimmt dem im Jahr 2000 verstorbenen, österreichischen Künstler nur allzu gerne zu. Denn eine bis ins kleinste Detail perfekte Ofenkachel mit absolut glatter Oberfläche ist nicht sein Ding. „Die kann von einer Maschine viel präziser und günstiger hergestellt werden.” Michael Hummer ist hingegen der richtige Mann, wenn es um Sondermaße und individuelle Gestaltung geht. „In diesen Fällen ist Handarbeit sogar billiger”, weiß der kreative Handwerker um seine Stärken im Vergleich zur industriellen Fertigung. Trotzdem ist sein Handwerk vom Aussterben bedroht. Es gibt im Land nur noch etwa eine Handvoll Keramikwerkstätten. 

Zu Michael Hummers Kunden zählen etwa Fliesenleger und Ofenbauer, wenn sie ein Projekt abseits der Stange planen. Er ist gerne behilflich, wenn die Zimmerecke keine Standardmaße hergibt, besondere Formen oder Verzierungen gefragt sind. Bei solchen Vorhaben bringt er auch praktische Erfahrungen aus seiner langjährigen Berufspraxis ein. „Eine Weile lang  musste im Wohnbereich alles schwarz und am liebsten aus Metall sein, doch jetzt geht der Trend bei Öfen wieder in Richtung Kacheln”, beobachtet der Töpfermeister mit Genugtuung. Viele Stammkunden schätzen aber auch die keramischen Deko-Objekte, Schüsseln, Teller, Krüge und Becher, die er Tag für Tag nach allen Regeln der Handwerkskunst fertigt.

Es war die Mama, die dem Jungen, der schon als Kind immer gerne gezeichnet hatte, nahelegte, doch „etwas Künstlerisches” zu lernen. Im Alter von 15 Jahren nutzte Michael Hummer die Gelegenheit, bei einem Keramikkünstler zu „schnuppern” und fing sofort Feuer – auch wenn dies bedeutete, seiner Heimat den Rücken zu kehren. In Vorarlberg fand sich nämlich kein geeigneter Ausbildungsplatz. Kurz­entschlossen übersiedelte er deshalb bereits ein Jahr später in die kleine Gemeinde Stoob in Mittelburgenland, um sich dort vier Jahre lang an der Fachschule für Fliese, Keramik und Ofenbau alle Kenntnisse für seinen späteren Beruf anzueignen. 

Michael Hummer hat diese Entscheidung nie bereut. Denn heute wie damals schätzt er es, dass er sich kreativ ausleben und jeden Tag etwas Neues ausprobieren kann. Gerne lädt er auch andere Kreative in seine Werkstätte ein, denen er im Rahmen von Kursen die Grundtechniken des Töpferns vermittelt.  

Nach Fachschule und Bundesheer kehrte er ins Ländle zurück. „Das war schon eine ordentliche Umstellung”, erinnert sich der Kreative. „In Vorarlberg denkt man anders, perfektionistischer.” Heute noch schätzt er die Mentalität der Menschen in Ostösterreich sehr: „Sie sind einfach lockerer als wir hier. Im Gasthaus setzt man sich ganz selbstverständlich zu anderen an den Tisch. Die Menschen sind gesund neugierig”, hat er immer wieder beobachtet. Zurück in Vorarlberg fand er es deshalb anfangs schwierig, wieder Fuß zu fassen.

Keramik-Atelier in Nenzing

Obwohl er bereits 1991 die Meisterprüfung absolviert hatte, ging Michael Hummer zehn Jahre lang als Angestellter seiner kreativen Leidenschaft nach. Doch dann lockte die Selbstständigkeit. In seinem Geburtsort Nenzing fand er auch bald optimale Räumlichkeiten für eine Werkstatt mit mehreren Brenn­öfen, großzügigen Lagermöglichkeiten und einem kleinen Schauraum. In den 22 Jahren seiner selbstständigen Tätigkeit hat Michael Hummer schon viele unterschiedliche Projekte umgesetzt, sodass er sich nun über einen festen Kundenstamm freuen kann, der regelmäßig bei ihm in der Werkstatt vorbeischaut.

Die Anfragen sind höchst unterschiedlich. Ofenbauer und Fliesenleger zählen ebenso zu seinen fixen Kunden wie etwa ein Bestatter, der regelmäßig Urnen in verschiedensten Ausführungen ordert. An die Caritas-Werkstätte in Bludenz liefert Michael Hummer nicht nur die Rohlinge, welche von den kreativen Mitarbeitern dort liebevoll bemalt werden. Der Keramiker-Meister sorgt zudem verlässlich dafür, dass die bunten Farben in seinem Brennofen bei einer Temperatur von mehr als 1200 Grad Celsius dauerhaft fixiert werden.

Eine andere Kundin wünschte sich ein Nudelsieb aus Keramik, weil sie kein gängiges Plastik-Produkt in ihrer Küche dulden wollte. Michael Hummer freut sich, wenn er durch solch individuelle Anfragen herausgefordert wird. 

Wer etwa die Kässpätzle nicht in der traditionellen „Holz-Brenta” servieren will, findet in Nenzing eine handgefertigte Alternative aus Ton – passend zum Geschirr bemalt. Inspirationen für sein umfangreiches Angebot an Gebrauchskeramik und  Deko-Artikeln – vom österlichen Huhn bis hin zum handgefertigten Weinkühler – erhält Michael Hummer außerdem von seiner Lebensgefährtin Ulrike. Sie ist es auch, welche dafür sorgt, dass die Töpferwaren im kleinen Schauraum immer wieder neu arrangiert und in passendem Ambiente präsentiert werden. 

„Selbstbedienungs-Märktle” im Lockdown

Selbst die Corona-Lockdowns hat das kreative Paar mit innovativen Ideen gut weggesteckt. Die Märkte, auf denen Michael Hummer seine Produkte immer wieder im ganzen Land zum Verkauf anbieten konnte, waren in den vergangenen zwei Jahren schließlich großteils abgesagt. „Wir haben aber in der Siedlung vor dem Haus meiner Freundin ein kleines Märktle aufgebaut”, erzählt Michael Hummer. Nachbarn und Freunde in Nenzing freuten sich über das formschöne Angebot am weihnachtlich dekorierten Stand direkt vor ihrer Haustür. Sie bedienten sich gerne selbst, wenn sie etwa ein Geschenk oder eine Deko für die eigene Wohnung suchten. Die Töpferwaren gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmel. „Und in der Kasse waren sogar meist ein paar Euro mehr als angeschrieben”, begeistert sich Michael Hummer für diese Erfahrungen mit seiner ehrlichen Kundschaft. Trotzdem freut auch er sich wieder auf „normale Zeiten”, in denen er beliebig viele Menschen in seine Werkstatt einladen und Kurse für andere Kreative anbieten kann. 

Die Arbeit geht ihm derweil nicht aus. In den Regalen warten noch jede Menge Rohlinge darauf, dass er ihnen mit ruhiger Hand, Pinsel, Farbe und Glasur den letzten Schliff verleiht. Zwischendurch schiebt er die Werke eines Töpfer-Kollegen in den Brennofen, der ihm diese heikle Arbeit gerne anvertraut. Und dann bleibt hoffentlich noch ein bisschen Zeit, eigene künstlerische Ideen zu verwirklichen. Genügend Ton hat Michael Hummer jedenfalls immer auf Lager.

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