Musikalischer Höhenflug

Sein Auftreten ist ebenso bodenständig wie sein Werdegang: Thomas Ludescher wirkt nicht unbedingt so, wie man sich einen typischen Musikprofessor an einer italienischen Hochschule vorstellt. Der gelernte Elektriker hat seit Februar einen Lehrstuhl an der Musikhochschule Claudio Monteverdi in Bozen inne.

FOTOS: PRIVAT, TAL-SCHAFFT-KULTUR

„Jeder Einzelne ist Teil der Kultur”, erklärt Thomas Ludescher  im  Brustton der Überzeugung. Allerdings brauche es verstärkte Zusammenarbeit und Vernetzung, um auch abseits der Metropolen ein vielfältiges Kulturgeschehen und eine gewisse Professionalität zu gewährleisten. Er selbst trägt das seine bei, indem er sich im Österreichischen Blasmusikverband, bei verschiedensten Orchestern, an den Musik- und Hochschulen engagiert um den Nachwuchs bemüht. Als künstlerischer Leiter von Tal-schafft-Kultur setzt er zudem in seiner unmittelbaren Nachbarschaft vielseitige Impulse. 

Dabei war ihm ein Weg in den Kulturbetrieb alles andere als vorgezeichnet. „Als Sohn eines Eisenbahners träumte ich als Kind eher davon, Lokführer zu werden. Meine Familie hatte keinen besonderen Bezug zur Musik”, erinnert sich der gebürtige Klostertaler, der seit mehr als zwanzig Jahren in Bürs lebt. Es war sein späterer Firmpate, der ihn „vom Fußballplatz weg” zur Harmoniemusik Dalaas rekrutierte. In der örtlichen Kapelle wurde ein Flügelhorn gebraucht, und der damals Neunjährige fand rasch Gefallen an diesem Instrument. Dass er Talent hat, wurde ebenfalls bald offensichtlich. In der Musikkapelle seines Heimatorts begegnete der junge Musikant auch Prof. Lothar Hilbrand, der für ihn zum Vorbild wurde. Der gefragte Musiker und Professor am Landeskonservatorium Feldkirch war sich nämlich nicht zu schade, etwa beim Osterkonzert der Kapelle in seinem Heimatort mitzuspielen. „Er hat nie jemandem ein Solo weggenommen, obwohl er natürlich zehn Mal besser war”, ist Thomas Ludescher heute noch beeindruckt, wie sich der Professor ganz selbstverständlich bei der Harmoniemusik einreihte. Er folgte deshalb immer gerne den Einladungen zum gemeinsamen Musizieren, wenn der Trompeter zu Besuch in seinem Geburtsort war. Professor Hilbrand war es auch, der ihn dazu ermunterte, sich am Landeskonservatorium zu bewerben. Noch während seiner Schulzeit und später parallel zu seiner Lehre studierte Thomas Ludescher in Feldkirch Trompete, Musikpädagogik, Komposition und Dirigieren – unter anderem bei Prof. Hilbrand und beim international erfolgreichen Montafoner Komponisten Herbert Willi. Nebenbei sammelte Thomas Ludescher praktische Erfahrungen als junger Dirigent – erst bei der Harmoniemusik Dalaas und bereits als 21-Jähriger bei der Stadtmusik Bludenz.

In seinem Lehrberuf als Elektriker arbeitete Thomas Ludescher hingegen nur ein Jahr lang. Denn als ihm an der Musikschule Montafon eine Stelle als Lehrer angeboten wurde, griff er mit Freude zu. Es machte ihm Spaß, seine Musikbegeisterung an junge Leute weiterzugeben. Trotzdem reifte allmählich die Idee, die eigenen Fähigkeiten weiter auszubauen.  So mancher riet ihm damals, es doch gut sein zu lassen. Doch Thomas Ludescher schrieb sich trotzdem an der Musikuni in Wien ein, lernte unter anderem beim damaligen Solotrompeter der Wiener Philharmoniker, Josef Pomberger. 1996 schloss er als „Magister artium” ab. Neun Jahre später wurde Ludescher eingeladen, sein Können als Dirigent vor der Jury für den „Prix Credit Suisse” unter Beweis zu stellen – und konnte im Vergleich mit 22 hervorragenden Dirigenten aus Estland, der Schweiz, Deutschland, Japan, Frankreich und Österreich als Bester bestehen.

Diese Auszeichnung ist nur eine unter zahlreichen, welche die Laufbahn von Thomas Ludescher säumen. Denn der Bürser hat inzwischen mehrere Klangkörper wie etwa das Windwerk Musicproject (ehemals Sinfonisches Blasorchester Vorarlberg), das Nationale Jugendblasorchester Österreich und die 3BA Concert Band erfolgreich zu internationalen Wettbewerben geführt. 

Berufung nach Bozen

„Wer immer nur das tut, was er sich zutraut, kann nie über sich hinauswachsen”, spornt der umtriebige Musikfreund sich selbst und andere zu Höchstleistungen an. Er freut sich sehr über seine Berufung an die Musikhochschule Bozen, wenngleich diese mit sich brachte, dass er sich aus zeitlichen Gründen als Direktor der Musikschule Brandnertal verabschieden musste. Solange es ihm möglich ist, will er die angehenden Komponisten und Dirigenten an den Musikschulen Brandnertal und Montafon aber weiterhin unterrichten. Den Studenten, die am Vorarlberger und am Tiroler Landeskonservatorium Blasorchesterleitung studieren, bleibt er bis auf Weiteres ebenfalls erhalten. Schließlich will Ludescher den „Kontakt zur Basis” nicht verlieren. Seine Verpflichtungen an der Musikhochschule Claudio Monteverdi werden ihn künftig aber rund alle zwei bis drei Wochen für ein paar Tage ins Südtirol führen.

Coronabedingt hielten sich die Vor-Ort-Auftritte in Bozen bisher in Grenzen. Trotzdem kennt Thomas Ludescher bereits ein paar seiner Studenten. Er ist nämlich durch sein Engagement im Blasmusikverband mit der Südtiroler Blasmusikszene bestens vertraut. Die Lehrveranstaltungen selbst gehen aktuell noch online über die Bühne. Dies ist für Prof. Ludescher natürlich nicht der Idealzustand. Er versucht aber, die Möglichkeiten, die es trotzdem gibt, auszuloten und zu nutzen. „Online ersetzt zwar nicht die Präsenz, bietet aber auch ein paar Vorteile”, ist der Bürser überzeugt. „Man muss sich halt anpassen.” 

Seine Flexibilität kam Thomas Ludescher auch im letzten Jahr sehr zugute, wenn es darum ging, in der Region kulturelle Akzente zu setzen. Ein lebendiges Kulturgeschehen, nicht nur in den Metropolen, ist ihm nämlich ein echtes Anliegen – und er will möglichst viele Menschen miteinbeziehen. In Zusammenarbeit mit den Gemeinden Brand, Bürserberg und Bürs sowie einem „tollen Team” hat er 2016 „Tal-schafft-Kultur” gegründet, als dessen künstlerischer Leiter er seitdem vielfältige Projekte anstieß und umsetzte. 

Weil geeignete Veranstaltungsräume im Brandnertal rar sind, hat Tal-schafft-Kultur schon vor der Pandemie etwa Konzerte in der Bürser Schlucht organisiert. Die Kulturwoche vom 4. bis 11. September 2020 wurde ebenfalls völlig ins Freie verlegt. Die Menschen trafen sich in kleinen Gruppen zu Konzerten in privaten Gärten, am „Gitzischrofa” oder auf der Rufana Alpe. Foto- und Naturwanderungen standen ebenso auf dem Programm wie ein Mal-Nachmittag mit Kindern im Garten. 

Thomas Ludescher komponierte eigens eine Fanfare, mit der ein Bläserduo die Kulturwoche tagtäglich von einem exponierten Ort aus einläutete und am Nachmittag verabschiedete. Unter dem Motto „Luaga, losna, spüra” wirkten insgesamt 54 Künstler an mehr als 40 Events mit. 

Als regelrechter „Publikumshit” entpuppte sich aber das Weihnachtskonzert, welches der Bürser am 23. Dezember unter dem Motto „Eine musikalische Umarmung in Zeiten der Distanz” dirigierte. Tausende Musikfreunde verfolgten die Darbietungen der „Brass Adventure” live auf YouTube. „Die 19 Musiker – unter ihnen mein Sohn Lukas, der ebenfalls schon an der Musik-Uni in Wien studiert – waren regelrecht euphorisch, dass sie wieder einmal zusammen spielen und auftreten konnten”, berichtet Thomas Ludescher von einem emotionalen Erlebnis, das dank aufwendigem Präventions-Konzept möglich wurde. Das riesige Interesse und die begeisterten Rückmeldungen des Online-Publikums haben dann aber trotzdem alle überrascht und überwältigt. 

Thomas Ludescher ist überzeugt davon, dass jeder Einzelne Kultur braucht. Trotz der Unsicherheiten, welche die Pandemie mit sich bringt, arbeitet er deshalb bereits am Programm der Kulturwoche 2021 von Tal-schafft-Kultur, die vom 3. bis 10. September über die Bühne gehen soll. Und parallel dazu büffelt er italienische Vokabeln. Denn obwohl der Unterricht in Bozen großteils auf Deutsch und Englisch stattfindet, will er auch für dies Aufgaben dort bestens gerüstet sein.

 

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