Windhauch

Man muss schon gut zu Fuß und schwindelfrei sein, um Lothar Ämilian Heinzles Installation im Grubser Tobel zu genießen. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem einzigartigen Zusammenspiel von künstlerischem Schaffen und einer majestätischen Naturkulisse belohnt. Leichter zugänglich sind die Werke des gebürtigen Bludenzers ab 21. August in der Gallerie allerArt.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, PRIVAT

„Was geschehen ist, wird wieder geschehen. Was man getan hat, wird man wieder tun. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.” – Diese Worte sollen auf König Salomon zurückgehen, so ist es jedenfalls im Buch Kohelet, einem der Bücher der Weisheit im Alten Testament, überliefert. Lothar Ämilian Heinzle ist fasziniert von dieser Erkenntnis, die für ihn 3000 Jahre später immer noch aktuell ist. „Natürlich haben wir Menschen einiges weitergebracht seit damals”, relativiert er, „doch in den wesentlichen Dingen, in unserem Verhalten haben wir nicht wirklich dazugelernt. Wir bauen unglaublich tolle Kulturen auf, um sie im nächsten Augenblick zu zerstören.” Mit seiner Kunst möchte er dies ins Bewusstsein rufen und hat dafür einen ganz besonderen Ort ausgesucht: Das Grubser Tobel oberhalb des Bludenzer Ortsteils Rungelin hat ihn schon als Buben magisch angezogen. Die steil abfallenden Felswände bilden einen majestätischen Kessel, der von einem sprudelnden Gebirgsbach durchzogen wird, der – je nach Jahreszeit – gemächlich dahinfließt oder mitreißende Stärke demonstriert. 

Lothar Ämilian Heinzle kennt hier fast jeden Baum. Er ist nur einen Katzensprung entfernt, im idyllischen Gasünd, aufgewachsen. Der Spielplatz seiner Kindheit hat nichts von seiner Wildheit verloren. „Man spürt eine ganz eigene Energie hier”, ist der Künstler überzeugt und wusste deshalb schon seit vielen Jahren, dass er an diesem Ort einmal kreativ gestalten würde. Als er in einem Zeitungsartikel über das Zitat stolperte und sich in der Folge intensiver mit dem Buch Kohelet beschäftigte, wusste er, was zu tun war. 

Allerdings gestaltete es sich gar nicht so einfach, im Grubser Tobel aktiv zu werden. Die Behörden befürchteten, dass Kunst­interessierte in dem unwegsamen Gelände zu großen Naturgefahren ausgesetzt sein könnten. Nach zweijähriger Wartezeit gaben sie dem Künstler dann so etwas wie grünes Licht. Es wurde ihm nichts verboten, aber doch nahegelegt, seine kreativen Einfälle lieber an einem anderen Ort umzusetzen. 

Wer dann allerdings im Tobel steht, weiß genau, warum der Künstler an seiner ursprünglichen Idee festhielt. Man fühlt sich klein und endlich in der mächtigen Felskulisse, den Elementen ausgeliefert. Und dann ist da noch der riesige Steinbrocken, der – von unzähligen Wintern glatt poliert – direkt an der Felskante zu schweben scheint. „Niemand konnte mir erklären, wie der vierzig Tonnen schwere Monolith an diesem Platz gelandet ist”, berichtet Lothar Ämilian Heinzle von umfangreichen Recherchen. „Er muss wohl ursprünglich aus der Felswand herausgebrochen, abgestürzt und dann – keiner weiß wie – ein Stück aufwärts gerollt sein.” Seither thront er genau an der Kante über einer Felswand, die von Weitem an den Turm einer Festung erinnert, und bietet aus verschiedensten Perspektiven und zu jeder Jahreszeit einen faszinierenden Anblick.

 

„Windhauch, alles Windhauch”

Im Buch Kohelet leitet das Zitat, das König Salomon zugeschrieben wird, zu der Feststellung hin: „Windhauch, alles Windhauch”. Lothar Ämilian Heinzle gibt dieser Erkenntnis nun Gestalt, indem er Steine im Bachbett bemalte, sodass sie mit dem Lauf des Wassers die Worte „Es gibt nichts Neues unter der Sonne” bilden. „Der fünfte der dreißig Steine liegt genau an der engsten Stelle des Bachbetts, wo die Energie sich sammelt”, erklärt der Künstler. Man muss schon ein wenig klettern, um alle Steine zu erreichen und hält dann etwas atemlos vor einer mächtigen Felswand inne. Wenn man dem breiter werdenden Bachlauf dann wieder abwärts folgt, münden die bunt bemalten Steine – und damit auch Salomons Zitat – quasi in dem Wort „Windhauch”, das gut sichtbar auf dem Monolithen zu lesen ist. Das Wasser, das dort über die Felskante hinabstürzt, trägt die Botschaft weiter in die Ferne.

Ein zehnköpfiges Team hantierte im Sommer 2022 eine Woche lang in dem unwegsamen Gelände mit Schablonen und Pinsel, bis dieses Werk vollendet war. Inzwischen

haben die Elemente die umweltfreundliche Silikatfarbe da und dort schon ein wenig abgelöst und verblassen lassen. Doch auch dies ist im Sinne des Gestalters, geht es ihm doch darum, auf den ewigen Kreislauf des Lebens hinzuweisen. Man spürt im Grubser Tobel beinahe körperlich, dass man als einzelner Mensch nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen ist.

 Vielseitiges Schaffen

So sehr Lothar Ämilian Heinzle dieses abgelegene Plätzchen liebt, an dem er aufgewachsen ist – Als Jugendlicher wurde es ihm auf dem Bauernhof seines Großvaters – dem Burtscherhof – und überhaupt in Vorarlberg schnell zu eng. Er verbrachte ein Jahr in Großbritannien, um Englisch zu lernen und erfüllte sich dann an der Kunstschule Linz und an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien seinen großen Traum. Der 1951 Geborene studierte Grafikdesign und hängte dann noch ein Lehramt-Studium für Kunst- und Werkerziehung – ebenfalls an der Angewandten – dran. In den ersten Jahren seiner beruflichen Tätigkeit kam er immer wieder nach Vorarlberg zurück, um Akzente zu setzen und sich mit anderen Kreativen im Land auszutauschen. Aktions­kunst gehörte schon damals zu seinem Repertoire. So manchem ist etwa noch die performative Aufführung „Brennende Seelen” in Erinnerung, die der Künstler in Zusammenarbeit mit dem Schlinser Komponisten Gerold Amann im Hohenemser Steinbruch umsetzte. Feuer und die zu einer „Symphonie” komprimierten Töne von Gewehrsalven sollten damals verdeutlichen, dass alles zwei Seiten hat, je nachdem wie man die Dinge verwendet. Im Bachbett des Mason in Innerbraz hatte Lothar Ämilian Heinzle vor 25 Jahren schon einmal damit gespielt, Buchstaben auf die Steine in einem Bachbett zu malen. Auch diese Aktion, welche ihre Botschaften über die spätantike Schutzformel „Sator” (Sator arepo tenet opera rotas – die Energie bewegt sein Werk) transportierte, wurde von Gerold Amann musikalisch untermauert. Dafür, dass 1989 am Fuße des Schillerkopfes das Zitat „Seid umschlungen Millionen” prangte, zeichnet Lothar Ämilian Heinzle ebenfalls verantwortlich. Zahlreiche Preise im In- und Ausland ehrten sein künstlerisches Engagement. 

Doch mit den Jahren verlagerte sich sein Schaffen immer mehr nach Wien, hatte er dort doch seinen Lebensmittelpunkt gefunden und ab 1998 als Professor für Grafikdesign beziehungsweise Vorstand der Meisterklasse für Grafik- & Kommunikationsdesign an der „Graphischen” sowie Mentor der Agentur Heinzle & Partner Verantwortung für die Ausbildung des kreativen Nachwuchses übernommen. 

Inzwischen geht der Kreative es wieder etwas ruhiger an, und er freut sich, dass er wieder mehr Zeit findet, sich künstlerisch auszudrücken. Er zitiert wieder das Buch Kohelet, wenn er sagt: „Steine werfen hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit.” Obwohl er nach wie vor mit seiner Frau – sie kommt ursprünglich aus Bergamo in Italien – sowie den 14 und 16 Jahre alten Töchtern in der Bundeshauptstadt lebt, zieht es ihn wieder öfter nach Vorarlberg und in seine Heimatstadt. Er will sich weiterhin treu bleiben und mit seinen grafischen und künstlerischen Ausdrucksmitteln keine „Schönfärberei” betreiben, sondern zum Nachdenken anregen und seine Meinung zum Ausdruck bringen. Man darf also gespannt sein, was dem Kreativen noch einfällt. 

Wer sich für Lothar Ämilian Heinzles Werk interessiert, aber nicht unbedingt im Grubser Tobel herumkraxeln möchte, hat von 21. August bis 8. September in der Galerie allerArt in Bludenz Gelegenheit, sich mit Werken des Bludenzer Künstlers auseinanderzusetzen. Die Ausstellung ist jeweils von Mittwoch bis Samstag sowie an Sonn- und Feiertagen von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

Großformatige Graphitzeichnungen des Künstlers auf Seidenpapier werden in der Galerie allerArt ebenfalls ausgestellt.
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