Spiderman ist nur Fiktion. Im Baum, da turnt Treeman

Wenn Jonathan Fetz seine Schleuder in Stellung bringt, dann ist Vorsicht geboten. Mit dem zwei Meter hohen Teil wird ein Wurfbeutel mit unglaublicher Wucht bis zu 40 Meter hoch in die Baumkrone geschossen. Über die daran befestigte dünne Schnur kann der ausgebildete Gärtnermeister ein erstes Kletterseil in die Höhe ziehen. Mit diesem und weiteren Seilen gesichert, bewegt sich der 34-jährige Spezialist aus Egg auch in höchsten Baumkronen wie Spiderman von Ast zu Ast, um seine Aufgabe zu erfüllen: Er ist international geprüfter „Treeman” und Baumpfleger beim Maschinenring.

FOTOS: TM-HECHENBERGER

Die professionelle Baumpflege ist eines der vie­len Arbeitsfelder des Maschinenrings – aber natürlich nicht immer so spektakulär, wie sie sich Ende April in Schlins darstellte. Es galt, die hundert Jahre alte und mehr als dreißig Meter hohe Dorflinde bei der Kapelle Frommengärsch wieder in Form zu bringen.

„Die regelmäßige Nachschau und Pflege ist bei Bäumen im öffentlichen Raum schon aus Sicherheitsgründen notwendig”, erklärt German Nigsch, Geschäftsführer des Maschinenrings Oberland mit Sitz in Bludesch. Um Personen- und Sachschäden sowie entsprechende Schadenersatzansprüche zu vermeiden, tun die Gemeinden gut daran, diese Aufgabe an die Fachleute vom Maschinenring zu delegieren. Die regelmäßige Pflege sorgt zudem für ein langes Leben der Schattenspender und – bei Obstbäumen – für gute Erträge. Nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch viele Privatkunden setzen daher auf professionelle Unterstützung. Bei solchen Riesen wie der  Schlinser Dorflinde – die übrigens als eingetragenes Naturdenkmal unter besonderem Schutz steht – können sowieso nur Profis ans Werk.

Jonathan Fetz und sein Kollege Riccardo Cazzoli sind ein eingespieltes Team. Gemeinsam nehmen sie sich nach erfolgreichem Einsatz der Wurfbeutelschleuder den Baum vor. Zur guten Zusammenarbeit gehört vorab, dass sie sich nicht in die Quere kommen: Einerseits dürfen sich die Siche­­rungs­­leinen nicht kreuzen, andererseits soll ein abgeschnittener Ast nicht auf den Kollegen stürzen. Direkt übereinander zu arbeiten, wäre also trotz der obligaten Helme und Schutzausrüstung keine gute Idee.

Die an der Nürnberger Baumschule in Sachen Seiltechnik ausgebildeten Baumpfleger sind mit fachgerechter Schnittführung, der Baumbiologie und Baumstatik natürlich bestens vertraut. Einen ganzen Vormittag lang klettern sie in der Schlinser Dorflinde herum, nehmen alle Äste bis zur Baumkrone in Augenschein und schneiden dort, wo es erforderlich ist. Am Boden sichern zwei Kollegen die Arbeiten, halten den Verkehr zeitweise an und bitten Spaziergänger um kleine Umwege.

Nach Ende der Arbeiten beginnt der Abstieg der „Treemen”, der wegen der Einholung der Sicherungsleinen seine Zeit dauert: Geschäftsführer German Nigsch besorgt in dieser Zeit eine wohlverdiente Stärkung. „Und, wie schaut es aus?”, fragt Nigsch bei der Leberkässemmelübergabe. „Alles wieder in Ordnung”, urteilt Jonathan Fetz. Die Linde sei insgesamt in einem guten Zustand und weise ein gesundes Wachstum auf. Das freut den Maschinenring-Chef natürlich, schließlich wurde man von der Gemeinde Schlins mit der Pflege dieses und weiterer Bäume beauftragt. Und zwar längerfristig. Linden können bis zu 2.000 Jahre alt werden…