Auszeit im kreativen Ambiente

Ihre Passion fürs Malen begleitet Maria Gabriel bereits ein Leben lang. Mitten in Nenzing hat sie ein Refugium geschaffen, in dem unterschiedlichste Menschen staunen, feiern und ihre kreative Ader ausleben. 

FOTOS: TM-HECHENBERGER

„Das ist besser als Wellness”, schwärmt eine Kursteilnehmerin, während sie andächtig Acrylfarbe auf der Leinwand verteilt. Sie fühlte sich dem Burn-out nahe, als sie das Malen für sich entdeckte. Die Ergebnisse ihrer autodidaktischen Versuche stellten sie auf die Dauer allerdings wenig zufrieden. Recherchen im Internet führten sie zu Maria Gabriel nach Nenzing. Zwei Tage in der Woche verbringt sie seitdem im Atelier. Beim Malen kann die Montafonerin abschalten und den Alltag hinter sich lassen.

„Das ist doch das Schönste im Leben, wenn man etwas findet, bei dem man die Zeit vergisst”, weiß Maria Gabriel aus eigener Erfahrung. Sie hat schon als Kind im elterlichen Heim an einem kleinen Tisch am Ofen mit Hingabe gemalt und gezeichnet. Dass ihr das Malen den Lebensunterhalt sichern könnte, kam der gebürtigen Walsertalerin allerdings erst viel später in den Sinn. Die Kreative arbeitete als Verkäuferin und in der Gastronomie, absolvierte eine Lehre als Kosmetikerin, gründete eine Familie, ließ sich im Geburtsort der Mutter, in Nenzing, nieder. Gemalt wurde in der Freizeit. In jeder freien Minute. Denn es braucht Übung und Fleiß, um sich zu verbessern. Das gilt auch für die Kunst. Davon ist Maria Gabriel überzeugt.

Über Jahre experimentierte sie mit verschiedensten Materialien, besuchte auch den einen oder anderen Kurs, lernte unterschiedlichste Malstile kennen. Doch schlussendlich entwickelte sie ihre ganz eigene Technik, bei der sie verdünnte Acrylfarben auf die präparierte Leinwand schüttet, mit Pinsel und Spachteln in die Grenzen weist, immer und immer wieder neue Schichten aufträgt. Das Ergebnis sind sehr lebendige, meist farbenfrohe Bilder, die nur selten ganz abstrakt werden. Maria Gabriel mag es, wenn ihre Bilder gleich auf den ersten Blick eine Geschichte erzählen. 

 „Am liebsten male ich Menschen”, verrät die Künstlerin, die keinerlei Berührungsängste zu kennen scheint. Weil es ihr in erster Linie um den kreativen Prozess geht, kann sie sich für fast jedes Motiv erwärmen. In ihren Werken setzt Maria Gabriel unter anderem sogar die Schiffskräne der Firma Liebherr, weihnachtliche Motive, Spielzeug oder die Szenerie der Nobel-Schiorte am Arlberg sehr persönlich in Szene. Bei Auftragswerken ist ihr wichtig, dass ihre Bilder die Philosophie der Kunden widerspiegeln.

„Vor acht Jahren sagte ich mir hop oder drop”, erzählt die Künstlerin. Sie beschloss, sich ganz dem Malen zu widmen. In ihrem Atelier auf dem Dachboden ihres Hauses hatte sie schon früher Malkurse gegeben, wenn Bekannte anfragten. Nun wollte sie die Strukturen in professionellere Bahnen legen. „Wer im Großen Walsertal aufwächst, lernt das Arbeiten”, erklärt Maria Gabriel. „Ich wusste, wenn es nicht funktioniert, gehe ich halt putzen.” Es hat funktioniert – und sogar ziemlich schnell. 

Der Anbau, den Maria Gabriel gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten umsetzte, erinnert an ein toskanisches Landgut. In der Tat stammt die schwere Eingangstür aus Italien, viele Details verraten die Liebe der Hausherrin zum sonnigen Süden. Fast alle Möbelstücke erinnern an vergangene Zeiten, dekorative Arrangements, wohin man auch blickt. Große Glastüren führen in einen Garten, der ein bisschen verwunschen anmutet und dazu einlädt, die Seele baumeln zu lassen. In diesem inspirierenden Umfeld versammeln sich nun regelmäßig Kreative, um ihre Ideen unter professioneller Anleitung umzusetzen. Viele kommen mit konkreten Vorstellungen, andere müssen erst ihre Scheu vor der weißen Leinwand überwinden. „Ich denke, ich bin ziemlich empathisch. Ich hole jeden dort ab, wo er steht”, verrät Maria Gabriel das Geheimnis hinter ihrer wachsenden Fangemeinde. Diese Eigenschaft kommt ihr vor allem dann zugute, wenn sie als Kursleiterin von anderen Veranstaltern gebucht wird und völlig Fremde auf ihre Anleitungen warten. Aus diesen intensiven Begegnungen sind viele Freundschaften mit Menschen aus verschiedensten Ländern entstanden. So erinnert sie sich etwa an eine über 80-jährige Frau – Stammgast des Hotels, in dem der Malkurs angeboten wurde -, die sich anfangs ziemlich beschwerte, dass sie als Anfängerin derart überfordert würde. Maria Gabriel fand rasch heraus, dass der Unmut andere Ursachen hatte und schlug ihr vor, mit einer Collage zu beginnen. „Am Ende ist sie mir um den Hals gefallen, so glücklich war sie.”

Nicht immer entsteht gleich beim ersten Versuch ein Schmuckstück fürs Wohnzimmer. Doch meist sind die Kreativen in Maria Gabriels Atelier so in ihre Arbeit versunken, dass es ihnen nichts ausmacht, mit einer neuen Schicht Farbe noch einmal von vorne zu beginnen.

Jedes Jahr im Februar/März müssen ihre Schüler allerdings einen Monat lang ganz auf Maria Gabriel verzichten. Dann zieht sie sich auf ein Bootshaus am Lago Maggiore zurück, um sich ganz ihrer Arbeit zu widmen. Dort kann sie ohne Ablenkung eigene Ideen umsetzen und Auftragsarbeiten erledigen. Sie malt Alltagsszenen, idyllische Landschaften oder Schiffskräne in maritimer Kulisse – Bilder, welche die Firma Liebherr an ihre Kunden verschenkt – sowie Stillleben für Hotelzimmer. Denn Maria Gabriel hat inzwischen Stammkunden, welche ihre Kunstfertigkeit und Flexibilität zu schätzen wissen.

Mit besonderer Liebe organisiert die umtriebige Künstlerin Malreisen, bei denen sie mit einer kleinen Gruppe Malbegeisterter an ganz besonderen Orten eincheckt. In der Locanda Rosa Rosae in der Nähe von Venedig, im Burghotel Lech, im Quellenhof in Leutasch, im Hotel Post im Lechtal, in einem ehemaligen Kloster oder im Vier-Sterne-Hotel am Lago Maggiore vereinen sich Kunst, „Dolce vita”, Wellness und inspirierende Natur. Der Vormittag wird stets dem Malen gewidmet, während sich die Teilnehmer den Rest des Tages verwöhnen lassen, die Umgebung erkunden oder einfach entspannen. „Du kommst verändert zurück”, schwärmt Maria Gabriel von der ganz besonderen Energie, welche die kreative Reisetruppe innerhalb kurzer Zeit zusammenschweißt. Manch einer krempelt nach der Heimkehr sein Leben komplett um. Maria Gabriel freut sich, dass sie meist eine Warteliste führen muss, sobald die Malreise-Termine fixiert sind. Auch heuer hatten ihre Stammkunden die Koffer rasch wieder gepackt, als die Grenzen nach dem „Corona-Shutdown” wieder geöffnet wurden. Obwohl sie als Reiseleiterin Verantwortung trägt, genießt Maria Gabriel diese kreativen Reisen ganz besonders. Schließlich führt sie ihre Schützlinge zu ihren ganz speziellen Lieblingsplätzen.

Ihr persönlicher Kraftort liegt aber mitten in Nenzing. Doch Maria Gabriel hat kein Problem damit, diesen mit anderen zu teilen: Immer wieder vermietet sie ihr Atelier an Menschen, die für ihre Hochzeitsgesellschaft, einen runden Geburtstag oder ein Seminar ein ganz besonderes Ambiente – inklusive gut gefülltem Weinkeller – suchen. 

Maria Gabriel ist davon überzeugt, dass kreatives Tun sich in vielerlei Hinsicht positiv auf Menschen auswirkt. Deshalb hat sie vor einigen Jahren auch eine Ausbildung zur multimedialen Kunsttherapeutin absolviert. Vor allem, wenn sich ein Team neu finden soll, sich Aufgaben und Ziele verändern oder besondere Herausforderungen anstehen, nutzen Institutionen und Firmen gerne ihre Hilfestellung zur kreativen Teamentwicklung. „Menschen denken und fühlen in Bildern und Symbolen”, erklärt Maria Gabriel ihren Ansatz. Beim Malen können sie Erlebtes neu einordnen, vorhandene Verhaltensmuster auflösen und Kollegen von einer ganz anderen Seite kennenlernen. 

Mit vielfältigen Ideen, Menschenkenntnis und einer offenen Herangehensweise hat Maria Gabriel es nicht nur geschafft, sich selbst zu verwirklichen, sondern auch von dem zu leben, was sie zutiefst begeistert. „Mich reut nur, dass ich es nicht schon früher versucht habe”, strahlt die 54-Jährige.