„Man kann auch radikal Rasenmähen”

„Wie ist es, wenn  man gegen Widerstände ankämpft?” – Die Säulen der alten Klarbrunn-Spinnerei in Bludenz boten ein breites Erfahrungsfeld. Im Rahmen des Theaterprojektes „Radikal!” tanzten Jugendliche dort gegen Extremismus an.

Tanzen gegen Radikalisierung

Philomena Juen, Schülerin Borg Bludenz: „Jugendliche werden nicht so ernst genommen, wenn es um ernste Themen geht. Aber Radikalisierung betrifft jeden. Das Stück sagt das alles.”

 

 

Laura HanserSchülerin HAK Bludenz: „Meine Mutter ist Kolumbianerin. Deshalb werde ich manchmal gehänselt – wegen Pablo Escobar und so. Die Leute sollen aufhören zu sagen, ihr seid alle so. Hitler kam aus Österreich. Deswegen kann man ja auch nicht sagen, alle sind so.”

 

Hamza Ahmadiausserord. Schüler BG Bludenz: „Ich komme aus Afghanistan, lebe seit zwei Jahren in Österreich und möchte hier bleiben. Zurzeit besuche ich die 7. Klasse des Gymnasiums als außerordentlicher Schüler, muss also keine Prüfungen ablegen. Nächstes Jahr wechsle ich in die HAK. Mir geht es gut mit dem Stück. Ich habe voll nette Leute kennengelernt. Das Tanzen gefällt mir besonders.”

„Dahinter steckt Wut. Das ist kein Spaziergang.” In der alten Fabrikshalle in der Klarenbrunnstraße hat sich eine Handvoll Jugendliche ganz in ihre Rollen eingelebt. Mitte Mai begeisterten sie in fünf Vorstellungen mit dem Stück „Radikal!” des jungen deutsch-türkischen Autors Marcel P. Hintner. Theaterpädagogin Brigitte Walk hatte ihnen im Vorfeld einiges abverlangt. Ausgangspunkt des Projektes war die wahre Geschichte von zwei Mädchen, die in den Jihad zogen. In der Schreibwerkstatt am Gymnasium Bludenz gingen die Jugendlichen den Beweggründen der Protagonistinnen nach, deckten im letzten halben Jahr aber auch ganz alltäglichen Rassismus und extreme Tendenzen auf. „Man kann auch radikal Rasenmähen”, haben sie dabei erkannt und „Rassismus ist oft als Witz getarnt”. Marcel P. Hintner hat die Impulse der Jugendlichen aufgegriffen. Herausgekommen sind dabei Textzeilen wie „Es gibt Menschen, ich weiß nicht was die im Kopf haben. Aber die denken nur an Vorurteile, nur Klischees im Kopf. Jugendliche trinken nur Alkohol, Schüler machen eh nix, Lehrer haben eh immer Ferien, Flüchtlinge bekommen alles geschenkt und Politiker arbeiten nicht.”

Das Obergeschoss des neuen Domizils des erfolgreichen Zirben-Tischlers Christian Leidinger (Fa. Koje) bot der Aufregung genügend Raum – und auch Platz für Experimente. Brigitte Walk und Choreografin Anne Thaeter ließen die Jugendlichen gewähren, eigene Bewegungen ausprobieren und bauten spontane Ideen in die Tänze ein. Entsprechend authentisch kam die Botschaft rüber. „Anfangs stand das Tanzen und Theaterspielen im Vordergrund, doch dann wurde das Thema immer wichtiger”, berichten die Jugendlichen von einer Entwicklung, die wohl immer noch nicht abgeschlossen ist.

Brigitte Walk, Theaterpädagogin
Brigitte Walk, Theaterpädagogin

Brigitte Walk, Theaterpädagogin: „Die Jugendlichen haben sich im Vorfeld damit beschäftigt, warum sich zwei junge Mädchen dem IS anschließen, aber auch ganz normalen Alltags-Radikalismus aufgespürt. Marcel P. Hintner hat diese Impulse in ein frisches, freches Stück gepackt.”

Wenn Jugendliche in den Osterferien freiwillig Texte lernen, früh aufstehen und pünktlich zur Probe erscheinen, muss es auch Spaß machen.

 


Fotos: TM-Hechenberger

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