Um das rund 1200 Jahre alte St. Martinskirchle auf der Anhöhe von Ludesch ranken sich Sagen und Mythen. Was kaum jemand weiß: Es beherbergt auch eine seltene Fledermausart: „Kleine Hufeisennasen” nutzen das Dachgebälk als Kinderstube.
FOTOS: GERALD SUTTER

Der freiberufliche Biologe mit verschiedensten Schwerpunkten widmet sich besonders dem
Naturschutz.
Fledermäuse genießen hierzulande nicht unbedingt den besten Ruf. Als nachtaktive Wesen kommen sie häufig in Gruselgeschichten vor und sind als Vampire verschrien. Lange Zeit versuchten die Menschen, sie aus ihren Gebäuden auszusperren. „Das hat sich glücklicherweise geändert“, erklärt der Schlinser Biologe Mag. Georg Amann. Er freut sich, dass die Fledermaus-Populationen im Land wieder deutlich stärker geworden sind, nachdem sie in den 1950er-Jahren fast ausgerottet worden waren. Diesen Umstand führt er auf den Verbot des Insektizides DDT zurück, welches über die Nahrungskette vielen Vögeln und eben auch den Fledermäusen schadete. Außerdem hat sich das Bewusstsein der Menschen gegenüber der Natur verändert. Bei Renovierungen und Umbauten an älteren, oft denkmalgeschützten Gebäuden, werden die Naturschützer inzwischen informiert. Man achtet darauf, die empfindlichen Tiere nicht allzu sehr zu stören. Auch Astrid Keckeis, welche den Schlüssel der St. Martinskirche in Ludesch hütet, freut sich über die geflügelten Bewohner des Gotteshauses. Fasziniert betrachtet sie die Bilder, welche der allerhand!-Fotograf in luftigen Höhen im düsteren Dachgebälk einfangen konnte und lauscht den Tönen, welche Georg Amann über seinen Fledermausdetektor empfängt.
Das menschliche Ohr reagiert nicht auf die Ortungsrufe des geflügelten Säugetiers. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Denn Fledermäuse orientieren sich anhand von Ultraschalllauten, die eine Lautstärke von bis zu 120 Dezibel erreichen – was in etwa des Lärms entspricht, den ein Presslufthammer erzeugt. Die Kleine Hufeisennase stößt sogar extrem hohe Töne mit einer Frequenz von 110 Kilohertz – also 110.000 Schwingungen in der Sekunde – aus.

Man weiß wenig darüber, wie die heimischen Fledermäuse die kalte Jahreszeit verbringen, da sie sich zum Winterschlaf in Felsspalten und Höhlen verkriechen. Umso glücklicher sind Naturinteressierte über die „Wochenstuben“, in denen sich Fledermausmütter im Frühling einfinden, um ihre Jungen zu gebären und aufzuziehen. „Wir kennen mehrere Quartiere der Kleinen Hufeisennase, vor allem im Bregenzerwald“, erklärt Mag. Amann. Die größte Wochenstube in der Region mit einer Belegung von aktuell rund 570 Tieren befindet sich in St. Gerold. „Von dort ausgehend sind vermutlich die St. Martinskirche in Ludesch und die Kirche in Thüringerberg besiedelt worden, wahrscheinlich hat sich diese Fledermausart zusätzlich noch in einigen Privathäusern einquartiert.“ Der Biologe kommt gerne nach Ludesch, um zu beobachten, wie die rund 35 Tiere bei einfallender Dunkelheit am Ausflugsloch direkt unter dem Dach immer wieder prüfen, ob es schon dunkel genug ist für den Beutezug. Wenn es losgeht, fliegen sie entlang vorhandener Strukturen, folgen der Kirchenfassade, um dann schnurstracks den Mühlewald anzusteuern, wo sie reiche Beute erwarten. Offenes Gelände meidet die Kleine Hufeisennase. Die Jungen gehen schon nach wenigen Tagen ebenfalls selbstständig auf die Jagd.
Im Walgau gibt es noch weitere seltene Fledermaus-Arten. Harald Mark kümmert sich beispielsweise um eine Kolonie Breitflügel-Fledermäuse, die sich auf dem Dachboden des Nenzinger Polizeipostens eingenistet hat. Ein paar Exemplare des stark gefährdeten Grauen Langohrs hat Georg Amann im Dachgebälk der Bludescher Kirche geortet und das Große Mausohr fühlt sich in den Pfarrkirchen von Ludesch und Thüringen wohl.
Wer die heimischen Fledermauspopulationen schützen möchte, sorgt ums Haus für eine abwechslungsreiche Vegetation, versiegelt möglichst wenig Boden und verlegt Bauarbeiten in Quartiersgebäuden möglichst in den Winter. Georg Amann und seine Kollegen beraten gerne.
Kleine Hufeisennase
(Rhinolophus hipposideros)
Die Kleine Hufeisennase wird nur etwa vier Zentimeter groß, die Spannweite ihrer Flügel – eigentlich sind es verlängerte Fingerknochen, die durch Haut verbunden sind – beträgt 25 Zentimeter. Diese Art jagt erst bei völliger Dunkelheit nach Käfern, Fliegen und Nachtfaltern. Weltweit gibt es 1500 Fledermausarten, von denen 22 in Vorarlberg heimisch sind.
















