Auf der Suche nach dem künstlerischen Ausdruck

Mit viel Hingabe hat sich Kurt Bonner über Jahrzehnte hinweg in seiner Freizeit der Ikonenmalerei gewidmet. Seit gut einem Jahr begeistert sich der Thüringer zunehmend für andere künstlerische Stilmittel und freut sich über „Lockdownbilder” mit ganz neuen Motiven.

FOTOS: TM-HECHENBERGER

Ikonen gelten in der orthodoxen Kirche als Fenster in die geistliche Welt. Die Darstellungen von Heiligen und Szenen aus Christi Leben sind mit viel Blattgold, gedämpften Farben und klar vorgegebener Malweise umgesetzt. Ihre Herstellung ist nichts für Experimentierfreudige. Denn die Heiligenbilder unterliegen strengen Vorgaben. Sowohl die Motivauswahl, die Farben und auch die handwerkliche Umsetzung orientieren sich an bestehenden, meist sehr alten Vorbildern, die immer wieder kopiert werden. Die Ei-Tempera-Farben werden nach traditionellen Rezepten gemischt.

Die Fälscher an der Theke

Von all dem wusste Kurt Bonner wenig, als er im Alter von 21 Jahren als Ikonenmaler anheuerte. Seine Schwester hatte ihn empfohlen, als der Wirt des Bludenzer Gasthauses Wirnsperger nach künstlerisch Begabten suchte, um eine Geschäftsidee umzusetzen. Roman Wirnsperger hatte von einem Gast aus Spanien gelernt, wie man Bilder auf alt trimmt. Dieses Wissen wollte er nun nutzen, um die große Nachfrage nach Ikonen zu befriedigen. 

Kurt Bonner hatte immer schon viel gezeichnet und gemalt. „Meine Eltern besaßen ein Papier- und Lederwarengeschäft in Bludenz”, erzählt er. Diesem Umstand hatte er es zu verdanken, dass er in seiner Kindheit mit Malutensilien immer gut versorgt war. So war es denn für ihn auch kein Problem, die bestellten Motive umzusetzen. Er lernte rasch, die Holztafeln mit sieben bis zehn verschiedenen Schichten aus Kreide und Knochenleim vorzubereiten, zuerst die dunklen Flächen des Motivs anzulegen, um dann zunehmend hellere Töne aufzubringen. Auch das Vergolden verschiedener Elemente, das charakteristisch ist für die meisten Ikonen, meisterte er bald mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Für den letzten Schliff der Werke war Roman Wirnsperger zuständig. Der wusste schließlich, was man anstellen musste, damit die Ikonen so schön alt aussahen, wie es die Kunden wünschten, und hütete dieses Geheimnis sorgsam. Mit dieser Geschäftstätigkeit gelangte die Bludenzer Wirtshausrunde sogar überregional in die Medien. „Die Zeitschrift ,Bunte’ titelte damals: Die Fälscher an der Theke”, lacht Kurt Bonner. 

Jede Ikone hat eine Geschichte und wird von den Anhängern der orthodoxen Kirche verehrt. Die „Ikonenschreiber” genannten Maler müssen sich detailgetreu an alte Vorlagen halten.

Er selbst hatte aber nach rund eineinhalb Jahren genug von der Ikonen-Produktion, die wie am Fließband organisiert war. Erst 16 Jahre später, als er mit seiner Familie ins neu errichtete Heim in Thüringen einzog, erwachte das Interesse erneut. Er wünschte sich eine Ikone für die eigenen vier Wände. Diesmal beschäftigte sich der Kreative aber eingehend mit der Geschichte, den unterschiedlichen Mal-Traditionen und der versteckten Symbolik in diesen Heiligenbildern und war zunehmend fasziniert. Der gelernte Autoelektrikermeister verkroch sich bald jede freie Minute seiner Freizeit in sein kleines Atelier, um hingebungsvoll ein Motiv nach dem anderen nach allen Regeln der Kunst umzusetzen. Nach einigem Experimentieren hatte er es heraus, selbst das begehrte Krakelee zu erzeugen, welches sich Kenner von einer „alten” Ikone erhoffen. Die kunstvoll verzierten Rahmen produzierte er ebenfalls selbst. Über Vermittlung des Bludenzer Psychotherapeuten Dr. Wilhelm Schmutzhard ging er außerdem am Heiligen Berg Athos in die „Lehre”. Pater Gregorius weihte ihn im schummrigen Licht einer Karbidlampe in die Feinheiten der byzantinischen Ikonen-Tradition ein. Rund 60 Stunden konzentrierter Arbeit stecken etwa in einem „Abendmahl”, das Kurt Bonner detailgetreu umsetzte. 

Künstlerische Freiheit

Der Thüringer hat in seinem Leben wohl bereits an die 250 kunstvolle Ikonen gemalt, von denen er einige bei Ausstellungen, Kunstmessen oder anderen Gelegenheiten verkaufte und verschenkte. Angesichts der Vielzahl, die sich trotzdem im Laufe der Jahrzehnte in seinem Heim ansammelte, befand er nun aber, dass es genug war. Kurt Bonner nahm den Corona-Lockdown zum Anlass, nach neuen kreativen Herausforderungen zu suchen. Inspiration fand er im Internet. Kurt Bonner begeistert sich etwa für die Werke der US-Amerikaner John Lautermilch und Jess Franks. Er studierte deren Stil eingehend, malte, übermalte und experimentierte erneut.

Über venezianische Masken und Blumenbilder landete der Autodidakt in Windeseile bei abstrakteren Werken, fand zunehmend Gefallen daran, sich mit Farbe und Pinsel auszudrücken, ohne konkret ein Motiv vor Augen zu haben. Aktuell greift er am liebsten zu leuchtenden Acryl-Tönen, mit denen er großflächige Leinwände füllt. „Ich hätte viel früher damit anfangen sollen, dann wäre ich heute viel weiter”, seufzt der 75-Jährige. Doch er wird dranbleiben. Sein Lager ist im Laufe des letzten Jahres um fast 80 Bilder angewachsen…

Kurt Bonner genießt die neu entdeckten Stilmittel und experimentiert mit unterschiedlichsten Motiven.