Dorfrundgang ins Bunte

Göfis trumpft auf – nicht mit monumentalen Gebäuden oder Prachtalleen, sondern mit blühenden Wegrändern, Streuobstwiesen, „wilden Ecken” und viel ehrenamtlichem Engagement.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, GEMEINDE GÖFIS, PRIVAT

Wenn es um Raumplanung geht, stehen meist Gebäude und mögliche Bauflächen im Fokus. Nicht so in Göfis. „Durch die Notwendigkeit der verdichteten Bauweise mit Mehrfamilien-Wohnhäusern wird es immer wichtiger, auch innerhalb des Siedlungsraumes sinnvolle Freiflächen zu schaffen und vor allem auch zu sichern.” – Bürgermeister Thomas Lampert steht voll und ganz hinter dem Projekt „Schauplatz Göfis”, das bereits unter seinem Vorgänger vor mehr als zehn Jahren seinen Anfang nahm. 

Bei einem Ausflug ins Liechtensteinische Gamprin hatte Dr. Helmut Sonderegger, Naturfreund und pensionierter Musikprofessor, die „Grossabündt” besichtigt. Er war beeindruckt davon, wie dort den Besuchern die verschiedenen Lebensräume – von der Wildhecke über Magerwiese und Obstgarten bis hin zum Totholz-Areal – und ihre Bewohner auf Schautafeln sehr lebendig nahegebracht werden. Als eingefleischter Göfner wusste er natürlich, dass es in seinem Heimatort unverbaute Flächen gab, die sich für ein ähnliches Projekt eignen würden. Mit Gemeindesekretär Rudi Malin, seinem Bruder Bertram Sonderegger, Mitgliedern des Obst- und Gartenbauvereins und des Umweltausschusses der Gemeinde fand er rasch Verbündete – und setzte einen Schneeballeffekt in Gang. 

„Wir haben immer neue Flächen entdeckt, die sich für die Umsetzung eignen”, schildert Helmut Sonderegger. Göfis ist nämlich in der glücklichen Lage, dass sich rund um das Gemeindeamt, die Sebastianskapelle und die Pfarrkirche eine Vielzahl an kleineren und größeren Grundstücken im Besitz der Gemeinde und der Pfarre befinden und – obwohl zum Teil als Bauflächen gewidmet – ungenutzt sind. Gemeinsam mit den anderen Engagierten setzte Helmut Sonderegger einen Baustein nach dem anderen um. Da wurden anfangs Obstbäume gepflanzt, die Volksschüler zum „Mosten” eingeladen, Trockenmauern errichtet, Wiesenblumen angesiedelt und in der Folge sogar Asphaltflächen aufgerissen und Parkplätze verlegt. 

Innerhalb von zehn Jahren sind so im Ortszentrum verschiedenste Naturräume entstanden, die unzähligen (Kleinst-)Lebewesen Unterschlupf sowie den Menschen Naturgenuss und Wissen bieten. Schautafeln halten interessante Informationen bereit und laden dazu ein, sich weiter mit den Biotopen und ihren Bewohnern zu beschäftigen. Vergangenen Herbst fand die damit einhergehende Neugestaltung des Ortszentrums ihr vorläufiges Ende. Die Naturflächen werden aber weiterhin von den Ehrenamtlichen sowie den Mitarbeitern des Bauhofes fürsorglich betreut.

Das Ziel lautet Vielfalt

Dr. Helmut Sonderegger freut sich sehr über die Vielfalt, die in seinem Heimatdorf Einzug gehalten hat.

„Gehen wir ins Bunte.” Helmut Sonderegger legt Wert auf diese Formulierung, wenn er zum Rundgang einlädt. Der Ideengeber und „Chef-Umsetzer” hält nämlich nichts von grünen Einöden. Ihm geht es um die Vielfalt, die nur dann Einzug hält, wenn der Mensch sich mit „Pflegemaßnahmen” zurückhält. Am „Schauplatz Obst und Garten” sind zehn Standorte jeweils einem Thema gewidmet. So erfährt man etwa unmittelbar hinter der Sebastianskapelle, dass in Österreich knapp 700 Wildbienenarten beheimatet sind und achtzig Prozent der heimischen Wild- und Kulturpflanzen auf deren Bestäubungs-Flüge angewiesen sind. Auf den entsprechenden Grundstücken wurden Pflanzen angesiedelt, die insbesondere für diese Insekten vielfältige Nahrung bereithalten. Entsprechend  reger Flugbetrieb ist dort zu beobachten. Für den Blühstreifen, der die Wildbienen anlockt, musste der Boden zuvor abgemagert werden, indem unter anderem Kies eingebracht wurde. Eine bestehende Streuobstwiese hinter dem Arzthaus stand bei diesem Projekt ebenfalls im Fokus. „Ein paar alte Obstbäume mussten entfernt werden”, erklärt Helmut Sonderegger. „Dafür wurden aber weitere Hochstamm-Obstbäume gepflanzt.” Den Projektbeteiligten war es wichtig, alte, an das Klima bestens angepasste Apfel- und Birnensorten anzusiedeln, deren Früchte mit einem ausgewogenen Zucker- und Säureverhältnis zu einem ausgezeichneten Süßmost verarbeitet werden können. 

77 Obstbäume im Zentrum

Im Projektzeitraum wurden auf den Flächen von „Schauplatz Obst und Garten” insgesamt 31 Apfel- und sieben Birnenbäume gepflanzt. Mit dem Altbestand findet man nun insgesamt 57 Apfel-, 15 Birnen- und drei Zwetschkenbäume sowie einen Kirsch- und einen Nussbaum auf diesen öffentlich zugänglichen Flächen im Zentrum. Und damit die Göfner diese Vielfalt auch entspannt beobachten können, wurden auf den verschiedenen Grundstücken mehrere Sitzbänke neu aufgestellt. Außerdem haben die Engagierten Natursteinmauern in Trockenbauweise errichtet, welche Reptilien begehrten Unterschlupf bieten, Wildhecken angelegt, die unter anderem den Speiseplan von Vögeln und Insekten bereichern, Nisthilfen für Insekten gebaut, Schmetterlingswiesen gesät, aber auch Sand und Steine aufgehäuft und Totholz in der Landschaft deponiert, weil Steinhaufen Reptilien Unterschlupf bieten und ein Drittel aller im Wald lebenden Pflanzen-, Pilz- und Tierarten abgestorbene Bäume zum Überleben benötigen. 

Beim Pfarrhaus packten die Drittklässler der Volksschule begeistert mit an, um jeweils ein eigenes Stück Garten mit Kartoffeln und Kürbis zu bepflanzen. Sobald die Ferien vorüber sind, wird gemeinsam geerntet. Aber auch der Gemeinschaftsgarten hinter dem Friedhof wird mit viel Eifer bepflanzt. Was dort wächst, ist ganz den Vorlieben der acht Mieter vorbehalten. Sie müssen sich nur an eine Regel halten: Im Gemeinschaftsgarten haben chemisch-synthetische Dünger, Pestizide und Torf nichts verloren.

Eine Hangfläche unterhalb der Pfarrkirche haben die Naturliebhaber dem Weinbau gewidmet. Mit der Pflege von sieben verschiedenen Tafel-Trauben, welche die Spaziergänger gerne probieren dürfen, sowie einem Rankgerüst mit Blauburgunder wollen die Ehrenamtlichen darauf aufmerksam machen, dass der Weinbau in Göfis eine lange Tradition hat. So sind für den Anfang des 19. Jahrhunderts 16 Hektar Rebflächen und 17 Weinpressen im Ort dokumentiert. Missernten und die Reblaus setzten dem Weinbau in der Region Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ende. Erst 1995 wurde in Göfis wieder ein Weingarten angelegt. Aktuell pflegen neun Winzer insgesamt zehn Weingärten mit einer Gesamtfläche von 1,2 Hektar. 

Alle Göfner und Besucher haben nicht nur die Möglichkeit, ihr Naturwissen beim Rundgang durchs Dorf zu erweitern, indem sie die Schautafeln bei den einzelnen Biotopen studieren. Die Informationen wurden zudem in einer Broschüre aufbereitet, welche die Gemeinde an alle Haushalte versandt hat. „Das Bewusstsein für den Wert einer vielfältigen Landschaft hat sich sicherlich verbessert”, freut sich Helmut Sonderegger. So kommen etwa auch von den Mitarbeitern des Gemeindebauhofs immer wieder Anregungen, wo Blühstreifen erweitert werden könnten. Seit sie festgestellt haben, dass sich die Ochsenzunge von selbst auf der Wiese neben der Volksschule angesiedelt  hat, wird das Blümchen beim Mähen sorgsam ausgespart. Das Fachwissen, wie etwa ein gepflegter Rasen in eine Blumenwiese verwandelt, wie Natur-Erholungsräume konzipiert oder eine Natursteinmauer konstruiert wird, haben sich die Engagierten von „Schauplatz Obst und Garten” bei Kursen und Infoveranstaltungen der Bodenseeakademie, bei Naturgärtnern, der Vielfalter-Aktion des Landes oder des Naturschutzbundes angeeignet. „Insgesamt sind weit über 10.000 Ehrenamts-Stunden in dieses Projekt geflossen”, weiß Helmut Sonderegger. Doch wenn er beobachtet, wie sich die Biotope im Ort im Laufe der Jahreszeiten verändern und das Bewusstsein für die Vielfalt Kreise zieht, weiß er, dass sich der Einsatz gelohnt hat.  

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