Falkenhorst – Vom Mythos zur Begegnungsstätte

Seit gut 180 Jahren thront die Villa Falkenhorst auf einem Hügel oberhalb von Thüringen. Ihre Bewohner haben die Geschichte der ganzen Region geprägt. Von Beginn an waren die Villa und der angrenzende Park ein Ort der Wissenschaft und der Kultur. Dieser Tradition fühlten sich  die Thüringer Gemeindeverantwortlichen verpflichtet, als sie das schmucke Anwesen vor zwanzig Jahren erwarben. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Villa Falkenhorst zum Schauplatz unterschiedlichster Events entwickelt, welche Kulturinteressierte, Wissensdurstige und Heiratswillige aus dem ganzen Land in den Walgau locken.

FOTOS: VEREIN VILLA FALKENHORST, FAM. DITTRICH, HELMUT GERSTER, TM-HECHENBERGER

„Die Villa war für uns Thüringer immer ein Mythos. Da durfte man nicht hinein, das Leben dort war ganz anders als daheim.” Alt-Bürgermeister Helmut Gerster kann sich gut daran erinnern, dass er als Kind durch den Zaun in den Park spähte, um einen Blick in diese andere Welt zu erhaschen. Man erzählte sich aufgeregt, dass Familie Dittrich auf dem eigenen Tennisplatz im Park sportelte, die Kinder im Teich schwimmen lernten, Bedienstete bei der Hausarbeit halfen.

1837 ließen Jane und John Douglass die Villa Falkenhorst erbauen.

Helga Färber-Dittrich kennt die Details hinter den Kulissen. Ihr Großvater Rudolf Kastner erwarb im Mai 1909 die Thüringer Textilfabrik. Im Herbst desselben Jahres heiratete der Wiener Jung-Fabrikant Stefanie Münzberg und zog mit seiner Frau in die Villa Falkenhorst ein, welche die schottischen Gründer der Fabrik einst nach dem Vorbild eines britischen Herrenhauses erbaut hatten. 

Helga Färber-Dittrich ist das viertjüngste Kind von Gladys,  der Tochter von Rudolf und Stefanie Kastner. Sie wurde 1945 im ersten Stockwerk der Villa geboren – dort, wo sie heute ihre Küche eingerichtet hat. „Ich lebe hier in einer Galerie”, lacht die begeisterte Malerin. In ihrer Wohnung stapeln sich Gemälde mit unterschiedlichsten Motiven. Selbstverständlich hat sie auch ihr Geburtshaus auf die Leinwand gebannt. Helga Färber-Dittrich wuchs mit vier Brüdern in der Villa Falkenhorst auf. Als Tochter des Fabriksbesitzers war sie sich der besonderen Stellung ihrer Familie bewusst, besuchte aber – ebenso wie ihre Geschwister – die örtliche Volksschule und später das Gymnasium in Bludenz. Natürlich lud sie auch Freunde nach Hause ein, aber alles folgte strengen Regeln. So war es den Kindern untersagt, den Salon zu betreten. Der wurde nur für Festlichkeiten genutzt. Bereits im Alter von 16 Jahren übersiedelte die Jugendliche nach Wien, um dort die Textilschule zu besuchen und Modedesign zu studieren. Vor ihrer Heirat arbeitete sie noch einige Zeit bei der Firma Getzner in Bürs, danach verbrachte sie viele Jahre lang nur mehr die Ferien in Vorarlberg. Nach dem Tod der Mutter 1995 beschlossen die fünf Geschwister, die Villa zu verkaufen.

„Ich war seit 1980 Bürgermeister von Thüringen”, schildert Helmut Gerster die Geschehnisse. Ihm war immer bewusst, dass die Gemeinde die Villa Falkenhorst erhalten sollte. „Sie ist nicht nur ein Stück Dorfgeschichte, ihre Bewohner setzten Impulse, die ins ganze Land ausstrahlten.” So spielte die Familie Douglass etwa bei der Gründung der evangelischen Kirche im Land eine gewichtige Rolle. Der erste Pastor wurde 1861 in die Villa Falkenhorst zitiert, um eine Probepredigt zu halten. John Sholto Douglass, der Sohn des Fabriksgründers John Douglass, war ein begeisterter Naturkundler und Alpinist. Er hat den deutsch-österreichischen Alpenverein mitbegründet. Die erste Schutzhütte am Lünersee ist nach ihm benannt. In der inatura in Dornbirn sind außerdem Fossilien – unter anderem eindrucksvolle Mammutzähne – zu bewundern, welche der Naturfreund auf seinen Ausflügen entdeckte.

Außerdem interessierte sich John Sholto Douglass für Geschichte und engagierte sich gemeinsam mit seinem Schwiegervater für die Gründung des Landesmuseumsvereins. Sein jüngster Sohn Norman machte sich als Schriftsteller weltweit einen Namen. John Sholtos Frau Wanda (geborene Baronin von Poellnitz) soll im Salon regelmäßig musiziert haben. Nach dem frühen Tod ihres ersten Mannes heiratete sie – zum Entsetzen der adeligen Verwandten – den Vorarlberger Landschaftsmaler Jakob Jehly. Deren gemeinsame Tochter Grete Gulbransson war als Schriftstellerin und Heimatdichterin Teil eines literarischen Kreises in München. 

Für den damaligen Bürgermeister Helmut Gerster gab es also gute Gründe, die Villa in Gemeindebesitz zu bringen. Doch was tun damit? „Wäre sie im Zentrum gelegen, hätte man sie vermutlich zum Gemeindeamt umgebaut”, erinnert sich Gerster. „Aber sie liegt ja da oben am Hügel!” Der Ankauf wurde in der Gemeindevertretung hitzig diskutiert. Doch schlussendlich wechselte das Prunkstück 1998 um 13 Millionen Schilling (gut eine Million Euro) den Besitzer. Der Leiter des Vorarlberg Museums, Dr. Andreas Rudigier, sowie dessen Vorgänger Dr. Helmut Swozilek, Musiker Eugen Bertel, Architekt Mag. Helmut Kuess, Altlandeshauptmann Dr. Martin Purtscher, Dr. Bernd Konzett, Dr. Wilhelm Meusburger und andere Kulturinteressierte brachten sich auf Einladung der Gemeindeverantwortlichen bei der Erarbeitung eines umfangreichen Nutzungskonzepts engagiert ein. Um ein vielseitiges Kulturangebot zu ermöglichen, wurde das Gebäude mit einem Aufwand von noch einmal gut einer Million Euro umgebaut und saniert, der Keller zum Ausstellungsraum und der Dachboden zum Veranstaltungssaal adaptiert. „Ein Riesenaufwand für eine kleine Gemeinde”, ist Altbürgermeister Helmut Gerster froh, dass sich trotz der hohen Kosten genügend Unterstützer fanden. Denn heute sind die Thüringer stolz auf „ihre” Villa oben am Hügel. 

Jetzt stehen die Tore weit offen – und bieten jedermann die Gelegenheit, renommierte Künstler, Autoren und Musiker kennenzulernen. Wissenschaftler aus der ganzen Welt tauschen sich regelmäßig beim „Douglass-Symposium” aus, bei dem vor allem die Werke von Norman Douglass im Mittelpunkt des Interesses stehen. Menschen mit unterschiedlichsten Interessen kommen vor allem wegen der einzigartigen Atmosphäre immer wieder. Wenn Pianisten im Dachgeschoss am Bösendorfer Platz nehmen, informiert man sie gerne über die Geschichte des Konzertflügels. Denn in den Anfängen des Kulturbetriebs auf Falkenhorst wurde jeweils ein Klavier angemietet. Dieses musste mit größter Sorgfalt über die steile Treppe nach oben gehievt werden. Anni Hohenwarter, eine ehemalige Angestellte der Familie Dittrich, versäumte damals kein Konzert. Als unmittelbare Nachbarin und „guter Geist” des Hauses war ihr der mühsame An- und Abtransport des Flügels nicht entgangen. „Eines Abends sagte sie zu mir: Lasst den Flügel oben, den bezahle ich”, erinnert sich Helmut Gerster noch genau, wie perplex er damals war. Er war sich sicher, dass die Frau die Kosten für einen Konzertflügel deutlich unterschätzte. Doch die gebürtige Kärntnerin beharrte und versicherte immer wieder: „Ich habe genügend Geld.” Und tatsächlich plünderte die ehemalige Fabriksarbeiterin ihr Sparbuch und erstand um 700.000 Schilling (rund 50.000 Euro) besagten Bösendorfer, der nach ihrem Tod vor zwei Jahren endgültig in den Besitz der Gemeinde Thüringen überging. 

Als eine der ersten Künstlerinnen präsentierte Helga Färber-Dittrich ihre Werke in der Galerie im Kellergeschoss. Sie hatte sich in Wien intensiv mit verschiedensten Techniken auseinandergesetzt und malt immer noch jeden Tag. Mit Begeisterung bannt sie eigene Eindrücke und Ideen auf die Leinwand. Außerdem fertigt sie Kopien von Bildern anderer Künstler, die sie bewundert. Ihre ehemalige Zweitwohnung im Obergeschoss der Villa Falkenhorst ist inzwischen zum Fixpunkt ihres Lebens geworden. Helga Färber-Dittrich genießt es, wenn sich der Park mit Menschen füllt, sich namhafte Künstler die Klinke in die Hand geben, wenn im Saal über ihr Musik erklingt und Gelehrte ihr Wissen weitergeben. 

Brautpaare schätzen das besondere Ambiente im Salon und im weitläufigen Park ebenso. „Wir sind eine Außenstelle des Thüringer Standesamtes”, erklärt Falkenhorst-Geschäftsführerin Verena Burtscher. Dreißig bis vierzig Paare geben sich alljährlich auf Falkenhorst das Jawort. Verena Burtscher hatte in den letzten Wochen alle Hände voll zu tun. Denn Hochzeiten haben im Frühling nun mal Tradition. Pläne mussten geändert, Ersatztermine gefunden werden. Der Coronavirus hat auf Falkenhorst September und Oktober zu Hochzeits-Monaten befördert. Im Herbst werden aber auch die meisten jener Künstler anreisen, die eigentlich dieser Tage das Jubiläumsjahr einläuten sollten. „Wir konnten fast alle Veranstaltungen auf andere Termine verlegen”, verspricht der Obmann des Trägervereins Villa Falkenhorst, Thomas Bitsche, all jenen, die sich den „Frühling auf Falkenhorst” bereits im Kalender notiert hatten. Nur das große Spielefest am 28. Mai wird heuer ins Wasser fallen, obwohl am Weltspieletag heuer erstmals auch bei Schlechtwetter ein Alternativ-Programm geplant war. 

In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Bludenz wollten die Verantwortlichen der Villa Falkenhorst im April außerdem mit einer Reihe an „Salonvorträgen” starten – einem Bildungsprogramm, das Interessierten jeweils einmal im Monat an einem Vormittag interessante Einblicke in verschiedenste Wissensgebiete eröffnet. Kompetente Referenten beleuchten etwa die Geschichte der Vereinten Nationen, die Rolle der Popularmusik in gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen oder Beethovens Kreativprozess. Der erste Termin ist nun im September geplant. 

„Musik am Nachmittag” bietet ein weiteres noch relativ junges Format in der Thüringer Kulturstätte. Die Besucher erwartet nicht nur Musikgenuss vom Feinsten. Sie werden zudem mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Mit Jugend-Kreativtagen und Theaterworkshops in den Sommerferien wollen die Verantwortlichen bereits ein sehr junges Publikum für kulturellen Input begeistern. 

Getragen wird das breit gefächerte Programm aber von einem treuen Stammpublikum aus dem ganzen Land. „Das Interesse ist ungebrochen”, freut sich Thomas Bitsche, dass ständig mehr Menschen den Kulturbetrieb als Mitglieder des Vereins Villa Falkenhorst unterstützen. Im Vorstand hat sich seit der Gründung vor 15 Jahren hingegen nur wenig verändert. „Es sind alles Menschen mit einer besonderen Beziehung zu Falkenhorst”, erklärt der Obmann. Er übernahm dieses Amt von Helmut Gerster, als dieser es etwas ruhiger angehen wollte. Thomas Bitsche geht es wie vielen, die sich immer wieder auf Falkenhorst einfinden. „Mir würde etwas fehlen, wenn ich das nicht hätte.”