Genussvolles Statement

„Nachhaltigkeit hat nichts mit Verzicht zu tun.” Davon sind Nicole Bachmann und Martin Reutz zutiefst überzeugt. Mit ihrer Spargelernte im Bludenzer Brunnenfeld liefern die beiden Frastanzer regelmäßig im Frühjahr einen vitaminreichen und wohlschmeckenden Beweis für dieses Credo. 

FOTOS: TM-HECHENBERGER

Bei der Sortenauswahl ging es den beiden
Spargel-Bauern vor allem um besten Geschmack.
Beim „Schneewittchen” handelt es sich um die älteste Sorte, die heute noch im deutschsprachigen Raum
im Erwerbs-Anbau verwendet wird.

Schneewittchen und Violetta d´Albenga – der Spargel aus dem Brunnenfeld trägt klingende Namen. Beide Sorten lassen sich heuer aber ziemlich Zeit. „Wir sind zwei Wochen hinten”, erklären Nicole Bachmann und Martin Reutz. Es war einfach längere Zeit nicht warm genug. Die Spargel­ernte geht nämlich erst richtig los, wenn die Temperaturen dauerhaft über 13 Grad Celsius liegen. Dann aber geben das grüne Schneewittchen und ihre violette Schwester richtig Gas. Sie wachsen durchschnittlich bis zu zwanzig Zentimeter innerhalb von 24 Stunden. An besonders heißen Frühlingstagen müssen die beiden Spargel-Bauern morgens und abends aufs Feld, um die jungen Triebe zu ernten, bevor sie „ausschießen”. Um die nächste Ernte nicht zu gefährden, wird Spargel traditionell nur bis zum 24. Juni geerntet. „Bei uns ist aber meist schon am 19. Schluss”, verrät Nicole Bachmann. Am 20. wird in der Familie  Geburtstag gefeiert.

Nicole Bachmann und Martin Reutz haben 2011 – tatkräftig unterstützt von Freunden und Verwandten – auf dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück im Brunnenfeld, das einst Nicoles Oma gehörte, insgesamt 3000 Spargelpflanzen gesetzt, mussten aber drei Jahre warten, bis sie mehr als nur ein paar „Probiererle” ernten konnten. „Anfangs waren viele skeptisch”, berichten die beiden. Doch inzwischen erkundigen sich auch andere Landwirte und sind beeindruckt, dass die viele Handarbeit  auf relativ kleiner Fläche rentabel sein kann. Weil sie konsequent darauf achten, dass der Boden durch eine lebendige Mikrobiologie fruchtbar bleibt, bringt das Feld immerhin nun schon seit sieben Jahren jeweils eine Tonne hochwertigen Spargel hervor. „Und die Brunnenfelder sind inzwischen richtig stolz auf unseren Spargel”, spüren Nicole Bachmann und Martin Reutz, wenn sie am Feld mit Spaziergängern oder beim Spargelverkauf im Carport von Nicoles Eltern mit den Kunden reden. 

Selbstversorger-Garten führte zum Jobwechsel
Grünspargel kann mit relativ wenig Infrastruktur und ohne Folienabdeckung (Plastikmüll) angebaut werden. Auch das war ein Grund, warum sich die beiden für dieses Gemüse entschieden haben. Auch Spitzen-Gastronomen wie Valentin Bargehr vom Rössle in Braz und „mizzitant” Denise Amann schätzen die Qualität des Brunnenfelder Spargels.

Dieser Austausch ist den beiden wichtig. Denn mit ihrem Spargelanbau möchten sie auch aufzeigen, dass es in der Landwirtschaft sehr wohl möglich ist, sich mit Qualität anstelle von Quantität durchzusetzen. Die beiden Frastanzer sind überzeugt davon, dass der Kunde bereit ist, für gute Lebensmittel einen fairen Preis zu bezahlen und dass es nicht nötig ist, der Natur mit Kunstdünger und Co auf die Sprünge zu helfen. „Wir beschäftigen uns schon seit zwanzig Jahren mit Nachhaltigkeit”, erklärt Nicole Bachmann. „Wenn man jung ist, geht man demonstrieren.” Später habe sie erkannt, dass sie bei sich selbst anfangen muss. „Ich habe jeden Tag die Möglichkeit, mich zu entscheiden, wie ich lebe.” 

Anfangs bauten die beiden Frastanzer auf einer Fläche von 700 Quadratmetern im Garten von Martins Eltern in Satteins Gemüse für den Eigenbedarf an. Die beiden Gemüse-Selbstversorger entwickelten eine derartige Passion für die biologische Landwirtschaft, dass sie sich zu einer nebenberuflichen Ausbil­dung an der Landwirtschaftlichen Fachschule in Hohenems entschlossen. Dieser Schritt gab ihrem Leben eine entscheidende Wendung. Nicole Bachmann war zuletzt als Sozialpädagogin an der Paedakoop des Vorarlberger Kinderdorfs beschäftigt und Martin Reutz hatte in verschiedensten Berufen – unter anderem in der Jugendherberge in Feldkirch – gearbeitet. Drei Sommer lang waren sie als Senner auf zwei verschiedenen Alpen im Großen Walsertal. Heute sind die beiden landwirtschaftliche Facharbeiter. Sie arbeiten nun Teilzeit als Gemüsegärtner in der „Gartenkooperative” – einer Solidarischen Landwirtschaft in Liechtenstein. Außerdem ernten sie im eigenen Biobetrieb Spargel und Wein.

Solidarischer Weinanbau in Batschuns
Der Carport vor Nicole Bachmanns Elternhaus dient als „Verkaufsstand”. Hier holen die Kunden den knackfrischen Spargel ab, der unmittelbar davor geerntet wurde.

Gemeinsam mit Gleichgesinnten pflegen sie nämlich auch einen Bio-Weinberg in Batschuns. Auf einem halben Hektar Grund haben sie vor allem Solaris-Trauben angepflanzt. Dass diese pilzresistente Sorte extrem früh reift, kommt den Batschunser Weinbauern entgegen. Auf einer Höhe von 700 Metern reifen die Trauben zwar langsamer, werden aber bis zum Herbst ebenso süß wie in klimatisch geeigneteren Lagen. Denn selbstverständlich wird da nichts künstlich „aufgebessert”. Rotweine keltert die Batschunser Weingemeinschft aus Léon Millot und Cabernet Jura. Der Weinbaubetrieb wurde 2012 gemeinsam mit dem Feldkircher Schriftsteller und Regisseur Thomas Welte gegründet. Seit einem Jahr wird das „Weinbaukollektiv  West” als „Solidarische Landwirtschaft” geführt. Jedes Mitglied investiert  pro Jahr 500 Euro und 40 Stunden Arbeit in den Betrieb. Die „Ausbeute” – letztes Jahr immerhin 51 Flaschen Bio-Wein für jeden – wird redlich geteilt. Weil das Konzept Anklang findet und gut funktioniert, sind heuer noch Ernteanteile zu vergeben. Nicole Bachmann und Martin Reutz laden gerne weitere Interessierte in diese Gemeinschaft ein.

Die beiden Frastanzer sind überzeugt, dass es solche Modelle sind, die in Zukunft wieder eine faire Landwirtschaft ermöglichen. Wenn sich Konsumenten direkt an den Kosten und Risiken beteiligen, ist der Produzent nicht mehr auf den schnellen Ertrag und große Absatzmengen oder Fördergelder angewiesen. In der Gartenkooperative, bei der sie momentan Teilzeit angestellt sind, sorgen sie für eine professionelle Umsetzung der Anbauplanung. Rund zwei Drittel der Arbeiten werden aber von den rund 120 Genossenschaftern selbst erledigt. Dadurch ist es möglich, mit alten Sorten zu experimentieren und so zu arbeiten, wie es für die Natur gut ist. Weil die Zahl der Abnehmer von vornherein klar ist, produzieren die Gemüsegärtner nicht „ins Blaue” und damit auch keine Überschüsse. Kleinere Strukturen leben schließlich vom direkten Kontakt zum Kunden.

Einkaufskooperative für Bio-Produkte
Nachbar Elmar Fitsch ist ein großer Fan des Brunnenfelder Spargels.

Den suchen Nicole Bachmann und Martin Reutz auch andersherum. Weil es ihnen zu mühsam war, für den Einkauf der Bio-Lebensmittel für sich und ihre „fast zehn- und fast zwölfjährigen” Söhne durch das ganze Land zu fahren, waren sie 2013 Mitinitiatoren einer Einkaufskooperative, welche inzwischen 45 Haushalte vor allem im Großraum Walgau, aber auch darüber hinaus, versorgt. Jeden dritten Freitag im Monat treffen sich die Vereinsmitglieder von KOST.bar auf ihrem „Marktplatz” im ehemaligen Rössle in Rankweil, um dort jene Waren abzuholen, welche sie über eine Software vorab bestellt haben. Die einzelnen Mitglieder sind jeweils dafür verantwortlich, dass gewisse Produktgruppen an diesem Markttag bereit stehen. „Wir kümmern uns zum Beispiel um Parmesan direkt aus Parma, Frastanzer Bio-Bier sowie Kartoffeln und Getreide aus Ludesch”, erklären Nicole Bachmann und Martin Reutz. Käse und Milchprodukte besorgen die beiden außerdem regelmäßig in der Sennerei Marul. Weil die Mitglieder Wert auf eine möglichst nachhaltige Verpackung legen, wird dort das Butterschmalz für die Foodcoop nicht mehr in Plastik-Tiegel, sondern in Mehrweg-Glasbehälter abgefüllt. Außerdem gibt es am „KOST.bar-Marktplatz” Zitrusfrüchte aus Sizilien, Kaffee aus Satteins, Milchprodukte aus Bludenz-Brunnenfeld, Brot aus Göfis, Getreide vom Martinshof,… und vieles mehr. Voraussetzungen dafür, dass ein Produkt ins Angebot der Initiative aufgenommen wird, sind die nachhaltige Bio-Produktion, eine umweltschonende (Groß-)Verpackung und der persönliche Bezug zum Hersteller. Idealerweise stammt das Produkt außerdem aus der Region. Die Mitglieder wollen sicher sein, dass sie eine faire Arbeitsweise auf allen Ebenen unterstützen. Deshalb wird der gemeinschaftliche Einkauf auch nicht dazu genutzt, die Preise zu drücken. Der Landwirt erhält seinen üblichen Ab Hof-Verkaufspreis. „Die Landwirtschaft ist so, wie ihr sie wollt”, appellieren Nicole Bachmann und Martin Reutz an alle Konsumenten, sich mit den Herstellern ihrer Lebensmittel zu verbünden. „Denn Nachhaltigkeit hat nichts mit Verzicht zu tun.”

Bis 20. Juni gibt es noch Spargel direkt vom Feld – allerdings nur auf Vorbestellung unter Tel: 0680/2179434.

Wer sich für die Foodcoop KOST.bar interessiert, kann einfach an einem 3. Freitag im Monat ab 19.30 Uhr im ehemaligen Gasthof Rössle in Rankweil vorbeikommen.

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