„Schach hat mein Leben verändert”

Christian Leitgeber war sieben Jahre alt, als er sich mit dem „Schachvirus” infizierte. Das „Spiel der Könige” fasziniert ihn bis heute und hat sein Leben in unerwartete Bahnen gelenkt.

FOTOS: TM-HECHENBERGER, PRIVAT, SCHACHCLUB SONNENBERG, INGIMAGE

Die Grundbegriffe hat der Bludenzer in Graz gelernt. Bei einem Verwandtschaftstreffen in der Steiermark weihten sein Vater und die Tante ihn und seine drei Brüder in die Schach-Spielregeln ein. Die vier Buben saßen bald regelmäßig am Schachbrett und traten nach und nach in den Schachclub Sonnenberg ein. Erst im Nachhinein fanden sie heraus, dass auch schon die Uroma und die Oma Mitglieder des 1949 in Nüziders gegründeten Vereins gewesen waren. 

Christian Leitgeber trat im Alter von acht Jahren zum ersten Mal bei einem internen Turnier an und wurde auf Anhieb zweiter. „Es ist schon von Vorteil, wenn man Geschwister hat”, lacht er, „ich hatte immer jemanden zum Üben.” Der Vater trug ebenfalls zur Motivation bei, indem er seinen Buben einen Schilling versprach, wenn sie es schafften, ihn schachmatt zu setzen.

Am Schachspiel fasziniert Christian Leitgeber die ständige Suche nach Lösungen. Er ist inzwischen längst selbst Trainer beim Schachclub Sonnenberg und im Landesverband als Jugendreferent sowie Vize-Obmann aktiv. Für ihn persönlich ist Schach allerdings mehr als nur ein Hobby. Im Club lernte er nämlich Menschen kennen, die sein Leben maßgeblich geprägt haben – allen voran der 2008 verstorbene Armin Neyer. 

„Er war so etwas wie ein Mentor für mich”, erinnert sich Christian Leitgeber voller Dankbarkeit. Der Mathematik- und Physiklehrer war jeden Samstagvormittag verlässlich zur Stelle, wenn – damals  noch im Aufenthaltsraum des Altenwohnheims Nüziders – das Jugendtraining des Schachclubs angesagt war. „Wir wollten ihn unbedingt besiegen”, berichtet Christian Leitgeber, wie er und seine Schachkollegen alles daransetzten, um dieses Ziel zu erreichen. Denn Armin Neyer verlor gar nicht gern gegen seine Schützlinge, obwohl er andererseits stolz war auf deren Erfolge. Regelmäßig begleitete er sie zu Turnieren, hatte aber auch Verständnis dafür, wenn Schach nicht das Einzige war, was für sie im Leben zählte. „Ich war der ewige Vize”, blickt Christian Leitgeber auf seine Zeit als Turnierspieler zurück. „Fußball war mir halt auch sehr wichtig.” Nur einmal hat er es geschafft, Landesmeister zu werden. Parallel dazu begann er aber, sich im Verein als Trainer für die Kleineren zu engagieren. „Armin hatte mich gefragt, ob ich ihn nicht ein bisschen unterstützen könnte.”

„Schach fördert wichtige Kompetenzen.”

Sein Vorbild Armin Neyer war es aber auch, der dem frischgebackenen Maurer-Gesellen den Floh ins Ohr setzte, dass er es sehr wohl schaffen könnte, seinen großen Traum umzusetzen und selbst Lehrer zu werden. „Eine weiterführende Schule war bei uns zuhause einfach nie Thema gewesen”, erklärt Christian Leitgeber. Inspiriert von dem Vertrauen, das sein Mentor in ihn setzte, erarbeitete er sich innerhalb eines Jahres die Studienberechtigung und folgte danach dem Beispiel seines Mentors. Seit zehn Jahren unterrichtet Christian Leitgeber Mathematik und Physik an der Mittelschule Bludenz. „Mein Traumberuf”, schwärmt er. Wen wundert es da, dass an der Mittelschule Bludenz seit nun schon sieben Jahren das Freifach Schach angeboten wird und durchwegs gut gebucht ist. Aktuell sind fast 50 Schüler angemeldet, die sich mit großer Freude Strategien überlegen, wie sie den gegnerischen König in die Enge treiben können. „In anderen Ländern ist Schach Pflichtfach”, weiß Christian Leitgeber und kann gute Gründe nennen, warum er dies auch in Österreich begrüßen würde. „Schach fördert wichtige Kompetenzen”, erklärt er. Gerade heute mangle es vielen Jugendlichen an „Sitzfleisch”. Beim Schachspiel trainieren sie ihre Konzentrationsfähigkeit und schulen sich in lösungsorientiertem Denken. Langfristig lerne man am Schachbrett außerdem, mit Fehlern umzugehen, ist er überzeugt. Das gleichwertige Miteinander von Jung und Alt, wie er es im Schachclub Sonnenberg von klein auf erlebt hat, sieht er ebenfalls als wichtige Erfahrung. Ein Zehnjähriger kann am Schachbrett schließlich durchaus ein ebenbürtiger Gegner für manchen Erwachsenen sein. Von den knapp fünfzig Mitgliedern des Schachclubs Sonnenberg sind rund ein Drittel in jugendlichem Alter. Sie treffen sich  immer  noch jeweils am Samstagvormittag zum Training, heute allerdings im eigenen Clublokal im Ortszentrum, das sich der Verein mit den Naturfreunden teilt. Am Dienstag Abend werden dort regelmäßig Blitzschach-Partien ausgetragen. Einmal im Monat geben die Trainer bei den Dienstags-Treffen zudem sportlichen Input, indem sie berühmte Partien analysieren und Taktiken erläutern.

Quarantäne-Liga im Lockdown

 Nun war im Corona-Jahr 2020 natürlich auch im Schachclub alles anders. Doch Christian Leitgeber nahm den ersten Lockdown zum Anlass, das Erwachsenentraining zu intensivieren, wie dies eigentlich schon länger geplant war. Fünf bis sechs Mitglieder trafen sich regelmäßig einmal in der Woche über Skype am Bildschirm, um ihre Endspieltechniken zu verfeinern oder sich taktische Motive anzueignen. Einige Mitglieder des Nüziger Vereins stiegen außerdem regelmäßig am Donnerstag und am Sonntagabend auf der Onlineplattform „lichess” ein, wo sie als Mitglieder des Teams Vorarlberg in der „Quarantäne-Liga” gegen Schachbegeisterte aus dem deutschsprachigen Raum antraten. Für die Jugendlichen hat Christian Leitgeber im Auftrag des Vorarlberger Schachverbands eine Online-Rallye organisiert, bei der sie sich im Wettkampf mit Gleichaltrigen aus dem „Drei-Länder-Eck” messen konnten. „Das ist aber natürlich nicht dasselbe, wie wenn man einem realen Gegner gegenüber sitzt”, ist dem Turnierleiter bewusst. Er ist manchmal ganz entsetzt, was er selbst beim Spiel am Computerbildschirm alles übersieht. 

Nun würde man meinen, dass sich gerade die Jugendlichen mit Begeisterung auf die Online-Schachangebote gestürzt hätten. Doch das Gegenteil war der Fall. „Mit Homeschooling und Online-Unterricht haben sie so schon den ganzen Tag am Bildschirm verbracht”, hat Christian Leitgeber volles Verständnis dafür, dass so manche/r eine Schach-Pause einlegte.  Er hofft sehr, dass sich die Situation bald wieder so entspannt, dass die Partien „offline” ausgetragen werden können.

Als Jugendreferent des Vorarlberger Schachverbandes freut er sich natürlich über gute Leistungen des Vorarlberger Nachwuchses. Während Schach bundesweit eher männliche Spieler anspricht, gibt es im Land auch eine starke Mädchen-Community, die regelmäßig mit tollen Erfolgen auf sich aufmerksam macht. Noch viel wichtiger ist ihm aber, dass seine Schützlinge nicht den Spaß an der Sache verlieren. „Leistungen sind dann ein tolles Nebenprodukt. Wenn etwas Spaß macht, kommen die ganz von allein”, ist er überzeugt. Seinen vierjährigen Sohn Moritz hat er mit seiner Schach-Begeisterung jedenfalls schon angesteckt…