Spezieller Blickwinkel auf das Geschehen

Ausgerechnet der Konkurs seines Arbeitgebers hat Alexander Kaisers Leben vor 16 Jahren in eine ganz neue Richtung gelenkt. Als Spezialist für spektakuläre Perspektiven liefert er seitdem Filmaufnahmen für hochkarätige Naturdokumentationen, Spiel- und Imagefilme. Den Walgau hat er als interaktives 360-Grad-Panorama aufgearbeitet.  

FOTOS: PRIVAT, TM-HECHENBERGER

2004 musste die Firma Degerdon in Bludesch Konkurs anmelden. „Sonst wäre ich wahrscheinlich immer noch dort”, lacht Alexander Kaiser. 25 Jahre lang fühlte sich der Textilchemikermeister und leitende Mitarbeiter in der Färberei sehr mit dem Betrieb verbunden. Der Verlust des Arbeitsplatzes war ein gewaltiger Einschnitt. Doch was sich anfangs schlimm anfühlte, hat dazu geführt, dass er heute mit einem umfangreichen Equipment an die schönsten Plätze der Welt und zu unterschiedlichsten Veranstaltungen reist, um Live-Übertragungen, Filme und Dokumentationen mit einer Ansicht von oben oder Aufnahmen in Bewegung zu bereichern. So hat er etwa in Reinhold Bilgeris „Erik & Erika”, im Winterspecial 2011 des „Bergdoktors”, Bully Herbigs „Buddy”, bei „Verstehen Sie Spaß?” und einigen Folgen der „Toten vom Bodensee” mitgewirkt. Die Mitarbeit an verschiedenen „Universum”-Dokumentationen des ORF hat den Nenzinger unter anderem in den Himalaya geführt, im Auftrag von SWR ARD hat er die Geheimnisse von Istanbul, im Auftrag des WRD die Bretagne, mit dem ARTE-Team die griechischen Inseln erkundet. Weltcup-Abfahrten, Marathons, Ruder-Wettbewerbe, die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft,… verfolgt er aus nächster Nähe, meist direkt über den Köpfen der Sportler. Denn Alexander Kaiser hat sich darauf spezialisiert, das Geschehen aus ganz besonderen Blickwinkeln festzuhalten. Er steuert hochauflösende Kameratechnik, die am Hubschrauber, an Drohnen, auf Booten, an Fahrzeugen, Sportgeräten,… angebracht ist, reitet auch schon mal mit teurer Filmausrüstung auf einem Elefanten durch den Dschungel. Als Kameramann muss man in solchen Situationen nicht nur die Technik im Griff haben. „Den meisten Menschen wird schlecht, wenn sie sich etwa beim Hubschrauberflug auf einen Bildschirm konzentrieren müssen”, erklärt Alexander Kaiser. Deshalb gibt es nur eine Handvoll an Spezialisten, die schon allein körperlich für solche Einsätze in Frage kommen. Außerdem braucht es ein gutes Händchen für die Steuerung der Fernbedienung. 

Nur wenige Menschen sind körperlich in der Lage, während eines Hubschrauberfluges die Kamera über einen Bildschirm gezielt zu steuern.

Alexander Kaiser kommt zugute, dass er sich schon als Jugendlicher fürs Modellfliegen und fürs Gleitschirmfliegen begeisterte. Es war auch bei einer Gelegenheit, als er in Ludesch einige Drachenflieger beobachtete, als ihm zum ersten Mal eine VHS-Kamera in die Hand gedrückt wurde. Er war damals 14 Jahre alt und weit davon entfernt, daran zu denken, dies als möglichen Beruf zu sehen. In  seiner Freizeit hat der Nenzinger aber immer wieder kurze Clips gedreht – unter anderem mit Gleitschirm-Akrobatik-Weltmeister Mike Küng.

Seine Ausbildung zum Kameramann absolvierte Alexander Kaiser bei der Firma Filmquadrat in Altach. Es hatte sich so ergeben, nachdem er extra ein Jahr lang für die Berufsmatura gebüffelt hatte, um an der Fachhochschule Dornbirn Intermedia zu studieren. Anstatt des Studiums wurden es vier Jahre intensiver Praxis, im Laufe derer der Nenzinger unter anderem an Imagefilmen für die ÖBB, die OMV und verschiedenste Vorarlberger Unternehmen mitwirkte. Für solche Projekte wurden immer wieder Luftaufnahmen gefordert, sodass Alexander Kaiser sich bei einem „Operator” in der Schweiz Tipps holte, wie man die teuren Kameras an Flugobjekten anbringt, sichert und vor allem richtig bedient. 

Alexander Kaiser hat ein großes Faible für Technik. So war es für ihn denn auch Ehrensache, dass er nur Aufnahmen in herausragender Qualität mit einer Auflösung von bis zu 8K abgab. Dieser Ruf kam ihm dann natürlich zugute, als er sich 2009 mit seiner eigenen Firma selbstständig machte. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort”, gibt sich Alexander Kaiser bescheiden. Und so führte bald ein Engagement zum nächsten. 

„Man erzählt eine Geschichte heute anders als früher”, erklärt der versierte Kameramann. „Es ist schwieriger geworden, die Leute zu fesseln, damit sie wirklich dranbleiben.” Da sind spektakuläre Blickwinkel natürlich gefragt. Abhängig von der Aufgabe setzt Alexander Kaiser auf unterschiedlichste Kameratechnik. Zwar besitzt er Flugdrohnen in verschiedenen Größen, wenn es um kostspielige Spezialausrüstung geht, leiht er sich die benötigten – bis zu 800.000 Euro teuren – Geräte aber bei professionellen Verleihern aus. Außerdem baut Alexander Kaiser auf ein solides Netzwerk an Hubschrauberpiloten und Fachleuten, die ihn bei Bedarf unterstützen. „Jeder macht das, was er besonders gut kann”, vertraut der Nenzinger etwa bei der detaillierten Farbkorrektur oder der musikalischen Untermalung gerne auf kompetente Mitglieder des Filmwerk Vorarlberg. Die Zusammenarbeit mit verschiedensten Regisseuren macht ihm ebenfalls viel Spaß. „Jemand flexibleren als ich es bin, gibt es nicht”, wissen diese aber auch zu schätzen, dass Alexander Kaiser und seine Kamera stets bereit sind, wenn das Wetter umschlägt, die Lichtverhältnisse perfekt sind oder die Nashörner endlich an der Wassertränke erscheinen. Um für alles gewappnet zu sein, führt der Nenzinger seine Ausrüstung meist in doppelter Ausführung mit sich. „Ich habe ein ganzes Lager an Akkus”, lacht Alexander Kaiser. Auf hunderten von Festplatten ist alles gesichert, was er je gefilmt hat.

Pannen gibt es trotzdem hin und wieder. So betrug der Schaden etwa mehrere hunderttausend Euro, als nach einem Dreh auf den Kanarischen Inseln – „Gottseidank nicht durch meine Schuld” – sämtliches Material mit dem Koffer auf dem Flughafen verschwand. Außerdem ist der flugsichere Kameramann, der rund 400 Stunden im Jahr im Hubschrauber verbringt, schon zweimal abgestürzt. Es ist für ihn aber beide Male glimpflich abgelaufen. 

Auch kuriose Situationen hat Alexander Kaiser schon erlebt. So leistet sich etwa der Emir von Katar regelmäßig ein bestens ausgestattetes Kamerateam, wenn er in der Wüste auf Falkenjagd geht. „Da braust man dann mit Hubschrauber, Auto und Drohne mit einer Geschwindigkeit von 140 km/h hinter einem Vogel her”, lacht Alexander Kaiser. Die Erlebnisse des Emirs bei der Falkenjagd zählen in Katar zum beliebten Fernsehprogramm der Bevölkerung.

Alexander Kaiser findet aber nicht nur in der Ferne spannende Motive. Gemeinsam mit dem Nenzinger Gemeindearchivar – „Thomas Gamon ist ein wandelndes Lexikon” – hat er sich schon des Öfteren mit seiner unmittelbaren Heimat befasst. „Wer kennt etwa die  Felspyramiden in der Nähe der Alpe Gamp?”, begeistert sich der Filmexperte für die geologischen Zeugen einer Vergangenheit, in welcher der gesamte Walgau von Gletschereis bedeckt war. „Nebenher, just for fun”, arbeitete er ein Jahr lang an dem Gampfilm, um auch den Wechsel der Jahreszeiten zu dokumentieren. Allein das Schneiden und die Farbabstimmungen dauerten drei Monate. Über die Flößer, welche einst Baumstämme über die Meng aus dem Gamperdonatal beförderten, hat er ebenfalls schon ein filmisches Zeitdokument verfasst.

In normalen Zeiten reist Alexander Kaiser für rund 80 Prozent seiner Aufträge ins Ausland. Die brachen mit Ausbruch der Corona-Pandemie jedoch alle weg. Deshalb nahm er gerne die Anregung von Thomas Gamon auf, seinen Heimatort – und in weiterer Folge – alle 14 Walgaugemeinden in einem interaktiven 360-Grad-Panorama zu erfassen. Allein für Nenzing fügte er 170 Aufnahmen zusammen, damit der Betrachter den Ort wirklich aus jedem beliebigen Blickwinkel erleben kann.  Die Kirchen können sogar innen erkundet werden. Interessante Text-Infos steuerte Historiker Gamon bei. 

Was einfach aussieht, ist das Ergebnis vieler Stunden Feinarbeit und einer gewaltigen Rechenleistung der Computer, die Alexander Kaiser in seinem Privathaus installiert hat. 

Abseits der Dreharbeiten verbringt er dort viel Zeit mit der Postproduktion, um etwa Aufnahmen anzugleichen, die bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen gemacht wurden. Doch bei aller Begeisterung für technische Möglichkeiten erkennt Alexander Kaiser gerne an: „Schlussendlich geht es um Kreativität. Du kannst einen guten Film auch mit dem iPhone drehen.”