Genuss und Gastfreundschaft

Ein altes Haus und seine Begeisterung für italienisches „Dolce vita” prägen das Leben von Jürgen Gehrmann und seiner Familie. Mit seiner Frau Michaela hat er die alte Mühle in Düns zu einem kleinen Juwel umgebaut. Im geschichtsträchtigen Ambiente bewirten die beiden dort ihre Gäste mit toskanisch-ligurisch-piemonteser Hausmannskost.

FOTOS: CHRISTA ENGSTLER, TM-HECHENBERGER, PRIVAT, INGIMAGE

„Was gibt es Schöneres, als für jemanden zu kochen?” Wenn Jürgen Gehrmann geduldig die Polenta rührt, seine Frittata gefällig anrichtet und die Soße fürs Kaninchen abschmeckt, ist er in seinem Element. Seine Frau Michaela, seine Mutter Claudia und seine Schwester Vera gehen ihm dabei zur Hand, kümmern sich um schön gedeckte Tische und die Getränke ebenso wie um den Abwasch. Es ist ein eingespieltes Team, dem man vor allem anmerkt, dass sie gerne Menschen bewirten. Die Gäste kommen aus dem ganzen Land und warten oft ganz schön lange auf einen Tisch. Denn das „Mulino” ist nur an zwei Wochenenden pro Monat jeweils für zwei Abende geöffnet. 

Dann aber wird aufgekocht in bester italienischer Landküchen-Manier. Zum Start fein ausgebackenes Gemüse, dann eine Frittata, ein Süpple, ein Schmorgericht und selbstverständlich auch ein anständiges Dessert. „Ich habe immer schon gerne gekocht”, erklärt Jürgen Gehrmann. Den Kamin für den Pizzaofen hatte er eingeplant, bevor er überhaupt wusste, dass er in der ehemaligen Müllerstube irgendwann Gäste bewirten würde. 

Der gelernte Tischler und technische Zeichner arbeitete einige Jahre lang für ein Tiroler Unternehmen der Holzindustrie im Außendienst und war damals viel in Italien unterwegs. Dort spähte er mit Vorliebe in die Küchen der Hotels und Gasthäuser, er erkundete mit Begeisterung, was hinter den Genüssen steht, die es ihm angetan haben. „Dabei sind viele Freundschaften entstanden”, erinnert sich Jürgen Gehrmann gern an diese Zeit. Heute weiß er genau, wo er den besten Risottoreis, das ideale Mehl für die Focaccia, hochwertiges Olivenöl und natürlich auch die passenden Weine bekommt. Milchprodukte, Fleisch und Kartoffeln aus unmittelbarer Nachbarschaft ergänzen seine umfangreiche Zutatenliste. „Wir kochen hier nicht, damit die Leute versorgt sind, wir wollen sie glücklich machen”, ist er sich mit seiner Frau Michaela einig. 

Zum Glück der Gäste trägt aber auch das einzigartige Ambiente bei, welches die beiden in vielen Jahren Arbeit geschaffen haben. Denn als Michaela die alte Mühle in Düns kennenlernte, war sie in einem eher desolaten Zustand. Die Fassade präsentierte sich wenig vertrauenswürdig, doch immerhin: das Dach war dicht. Die junge Frau aus Rankweil zog damals mit Jürgen in das alte Haus, das ihm so wichtig war, und erfuhr nach und nach die Geschichte des altehrwürdigen Gebäudes. 

Die Dünser Mühle befindet sich bereits in sechster Generation im Besitz von Jürgen Gehrmanns Familie. Die Taufpatin und Tante seiner Mutter Claudia, Regina Moll, schenkte es 1989 dem damals 14-Jährigen, als sie ihren Alterssitz ein paar Meter weiter bei ihrer Patentochter bezog. Sie erhoffte sich, dass der Großneffe das denkmalgeschütze Haus zu schätzen wisse. Da hat sie sich nicht geirrt. Jürgen war schon als Kind ständig in der alten Mühle. „Wir hatten hier sehr viele Freiheiten”, erinnert er sich. So hat er etwa als Neunjähriger den Vorplatz eigenhändig betoniert. „Heute zehn Zentimeter, in der nächsten Woche zwanzig”, schätzt er den Baufortschritt zu Kinderzeiten. 

Doch die Arbeit sollte später kaum weniger mühsam werden. Die hangseitige Nordwand war komplett nass, die Sachverständigen gaben sich die Klinke in die Hand, bevor Georg Mack vom Bundesdenkmalamt den rettenden Einfall hatte. Heute ist der Keller in eine ordentliche Schicht Rollkies gebettet und endlich trocken. Michaela und Jürgen Gehrmann renovierten über die Jahre ein Zimmer nach dem anderen. Sie schufen sich im Obergeschoss ein gemütliches Heim und dachten darüber nach, was mit der  Mühle selbst und der geräumigen Müllerstube geschehen soll. „Da durften wir als Kinder nie hinein”, erinnert sich Jürgen Gehrmann, dass seine Großtante Regina stets darauf achtete, dass die Mechanik, mit der das große Wasserrad die schweren Mühlsteine in Schwung bringt, nicht beschädigt wird. Sie ging davon aus, dass man die Mühle vielleicht ja irgendwann einmal wieder brauchen würde.

Bis 1958 hielten Regina Moll und ihr Bruder Hugo die Mühlsteine in Betrieb. Doch rentiert hatte sich dies in den letzten Jahren nicht mehr. Während 1952 in Düns noch rund 25 Tonnen Hafer, Gerste, Roggen, Weizen und Mais gemahlen wurden, waren es fünf Jahre später gerade noch 3300 Kilo. Aufgrund der geänderten Wetterverhältnisse bauten die Walgauer weniger Getreide selbst an. Außerdem gab es bald modernere Maschinen, um dieses fein zu mahlen. 

Gut, dass Regina Moll einen Nebenjob hatte. Obwohl sie keinerlei Ausbildung in dieser Hinsicht hatte, zählten die Menschen in der Nachbarschaft auf ihre Fähigkeiten als  Pflegekraft für die Wöchnerinnen. 

„Die Mühle zu Düns”

Univ.-Doz. Mag. Dr. Manfred Tschaikner fand viele Informationen über die Geschichte der Mühle an seinem Arbeitsplatz im Landesarchiv in Bregenz.

„Der Raum Jagdberg ist ein Gebiet, dem die Geschichtsschreibung bis vor Kurzem kaum besonderes Interesse entgegengebracht hat”, gibt Dr. Manfred Tschaikner zu. Dieser Nachholbedarf habe das Vorarlberger Landesarchiv aber 2008 dazu bewogen, in Zusammenarbeit mit der Elementa Walgau und den Walgau-Gemeinden das ehemalige Gericht Jagdberg genauer unter die Lupe zu nehmen. „Immerhin hat dieses Gefüge die Geschicke der Region wesentlich mitgeprägt”, hat der gebürtige Bludenzer nicht erst damals erkannt. Bei den Vorbereitungen für die Ausstellung „500 Jahre altes Gericht Jagdberg” hat er die alte Mühle und ihre Besitzer kennengelernt. „Gehrmanns zeigen so viel Liebe für das Gebäude und haben es los, aus dem alten Gebäude etwas zu machen.” Diese Begeisterung ist ansteckend. Deshalb erklärte sich der Historiker gerne dazu bereit, die Geschichte der Mühle – in Zusammenarbeit mit Claudia und Michaela Gehrmann, Kollegin Mag. Simone Drechsel und dem Dendrochronologen Mag. Klaus Pfeifer – genauer zu erkunden. Anfang September wird im Dünser Schulsaal der nächste Band der „Bludenzer Geschichtsblätter” präsentiert, der sich ganz der „Mühle zu Düns” widmet. 

Bisher war nur bekannt, dass die Mühle 1619 erstmals auf einer Urkunde auftaucht. Dr. Tschaikner, der übrigens mütterlicherseits Wurzeln in der sonnigen Jagdberggemeinde hat, war sich aber schon zu Beginn der Nachforschungen sicher, dass die Mühle viel älter sein muss. „Düns war sehr früh besiedelt. Das bezeugen Unterlagen aus dem frühen Mittelalter”, weiß er. Dort oben waren die Siedlungen gut geschützt, weil der Montanast- und der Weiherbach bei Schlagwettern höchstens einmal einen Keller überfluteten. Verheerende Überschwemmungen wie in den tiefer gelegenen Walgaugemeinden gab es in Düns so gut wie keine. „Was hätten die Menschen also früher mit ihrem Getreide machen sollen?” Heute weiß Dr. Tschaikner, dass die Mühle im Hochmittelalter gebaut wurde und große Bedeutung für die gesamte Region hatte. 

„Während das Müllergewerbe in anderen Regionen einen zweifelhaften Ruf hatte, waren die Müller bei uns angesehene Leute.” Es ist für Dr. Tschaikner nicht verwunderlich, dass die Mühle in Düns lange Zeit die Hausnummer 1 trug, dass dort die Gemeindeverantwortlichen ihre Beratungen abhielten und die Müllerstube ein Ort war, an dem man Menschen aus der ganzen Region treffen konnte, wo Geschäfte gemacht und Neuigkeiten ausgetauscht wurden – zu einer Zeit, als es in Düns nicht einmal eine eigene Pfarrkirche gab. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert. 

Das Mühlengebäude war ein herrschaftliches Lehen. Die Müller mussten an den Hubmeister der Habsburger Verwaltung in Feldkirch Abgaben zahlen. Deshalb ist ziemlich genau dokumentiert, wie die Geschäfte zu dieser Zeit liefen und wie die Getreideernten ausfielen. Das Klima war damals viel wärmer. Getreide und Wein gediehen in sämtlichen Walgaugemeinden.

Mehr wollten die Autoren des Geschichtsheftes vorab nicht verraten. Interessierte können die Details im neuen Band der „Bludenzer Geschichtsblätter” nachlesen, wo auch sämtliche Besitzer der Mühle aufgelistet sind. 

Beim Tag der Offenen Tür am 7. September gibt es im Rahmen von Vorträgen viel über die Vergangenheit zu erfahren. 

„Es sind sehr viele Kinder hier in der Mühle geboren worden”, weiß Jürgen Gehrmann. Einige Mädchen und Buben aus Dünserberg wurden außerdem mittags in der Mühle versorgt, wenn die Schulpause für den langen Heimweg zu kurz war. Nach dem 1. Weltkrieg waren viele Männer arbeitslos. Da diente die Mühle dazu, den Schein zu wahren. „Die Männer verließen morgens das Haus, als ob sie zur Arbeit gingen, und kehrten abends zu ihren Familien zurück”, weiß Jürgen Gehrmann aus Erzählungen. „Die Zeit dazwischen verbrachten sie aber in der Müllerstube beim Jassen.” Auch wurden die Stadtkinder aus Feldkirch in Kriegszeiten an diesen geschützten Ort verschickt, sogar die Amtsstube von Düns war eine Zeit lang in der Mühle angesiedelt. Nicht umsonst trug das Gebäude bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Hausnummer 1. 

„Wir wussten immer, dass wir da ein ganz besonderes Schmuckstück haben”, erklären Michaela und Jürgen Gehrmann. Sie zogen im Dezember 1995 dort ein, die Kinder Luca, Marina und Noah sind in dem alten Haus mit den niedrigen Stuben aufgewachsen.

Heuer wird in der Mühle groß gefeiert. Nach so vielen Jahren Arbeit sind die Renovierungen nun großteils abgeschlossen, außerdem gingen die Gehrmanns immer davon aus, dass die Mühle 2019 ihren 400. Geburtstag hat. Sie wussten damals nur von einer Urkunde aus dem Jahr 1619, in der die „Mühle zu Düns” erwähnt ist. Dieses Jubiläum war Anlass für intensive Nachforschungen. Claudia und Michaela Gehrmann haben in den Archiven geforscht und einen Stammbaum der ehemaligen Mühle-Besitzer erstellt. Die dendrochronologischen Untersuchungen der Baustruktur von Mag. Dr. Klaus Pfeifer und die Recherchen namhafter Historiker brachten dann aber sehr überraschende Neuigkeiten zutage (siehe Seite links). 

Das alte Mühlrad wurde 2009 nach Original-Plänen des Wasserbauamts nachgebaut.

Es bestätigte sich aber auch, dass die Mühle immer schon ein Treffpunkt, ein Ort der Geselligkeit war. „Das Haus strahlt eine ganz besondere Aura aus”, ist Michaela Gehrmann überzeugt. „Deshalb haben wir auch immer feine Leute im Haus. Sobald sie drinnen sind, sind alle ganz entspannt.” Sie selbst wollte eigentlich nie in die Gastronomie. Trotzdem gefiel ihr die Idee, ein bisschen Urlaubsflair in die alte Müllerstube zu bringen, aber das Alte nicht verschwinden zu lassen. „Zur Konzessionsprüfung musste ich sie aber fast zwingen”, lacht ihr Mann, der die geschäftlichen Dinge lieber an seine kaufmännisch vorgebildete Frau übergeben wollte. 2008 haben sie das „Mulino” mit seinem einzigartigen Konzept eröffnet. 

Denn wie in verschiedenen Regionen Italiens üblich, können die Gäste nicht aus einer großen Karte wählen. Stattdessen erwartet sie ein abwechslungsreiches Menü. Über die Speisenfolge werden sie vorab per E-Mail informiert, eventuelle Unverträglichkeiten und Sonderwünsche werden dabei abgeklärt.

Michaela und Jürgen Gehrmann sind ein gutes Gespann. Während Jürgen handwerkliches Können und seine Leidenschaft fürs Kochen einbringt, kümmert sich Michaela um die vielen liebevoll gestalteten Details, den Garten und Organisatorisches. Sie hält auch alles in Schuss, wenn Jürgen immer noch drei Tage der Woche auf Tour ist. Er ist inzwischen bei einem deutschen Holzgroßhandel für den Vertrieb zuständig. „Die Arbeit in der Mühle erdet mich”, sieht er sein Gastgeber-Dasein als schöne Ergänzung zum Beruf. Er freut sich, dass sich das alte Haus immer mehr zu einem Schmuckstück entwickelt hat, in dem sich die Menschen wohlfühlen. 

Jürgen und Michaela Gehrmann genießen ihr selbst geschaffenes Refugium.

„Wir haben in den letzten zehn Jahren so viele neue Freundschaften geschlossen und interessante Menschen kennengelernt.” Da sie nur vier Mal pro Monat geöffnet haben, muss das Mulino-Team natürlich vielen Interessierten absagen. Doch im Moment möchten sie ihren Gastbetrieb nicht ausweiten. „So ist es mehr wie ein Hobby und kein Muss”, möchten sich Michaela und Jürgen Gehrmann noch etwas Zeit für privates „Dolce far niente” bewahren.

TAG DER OFFENEN TÜR

Aus Anlass des Jubiläums der vermeintlich ersten urkundlichen Erwähnung laden Michaela und Jürgen Gehrmann am Samstag, 7. September zu einem Tag der Offenen Tür. Interessierte erfahren dort viele Geschichten über das traditionelle Müllergewerbe und das historische Gebäude.
Von 14.30 bis 22.00 Uhr kann das Haus besichtigt werden. Auf dem Vorplatz erwartet die Besucher Brot & Wein und einiges mehr. 

Außerdem steht Folgendes auf dem Programm:
11.00 Uhr – Segnung des Nepomuk-Bildstöckle durch Pater Niklaus
12.00 Uhr – Vortrag von Univ. Prof. Mag. Dr. Manfred Tschaikner zur Geschichte der „Mühle zu Düns”
13.30 Uhr – Fototermin aller „Mühle-Nachkommen”
14.30 und 16.00 Uhr – Vortrag von Mag. Dr. Klaus Pfeifer über die Ergebnisse der Dendrochronologischen Untersuchung.