Falter mit schlechtem Geschmack

Das Männchen des Kleinen Schillerfalters (Apatura ilia) lässt sich gerne an den Tragegurten von Rucksäcken oder Taschen nieder, um an verschwitzten Stellen Mineralien aufzunehmen.

Wer sagt denn, dass alle Schmetterlinge nur grazil von Blüte zu Blüte flattern, um sich am Nektar zu laben? Ein paar Außenseiter stehen genau auf jene Dinge, über die wir die Nase rümpfen: Kot, Aas, Schweiß, Benzin oder Gummiabrieb.

FOTOS: GERALD SUTTER, BEN WALCH, TM-HECHENBERGER

Lässt sich ein schön gezeichneter Falter auf der Schulter eines müden Wanderers nieder, hat er weder die Orientierung verloren, noch ist dies ein Zeichen besonderer Zutraulichkeit. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen männlichen Schillerfalter. Der freut sich nämlich, wenn das T-Shirt von der Anstrengung ordentlich durchgeschwitzt ist. Mit seinem Saugrüssel nimmt er Mineralien aus dem Stoff oder direkt von der Haut auf. Diese benötigt er, um sich erfolgreich fortzupflanzen. Die Weibchen suchen eher kohlehydrathaltige Nahrung, Baumsäfte oder den Honigtau von Blattläusen. 

Lockstoff alter Käse

Je nach Blickwinkel schimmern die Flügel des Großen Schillerfalters (Apatura iris) braun oder blau.

„Der Schillerfalter ist ein Glücksfalter”, schwärmt Ben Walch. Der gebürtige Ludescher beschäftigt sich seit seiner Kindheit intensiv mit Schmetterlingen. Er weiß daher, dass Schillerfalter sich vorwiegend in den höheren Etagen der Baumwelt bewegen. Nur wenn die Männchen einem Mineralienspender auf der Spur sind, kann man sie so einfach entdecken. Gute Chancen bestehen etwa entlang von Gewässern, wenn dort Weiden oder Zitterpappeln wachsen, an Flussböschungen, stark bewachsenen Viehweiden oder Lichtungen im Wald. Im Ludescher oder im Frastanzer Auwald etwa hat er den Großen und den Kleinen Schillerfalter schon öfter an einer Pfütze am Boden hocken sehen oder die Falter mit einem Stück altem Käse angelockt. Es muss nur richtig stinken.

Mit einer Flügelspannweite von bis zu 75 Millimetern gehört der Große Eisvogel (Limenitis populi) zu den größten heimischen Tagfaltern. Diese Art steht unter Naturschutz.

Auch der Eisvogel fällt auf solche Tricks herein. Allerdings lässt sich der Große Eisvogel nur selten am Boden beobachten. Die Weibchen bleiben ohnehin fast immer in den Wipfeln, vor allem von Espen. Schließlich sind deren Blätter bei ihren Raupen sehr beliebt. Obwohl auch der Kleine Eisvogel auf Pferdeäpfel und anderen Mist steht, ist er der einzige dieser vier Falter, der auch Blumen besucht, um Nektar zu saugen – und zwar ausschließlich von weißen und violetten Blüten. 

Raupen schlüpfen in bis zu drei Metern Höhe

Alle vier Arten fliegen im Juni und Juli, die männlichen Tiere etwas früher als die Weibchen. Sind die Reviere abgesteckt und die Paare sich einig geworden, legen die Weibchen ihre Eier an den Futterpflanzen ihrer Raupen ab, zum Teil in bis zu drei Metern Höhe. 

Die borstigen, wild bedornten Nachkommen des Großen und des Kleinen Eisvogels lieben Espen beziehungsweise Schattenpflanzen wie Hecken­kirsche oder Geißblatt, während der Große und der Kleine Schillerfalter Salweiden und Schwarzpappeln bevorzugen. Die Raupen der Schillerfalter haben am Kopf kleine Fühler, sodass sie – speziell im Herbst, wenn die grünliche Färbung nach mehreren Häutungen in Braun umschlägt – kleinen Nacktschnecken ähneln. 

Überwinterung in dehydriertem Zustand 

Alle vier Arten überwintern im Raupen-Stadium. Sie wickeln sich dafür in ein Blatt ein, das am seidenen Faden von einem Ast baumelt oder sich gut getarnt an einen Baumstamm schmiegt. 

Die Raupen verlieren in dieser Zeit enorm an Gewicht. So schrumpft die anfangs etwa acht Millimeter lange Raupe des Kleinen Eisvogels im Laufe der kalten Jahreszeit auf nur noch drei Millimeter. „Der Stoffkreislauf wird durch Dehydrierung fast völlig eingestellt”, erklärt Ben Walch, wie die kleinen Raupen in diesem luftigen Winterquartier eisige Temperaturen überstehen. Diese Strategie ist nicht immer erfolgreich. Zahlreiche Tiere vertrocknen über den Winter völlig. 

Für die Robusteren beginnt das Große Fressen, noch bevor die Bäume ausschlagen. Mit den steigenden Temperaturen legen sie sich nach und nach ein leuchtend grünes Frühlingskleid  zu. Ende Mai ziehen sich die Raupen in eine gut getarnte Stürzpuppe zurück. Zwei Wochen später entsteigen sie dieser luftigen Hülle, die an einem Zweig hängt, als stattliche Schmetterlinge. 

Der Schillerfalter verdankt seinen Namen einem faszinierenden Effekt, der nur bei den männlichen Tieren zu beobachten ist. Je nachdem, wie das Licht sich in den winzigen Luftkammern in den Schuppen an der Flügeloberseite bricht, schillern die ansonsten braunen Flügel in leuchtendem Blau. 

Der Große Schillerfalter legt seine Eier ausschließlich an Weiden und Schwarzpappeln ab, weil seine Raupen nur die Blätter dieser Pflanzen fressen.

Mit einer Flügelspannweite von 55 bis 60 beziehungsweise 55 bis 70 Millimetern sind der Kleine und der Große Schillerfalter fast gleich groß, obwohl der Name etwas anderes nahelegen würde. Sie unterscheiden sich lediglich durch ein paar Kleinigkeiten. So sind die Flügelunterseiten des Kleinen Schillerfalters weniger kontrastreich gezeichnet. Auf der Oberseite der Vorderflügel prunkt er dafür mit einem zusätzlichen dunklen, rot gerahmten Fleck, der dem Großen Schillerfalter fehlt. Die Spitzen der Fühler sind ebenfalls deutlich stärker gelb gefärbt. Die beiden Arten kommen oft gemeinsam in einem Gebiet vor.

Beim Kleinen und Großen Eisvogel ist der Größenunterschied deutlich mehr ausgeprägt. Während die Flügelspannweite beim Großen Eisvogel bei stattlichen 70 bis 75 Millimetern liegt, muten die 45 bis 52 Millimeter des Kleinen Eisvogels vergleichsweise bescheiden an. Weil lichte Wälder mit Espen durch Ausholzungen und vor allem das Espensterben abnehmen, ist der Große Eisvogel in seinem Bestand bedroht, Kleiner Eisvogel und Schillerfalter sind hingegen weit verbreitet.

Ein Schmetterlings-Leben ist allerdings von Vornherein eher kurz bemessen. Nur acht bis zwölf Wochen lang gibt es Gelegenheit, diese vier Arten aufzuspüren. Doch wenn man die „Glücksfalter” einmal gesichtet hat, sollte man sich den Fundort unbedingt merken. Denn „wenn sich das Umfeld nicht allzu sehr verändert, stehen die Chancen gut, dass sich Schillerfalter oder Eisvogel in den folgenden Jahren wieder dort einfinden”, verspricht Schmetterlings-Fan Ben Walch.

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BEN WALCH

… beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Schmetterlingen. Der gebürtige Ludescher hat Informatik studiert. In seiner Freizeit macht er mit dem Fotoapparat Jagd auf Falter in allen Entwicklungsstadien. In Fachkreisen hat er Aufmerksamkeit erregt, indem er vor zwei Jahren alle drei Arten des seltenen Appollofalters in Vorarlberg nachwies. Er hat sogar eine eigene Handy-App entwickelt, mit der Naturfreunde Schmetterlinge bestimmen, Wissenswertes über die in Europa heimischen Arten erfahren, Sichtungen dokumentieren oder ihr Wissen mittels Quiz unter Beweis stellen können: www.papilio.app/de