Neustart für das „Milka-Zügle”

Das „Milka-Zügle”, das in den Anfangsjahren als „Städtle-Express” für Furore sorgte, wird bald wieder durch die Gassen der Bludenzer Altstadt tuckern – generalüberholt und mit neuem Anstrich. Das freut nicht nur den Initiator von damals. Lothar Geigers Leben nahm durch das Bummelzügle eine Kehrtwendung – zurück zu seinen Bubenträumen.

FOTOS: DR. ALOIS REUTTERER, STADTARCHIV, WIGE & STADTMARKETING BLUDENZ, DREIER KAROSSERIE, FAM. GEIGER

Lothar Geiger wollte eigentlich Lokführer werden. Als er sich aber nach absolvierter Elektromechaniker-Lehre bei den Bundesbahnen bewarb, stellten ihn seine Eltern vor die Wahl: Kündigen oder ausziehen! Erstens störte sie die vorherrschende politische Gesinnung bei den ÖBB. Außerdem galt es als beschlossene Sache, dass der Bub das elterliche Bekleidungsgeschäft in der Kirchgasse übernahm. Lothar Geiger fügte sich. „So lief das damals eben.” Zur Bahn ist er später trotzdem gekommen:

Ende der 1970er hatte Bludenz als eine der ersten kleineren Städte in Österreich die Autos aus der Innenstadt verbannt. Die Geschäftsleute suchten eine Möglichkeit, die neu geschaffene Fußgängerzone mit einer besonderen Attraktion zu beleben. Als Obmann konnte Lothar Geiger seine Kollegen in der Wirtschaftsgemeinschaft davon überzeugen, dass ein Bummelzügle – wie er es im Urlaub bereits gesehen hatte – genau dies bewirken würde. Die WIGE schaffte also um 180.000 Schilling (rund 13.000 Euro) eine 20 PS starke Mini-Lok mit Waggons an, die nun jeweils am Mittwoch und am Samstag für ein paar Stunden in der Altstadt ihre Runden drehte. Doch bald stellte sich heraus, dass laufend dieselben Fahrgäste das Gratis-Angebot nutzten und die Plätze besetzt hielten. Nach zwei Jahren war klar: Es musste sich etwas ändern. „Ich habe das Zügle dann von der WIGE angemietet und von den Fahrgästen ein paar Schilling verlangt”, erzählt Lothar Geiger. Er setzte die Bahn aber auch in anderen Städten, auf Messen und bei Veranstaltungen ein. 

Diese Entwicklung kam für den Geschäftsmann genau zur richtigen Zeit. Große Modeketten hatten gerade das Städtle entdeckt und machten den kleinen Geschäften zunehmend Konkurrenz. Lothar Geiger verpachtete seinen Laden und schaffte selbst weitere Zuggarnituren an. „Das war eine schöne Zeit damals”, schwärmt der heute 83-Jährige von vielen netten Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Für den Walt Disney-Konzern tingelte er beispielsweise durch 59 Städte in ganz Europa. Sein Sohn Bernd begleitete ihn schon während der Lehrzeit zum Mechaniker regelmäßig auf den „Bähnle-Touren”. Mit 18 Jahren stieg er dann ganz in den Betrieb ein. 

„Gleich am ersten Tag, als ich meinen Lkw-Führerschein hatte, setzte mich mein Vater in einen Lkw mit einem Zug hinten drauf und schickte mich nach Wien”, erinnert sich Bernd Geiger noch gut an diesen Sprung ins kalte Wasser. Es war aber die oberösterreichische Hauptstadt, welche die beiden Bludenzer besonders ins Herz schlossen. „Ein Vorarlberger wird Linzer Markenzeichen” titelten die Oberösterreichischen Nachrichten 2006. Damals brachten Vater und Sohn bereits seit elf Jahren den Touristen im „City-Express” die Wahrzeichen der Stadt nahe. Sie nutzten von Profis besprochene CDs, um ihre Fahrgäste zu informieren. „Wenn es gewünscht ist, können wir die Texte in jedem Waggon in einer anderen Sprache abspielen”, ist Bernd Geiger stolz auf eine Auszeichnung für die „beste Stadtrundfahrt mit Bummelzügen in Europa”, welche der City-Express 2010 erhielt. Zwei zitronengelbe Zuggarnituren fahren heute täglich im Auftrag der Geigers durch die Linzer Innenstadt. Bernd Geiger hat seinen Lebensmittelpunkt ganz nach Oberösterreich verlegt, während sein Vater nun wieder mehr Zeit in seiner Heimatstadt und mit seiner Frau Trude verbringt.

Er hat live miterlebt, wie sich der Städtle-Express lila färbte und als „Milka-Zügle” zu einem besonderen Magneten vor allem für die Kinder entwickelte. Aufgrund technischer Gebrechen war die Bummelbahn in den letzten Jahren nur noch selten im Einsatz. Doch: „Sobald die Corona-Bestimmungen dies erlauben, soll das Milka-Zügle zumindest samstags wieder unterwegs sein”, verspricht der aktuelle Obmann der WIGE Bludenz, Bäckermeister Hanno Fuchs. Er hatte mit Unterstützung des Betriebsrats-Vorsitzenden mehrfach beim Aufsichtsrat des Mondelez-Konzerns vorgesprochen und schlussendlich die Zusage erhalten, dass die Schokoladen-Produzenten eine fachgerechte Renovierung und Instandsetzung finanziell unterstützen, und auch die Stadt Bludenz trägt den laufenden Betrieb mit. „Allein hätten wir uns das nicht leisten können”, ist Fuchs als Sprecher der Gewerbetreibenden dankbar. Kfz-Mechaniker Mathias Müller, der das Zügle schon seit Jahren wartet, hat die Lok auseinandergenommen, geeignete Ersatzteile aufgetrieben und die Technik auf neuesten Stand gebracht. Auch eine neue Lackierung war drin. Die Fahrer Martin Sturm und Günter Buda stehen bereit. Und bei der WIGE hoffen die Verantwortlichen, dass sich noch ein „Bähnle-Fan” findet, der ein paar weitere Touren übernimmt.